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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2015

Filmfest MünchenFrauen vor und hinter der Kamera

Von Noemi Schneider

Szene aus dem Film "Dukhtar" ("Daughter) von Afia Nathaniel (Dukhtar Productions, New York, USA)
Szene aus dem Film "Duhktar" ("Daughter") von Afia Nathaniel (Dukhtar Productions, New York, USA)

Eine "Maschine des männlichen Blicks" - so hat der Kunstkritiker John Berger 1972 die Filmkamera beschrieben. Und noch heute haben es Regisseurinnen schwer. Auch beim Filmfest in München sind sie in der Minderheit. Und wissen doch zu überzeugen. Drei Beispiele.

"Daughter"
von Afia Nathaniel
SPOTLIGHT, Pakistan, USA, Norwegen

"Sie müssen hier irgendwo sein!"

Um Mutterliebe geht es in "Daughter", einem Film der pakistanisch stämmigen Regisseurin Afia Nathaniel. Als Allah Rakhit die Frau eines pakistanischen Clanchefs erfährt, dass ihre 10-jährige Tochter an einen über 60-jährigen Stammesführer verheiratet werden soll, entschließt sie sich zur Flucht. Denn Allah Rakhit will ihrer Tochter um jeden Preis das Schicksal ersparen, dass sie selbst erleiden musste, als sie im Mädchenalter verheiratet und in die pakistanischen Berge verschleppt wurde.

Als die Männer die Flucht entdecken, wird die Jagd auf die Frauen eröffnet. Unterwegs begegnen die beiden Frauen einem Lastwagenfahrer, der sich entschließt ihnen zu helfen und nun ebenfalls zum Gejagten wird.

Die Frauen werden wie Tiere gejagt, während die Tiere, wie eine freilaufende Kuh, die an einer Stelle im Film gemächlich die Straße kreuzt, vollkommen unbehelligt bleiben. Kühe sind heilig in Pakistan und dürfen nicht zum Abschuss freigegeben werden. Für Frauen gilt das nicht, zeigt dieser Film.

Der Regisseurin Afia Nathaniel gelingt mit "Daughter" ein sehr berührender, hochspannender Film vor der atemberaubenden Bergkulisse Nordpakistans über eine mutige Mutter und ihren Kampf um das Leben ihrer Tochter.

Gewidmet hat die Regisseurin den Film ihrem "Mutterland".

Geraldine Chaplin in "Dólares de Arena" von Laura Amelia Guzmán & Israel Cárdenas (FiGa Films LLC, Los Angeles, USA)Geraldine Chaplin in "Dólares de Arena" (FiGa Films LLC, Los Angeles, USA)

"Dólares de Arena"
von Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas
SPOTLIGHT, Dominikanische Republik

"Ich habe mich in eine dominikanische Frau verliebt."

"Wie alt ist sie?"

"Ich weiß nicht, jünger als ich."

Viel jünger, um genau zu sein, ist die dominikanische Frau Noeli. So 40 bis 45 Jahre jünger als die 70-jährige Europäerin Anne, eine alternde Diva, gespielt von Geraldine Chaplin, die seit mehreren Jahren als Touristin Liebesurlaub auf der Karibikinsel verbringt.

Anne liebt Noeli, Noeli liebt Annes Geld und ihren Freund, einen Einheimischen, den sie Anne gegenüber als ihren Bruder ausgibt.

Noeli lässt sich mit reichen Europäern und Europäerinnen ein, um ihren Lebensunterhalt und vor allem ihren Freund zu finanzieren. Ihr Freund, ein arbeitsloser Musiker, findet es nämlich einfacher und vor allem bequemer für sich, wenn Noeli mit alten Männern oder Frauen schläft, anstatt sich selbst einen Job zu suchen.

An einer Stelle im Film will Noelis Freund dann aber doch wissen, was die "alte Dame" denn so als Gegenleistung verlange, manchmal denke er daran, sagt er. Noeli will nicht darüber reden. Die Traurigkeit die den ganzen Film über in ihren Gesten und Blicken mitschwingt, sagt alles darüber aus.

Der aus der Dominikanischen Republik stammenden Regisseurin und Kamerafrau Laura Amelia Guzmán, die den Film gemeinsam mit ihrem Mann Israel Cárdenas realisiert hat, gelingt mit "Dólares de Arena"  ("Sand Dollars") ein eindringlicher Film vor paradiesischer Kulisse über zwei Frauen, die aus Liebe miteinander handeln und mit sich handeln lassen.

Die beiden Hauptdarstellerinnen aus "Schau mich nicht so an" Uisenma Borchu ("Schau mich nicht so an" / Filmstill)Die beiden Hauptdarstellerinnen aus "Schau mich nicht so an" ("Schau mich nicht so an" / Filmstill)

"Schau mich nicht so an"
von Uisenma Borchu
NEUES DEUTSCHES KINO, Deutschland

Liebe sucht man in "Schau mich nicht so an" der mongolisch stämmigen Regisseurin und Münchner Filmstudentin Uisenma Borchu vergebens.

"Das ist so ein Film, der die Charaktere finden will. Und der macht es dann intensiv, dadurch, dass er vor allem mit ihrer Sexualität spielt und das auch alles in Frage stellt, was diese Frauen sind. Sie wurden ja von Anfang an in das Kostüm der Frau gesteckt, aber ist das denn schon alles?"

In "Schau mich nicht so an" beginnen die beiden Nachbarinnen Hedi und Iva eine leidenschaftliche Beziehung miteinander. Die Regisseurin Uisenma Borchu verkörpert die Karrierefrau Hedi, die sich nimmt, was sie will. Ein provokanter Film über Frauenbilder, Sexualität und weibliche Selbst-Inszenierung.

"Ich glaub', in unserer Gesellschaft ist Sexualität was ganz Komisches. Für mich ist das eine der schönsten Sachen und auch eine der banalsten Sachen, die es gibt. Und ich denke, es ist an der Zeit, dass man Sex zu etwas ganz Alltäglichem macht, wie abwaschen. Nacktheit ist für mich kein Problem, da gibt es Sachen, die sind für mich weitaus intimer. Nacktheit? Ich meine, wir sehen alle gleich aus. Wir haben Titten, Muschis, Penisse, alles in verschiedenen Variationen, aber es ist Haut. Es gibt mehr als das. Man muss ja auch mal dahinter schauen, hinter diese Oberfläche."

Und hinter dieser Oberfläche in "Schau mich nicht so an" stehen ebenfalls zwei Frauen, die einander und sich selbst belügen und einen Ausweg suchen aus dem "Kostüm der Frau" Uisenma Borchu:

"Was ich bei den Frauen wichtig fand, ist diese Unehrlichkeit, die in dem ganzen Film spürbar ist. Es gibt sehr viel Unehrlichkeit, es herrschen Ängste, Urängste, Unsicherheiten, dass man einfach gar nicht mehr raus will, aus seinem kleinen Schneckenhaus und daher kann man einfach gar keine Liebe spüren. Es gibt aber nur Liebe, wenn sich die Menschen entscheiden ehrlich zu sein und sich zu offenbaren und dann kann man vielleicht hoffen, auf Liebe."

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