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Im Gespräch | Beitrag vom 13.01.2020

Filmemacherin Sibylle SchönemannMit der Kamera Täter aus dem DDR-Gefängnis befragt

Moderation: Ulrike Timm

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Die Regisseurin Sibylle Schönemann steht in ihrem Film "Verriegelte Zeit" vor einer Außenwand. Auf einem an der Wand angebrachten Schild steht geschrieben: "Geländes des Jugendhauses. Unbefugten ist das Betreten, Befahren und die bildliche Darstellung verboten, Zuwiderhandlungen werden bestraft. Leiter JH."   (© DEFA-Stiftung / Michael Loewenberg)
Regisseurin Sibylle Schönemann hat 1990 den Film "Verriegelte Zeit" gemacht. Darin hat sie diejenigen mit der Kamera befragt, denen sie im DDR-Gefängnis ausgesetzt war. (© DEFA-Stiftung / Michael Loewenberg)

In ihrer gefeierten Doku "Verriegelte Zeit" hat Sibylle Schönemann kurz nach dem Mauerfall die perfiden Seiten des DDR-Regimes und seiner Täter gezeigt. Zum 30. Jubiläum des Endes der DDR wird sie wieder auf Festivals eingeladen – aber Filme macht sie nicht mehr.

"Bestimmte Ereignisse wollen gerne vergessen werden", sagt Sibylle Schönemann. Was die Filmemacherin damit meint? Zum Beispiel das, was ihr 1985 im Gefängnis, im thüringischen Hohenleuben, passiert ist. Das, was ihr dort angetan wurde. Und deshalb befragte die Regisseurin 1990 diejenigen, die für ihre Haftzeit verantwortlich waren.

Sibylle Schönemann wollte die Leute mit der Kamera treffen, denen sie im Knast monatelang ausgesetzt war: Angefangen mit dem Vernehmer, dem Richter, bis zur so genannten Erzieherin. "Die haben sich darauf eingelassen. Ich vermute mal, weil sie sich die Chance auch nehmen wollten, ein gutes Bild zu vermitteln. Weil sie nicht wussten, wie wird die Zeit über sie urteilen."

Niemand wollte Verantwortung übernehmen

Die Aufnahmen entstanden 1990, noch vor der Öffnung der Stasi-Akten. Daraus wurde später der Dokumentarfilm "Verriegelte Zeit".

Die Gespräche mit den Verantwortlichen verliefen vielfach ernüchternd. Die meisten erklärten, "sie haben nur nach Gesetz gehandelt, das gemacht, was ihre Aufgabe war. Damit ist keine Verantwortung verbunden, niemand fühlte sich schuldig."

Gewünscht habe sie sich natürlich etwas anderes, macht Sibylle Schönemann klar. "Ich habe gehofft, dass ich ihnen auch eine Chance gebe zu sagen, dass es ihnen leidtut. Ich fand es extrem wichtig, dass sie vielleicht Einsicht haben, für das, was geschehen ist. Damit es nicht noch einmal passiert."

Doch in keinem der Gespräche hat sich diese Hoffnung erfüllt. Zehn Monate musste Sibylle Schönemann im Gefängnis verbringen, dann wurde sie im Sommer 1985 vom Westen freigekauft, so hieß das damals. Eigentlich sollte die Regisseurin zwölf Monate absitzen, wegen "Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit".

Schönemann und ihr damaliger Mann hatten einen Ausreisantrag gestellt, "aus beruflichen Gründen", wie Sibylle Schönemann erzählt. Eigene Filmvorschläge, Drehbuchentwürfe wurden von der DEFA kaum akzeptiert. Ihr Mann, ebenfalls Autor und Regisseur, konnte praktisch gar nichts mehr veröffentlichen.

Zwölf Monate Gefängnis für einen Ausreiseantrag in die Bunderepublik, das war selbst in der DDR nicht üblich. Hat Sibylle Schönemann dafür eine Erklärung? Aus den Stasi-Akten geht für die heute 66-Jährige hervor, dass es den Verantwortlichen darum gegangen sei, "ein Exempel zu statuieren".

Das Leben vor und nach dem Knast

Nach dem Mauerfall, Sibylle Schönemann wohnte seit dem Freikauf aus der DDR in Hamburg, wollte sie über ihren Weg selbst entscheiden. Ein Wunsch: Noch einmal zurück in den Knast im thüringischen Hohenleuben. An den Ort, der ihr Leben in ein Davor und ein Danach teilt. "Ich habe mir immer Gedanken gemacht, wie das ist, wenn das Land sich vereinigt, und alle – Täter und Opfer – in einem Topf sind. Ich wollte immer zurückgehen. Ich wollte immer selbst entscheiden, wann ich da weggehe."

Regisseurin Sibylle Schönemann im Porträt  (Sybille Zimmermann)Sibylle Schönemann: Abschied vom Filmemachen (Sybille Zimmermann)

2001 entscheidet sich Sibylle Schönemann, nicht mehr als Filmemacherin zu arbeiten. "Ich wollte keine Unterhaltung machen. Ich fühlte mich zunehmend zu Menschen hingezogen, die etwas erlebt hatten. Die wussten, was Trauer ist; die wussten, was das Leben bedeutet. Ich wollte einfach mehr ernst in meinen Leben haben."

Telefonseelsorge statt Regiearbeit

Seither hat sie in einem Hospiz gearbeitet, sich für Flüchtlinge engagiert, war in der Telefonseelsorge tätig. "Ich habe ein neues Feld für mich gesucht. Ich habe ein halbes Jahr Psychologie studiert, habe dann angefangen, eine Ausbildung bei der Telefonseelsorge zu machen. Und Telefonseelsorge, was man da für Geschichten hört."

30 Jahre Mauerfall, 30 Jahre Wiedervereinigung – in diesen Tagen wird Sibylle Schönemann wieder häufig als Filmemacherin eingeladen. Auf Filmfestivals in Frankreich, Rumänien, auch hierzulande. Über das Interesse an ihrem Film "Verriegelte Zeit" freut sie sich. Auch wenn ihr klar ist, dass die heutige Generation ihre ganz eigenen Probleme hat.

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