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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.12.2009

Filmemacherinnen im Gespräch

Iris Gusner und Helke Sander: "Fantasie und Arbeit - Biografische Zwiesprache", Schüren Verlag, Marburg 2009, 291 Seiten

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Überraschende Parallelen in den beiden Biografien. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)
Überraschende Parallelen in den beiden Biografien. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Beide haben Spiel- und Dokumentarfilme gedreht, als der Beruf Filmregie für Frauen noch exotisch war. Beide können sich ihres guten Namens in der Filmgeschichte sicher sein, wissen aber auch, wie viele nicht realisierte, nicht öffentlich gezeigte Arbeiten heimlich in ihren Filmografien spuken.

Iris Gusner war eine der wenigen Frauen, die im staatlichen Filmstudio Defa in der DDR auch Spielfilme inszenierten, Helke Sander prägte in der BRD der siebziger und achtziger Jahre den Neuen Deutschen Film entscheidend mit.

Das wäre reiches Material genug, um zurückzuschauen und eine vergleichende Ost/Weststudie über ihre Erfahrungen zu schreiben, doch Iris Gusner und Helke Sander entdeckten in ihren Zwiegesprächen noch andere Parallelen in ihren Biografien, ihren Interessen und Arbeitsweisen, die sie dazu reizten, ihre Erinnerungen in einem gemeinsamen Buch festzuhalten. "Fantasie und Arbeit" ist eine Chronik ihrer Lebensläufe, in jeweils sehr persönlicher Sprache formuliert und wie im Dialog aufeinander bezogen.

Iris Gusner studierte in Moskau Filmregie und erlebte aus dieser mehrjährigen Auslandserfahrung die Enge der DDR mit zwiespältigen Gefühlen. Tochter einer selbstbewussten berufstätigen Mutter bewunderte sie zunächst die Emanzipationsangebote, die die junge DDR den Frauen machte, erfuhr jedoch als alleinerziehende Mutter zweier Töchter, dass ihre Filmarbeit nur schwer mit ihrer Mutterrolle zu vereinbaren war. Helke Sander beschreibt ihrerseits anschaulich die Frauen ihrer Jugend, die ihr eine andere Welt als das restaurative Hausfrauenideal der Adenauer-Ära aufzeigten. Sie erkämpfte sich in Finnland eine frühe Karriere als Theater- und Fernsehregisseurin und zog nach einer gescheiterten Ehe mit ihrem Sohn nach Westberlin, um Film zu studieren.

Kein Wunder, dass die intensive und höchst emotional erlebte Doppelbelastung als Künstlerin und Mutter beide Regisseurinnen zu Filmprojekten inspirierte, aber auch auf Kollisionskurs mit Filmproduzenten, Ideologen aller Couleur und gesellschaftlichen Tabus brachte. Im Westen setzte sich Helke Sander mit der patriarchalischen Arroganz der 68er-Häuptlinge auseinander und initiierte die Frauenbewegung der siebziger Jahre, im Osten erfuhr Iris Gusner im Alltag wie in deren filmischer Bearbeitung durch die Defa, dass die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern oft nur eine Floskel war.

Das Buch von Iris Gusner und Helke Sander führt anhand persönlicher Erlebnisse und äußerst anschaulicher Schilderungen der Zeitumstände in das geteilte Deutschland zurück. Man erfährt nicht nur Interessantes über die unterschiedlichen Bedingungen künstlerischer Arbeit der Frauen in der DDR und der BRD, auch das heute gern propagierte Klischee der perfekten "Ost-Frau" bekommt einige Kratzer.


Besprochen von Claudia Lenssen

Iris Gusner und Helke Sander, Fantasie und Arbeit - Biografische Zwiesprache,
Schüren Verlag, Marburg 2009, 291 Seiten, 19,90 Euro

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