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Fazit | Beitrag vom 04.07.2019

Filmfest München Deutsches Kino mit viel Potenzial

Von Patrick Wellinski

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Das Foto zeigt die Schauspielerin Corinna Harfouch in dem Film "Lara" von Jan-Ole Gerster. Der Film wurde beim 37. Münchner Filmfest (bis 6.7.2019) gezeigt. (Frederic Batier/ Studiocanal/ Filmfest München)
Corinna Harfouch überzeugt in Jan-Ole Gersters "Lara" auf dem Filmfest München. (Frederic Batier/ Studiocanal/ Filmfest München)

Für Fachbesucher des Filmfest München ist die Reihe "Neues Deutsches Kino" das Highlight des Festivals. Auch dieses Jahr hat Filmjournalist Patrick Wellinski wieder kleine Juwelen entdeckt - heiße Anwärter auf den mit 70.000 Euro dotierten Förderpreis.

"Lara" von Jan-Ole Gerster

An ihrem 60. Geburtstag wird die pensionierte Beamtin Lara Jenkin mit den Fetzen ihres Lebens konfrontiert. Einen Tag lang folgt Regisseur Jan-Ole Gerster seiner vom Ehrgeiz zerfressenen Hauptfigur, sieht ihr dabei zu, wie sie ungeschickt versucht, den Kontakt zu ihrem Sohn herzustellen, der an diesem Abend ein wichtiges Klavierkonzert gibt. Laras unbarmherzige Ansprüche haben Mutter und Sohn entzweit.

Sieben Jahre nach seinem Überraschungshit "Oh Boy" kehrt Jan-Ole Gerster mit einem großartig konstruierten und stimmig inszenierten Drama wieder zurück auf die deutsche Leinwände – inklusive einer herausragenden Corinna Harfouch in der Rolle des Muttermonsters Lara, deren eigener Perfektionismus sie vollends isoliert hat. In klaren, durchaus humorvollen Bildern gelingt Gerster ein überzeugendes Porträt eines verschenkten Lebens.

Inszeniert auf der Höhe der Zeit, intelligent und stilsicher, wie man es in der Form nur aus dem französischen Kino kennt. "Lara" war das große Highlight unter den 16. Spiel- und Dokumentarfilmen, die auf dem 37. Filmfest München in der vielversprechenden Reihe "Neues Deutsches Kino" ihre Premiere gefeiert haben.

"Rest in Greece" von Florian Gottschick

Was nicht bedeutet, dass die vom neuen künstlerischen Leiter des Filmfests, Christoph Gröner, weiterhin kuratierte Reihe enttäuschte. Seine eigensinnige Auswahl bot auch dieses Jahr wieder einen interessanten Einblick in die Potenziale des deutschen Kinos, zum Beispiel beim Thema Sinnlichkeit, im Spielfilm "Rest in Greece".

Ein Ehepaar verbringt den Urlaub in Griechenland. Eines Tages steht die Tochter des Vermieters im Wohnzimmer der Ferienwohnung. Langsam entlädt sich bei allen beteiligten angestauter Frust. Florian Gottschicks Variation des Menage-à-trois-Themas in seinem großenteils improvisierten Spielfilm "Rest in Greece" inszenierte eine clevere Begierde-Spirale, die demonstriert, dass Erotik im deutschen Kino kein verschämter Seitenaspekt sein muss.


"Golden Twentys" von Sophie Kluge

Doch nicht alles in der Festival-Reihe "Neues Deutsches Kino" überzeugte – wie etwa die zerfaserte Geschwister-Ballade "Bruder Schwester Herz", die auf Dauer ermüdende Kneipen-Improvisation "Leif in Concert" oder der überambitionierte Musikkonservatoriums-Thriller "Prelude". Wie man allerdings frischen Wind in die doch so bekannten Probleme der Twentysomethings bringt, zeigte Sophie Kluge in ihrem smarten Debütfilm "Golden Twenties".


"Es gilt das gesprochene Wort" von Ilker Catak

Bei den deutschen Spielfilmen beim Filmfest fiel dieses Jahr auf, wie sehr das Erzählen von Gefühlen im Vordergrund steht. Man blieb nah an den Figuren, ordnete die Bildsprache dem Plot unter, was auf Dauer natürlich eine gewisse ästhetische Uniformität erzeugt. Es lastet viel auf den immer wieder schicksalsschwangeren Drehbüchern. Ein gutes Beispiel für dieses Spannungsfeld war Ilker Cataks Drama "Es gilt das gesprochen Wort".

Darin geht die von Anne Ratte-Polle genial gespielte Pilotin Marion eine Scheinehe mit dem türkischen Einwanderer Bahran ein, damit dieser einen deutschen Pass bekommen kann. Trotz Krebsdiagnose und einigen weiteren arg konstruierten Skript-Einfällen, gelingt es Catak sehr ruhig und erwachsen von wandelnden Allianzen und sogar von ungewollter Liebe zu erzählen, ohne ins nahe gelegene und verführerisch leichtbekömmliche Melodrama abzugleiten.

Und so war es Cataks Film, und nicht Gersters "Lara", der aufgrund seiner Zerrissenheit am besten den Zustand und die brodelnden Potenziale des neuen deutschen Kinos in München spiegelte. 

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