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Im Gespräch | Beitrag vom 19.09.2019

Filmemacherin Nora Fingscheidt"Mich interessiert die Geschichte dahinter"

(Wdh. vom 14.2.2019)

Nora Fingscheidt im Gespräch mit Katrin Heise

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Ein Porträt der Regisseurin Nora Fingscheid. (imago/Seeliger)
Nora Fingerscheidt: "Wir hatten auch viele leise und lustige Drehtage." (imago/Seeliger)

"Systemsprenger" werden auffällige Kinder inoffiziell im Jargon der Jugendhilfe genannt. Der gleichnamige Film erhielt bei der Berlinale den Silbernen Bären. Jetzt kommt der Film in die Kinos - ein Gespräch mit Regisseurin Nora Fingscheidt.

Sie sei fasziniert von Kindern mit viel Lebensenergie, die alle Vorstellungen von angepassten, liebenswerten Kindern sprengen, sagt Nora Fingscheidt. "Systemsprenger" heißen sie inoffiziell im Jargon der Jugendhilfe. Und so heißt auch der Spielfilm der 36-jährigen Regisseurin, der im Wettbewerb der Berlinale lief und dort am 16.2. mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde - dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst.

Helena Zengel als Benni in "Systemsprenger". (obs/ZDF/Yunus Roy Imer)Nora Fingscheidts"Systemsprenger" läuft im Berlinale-Wettbewerb (obs/ZDF/Yunus Roy Imer)

Im Mittelpunkt der Films steht die neunjährige, offensichtlich schwer traumatisierte Beni, die bei der völlig überforderten Mutter nicht leben kann und stattdessen ein ganzes Heer von Sozialarbeitern in Atem hält. Nora Fingscheidt war es dabei wichtig, niemandem die Schuld an einem Versagen zuzuweisen. "Ein Film, der mit dem Finger auf jemanden zeigt, wäre für mich nicht reizvoll gewesen. Die Geschichte dahinter finde ich interessanter. Also was sind die jahrlangen Prozesse, die dazu führen?"

Recherche bei der Jugendhilfe und in der Psychiatrie

Nora Fingscheidt hat für die Recherche mehrere Wochen in verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe bis hin zur Psychiatrie verbracht. Und mit der neunjährigen Hauptdarstellerin Helena Zengel habe sie viele Monate gearbeitet, um sie möglichst sanft an die Figur heranzuführen.

"Ich dachte, oh, ich habe eine wahnsinnige Verantwortung als Regie mit einem sehr jungen Mädchen. Wir haben ein halbes Jahr vor Drehbeginn angefangen, regelmäßig miteinander zu arbeiten und immer herauszuarbeiten, wie würde Benni reagieren und wie würde Helena reagieren, damit sie diese beiden Welten nicht durcheinanderbringt. Der Dreh zog sich über fünf Monate hin, und da hatten wir auch viele leise und lustige Drehtage mit gar nicht so schlimmen Szenen."

Sie selbst habe sich schon als Kind und Jugendliche eher für die Außenseiter interessiert und sie habe schon sehr früh gewusst, dass sie unbedingt Filme machen wollte. Ihr war nur nicht klar wie. "In meiner Familie hat keiner einen künstlerischen Beruf. Deshalb war meine Entscheidung, ich würde gerne Filme machen, erst mal eine sehr abstrakte." Nach dem Abitur ging die Braunschweigerin nach Berlin und schrieb sich für unterschiedliche Studiengänge an der dortigen Freien Universität ein. "Die haben mich alle total interessiert, aber ich habe in keinem Fach auch nur ein Vordiplom gemacht."

Parallel machte sie damals ihre ersten kurzen Filme an der selbstverwalteten Filmschule "Film Arche". Von dort schaffte sie dann den Sprung an die Filmhochschule Ludwigsburg. Da sie in dieser Zeit ihren Sohn bekam, studierte sie acht Jahre. Bis heute arbeitet sie mit Menschen, die sie dort kennen lernte. "Ich war in einer Kleinstadt mit Kommilitonen, die alle so wie ich unbedingt Film machen wollten, und das waren paradiesische Zustände."

Ein Leben wie im 19. Jahrhundert

Ihr Abschlussfilm "Ohne diese Welt" geht auf ihre Zeit als Austauschschülerin in Argentinien zurück. Damals hatte sie zufällig eine Vertreterin der Gemeinschaft der Mennoniten kennen gelernt. Die Anhänger dieser evangelischen Freikirche versuchen, ein Leben wie im 19. Jahrhundert zu führen – allem technischem Fortschritt zum Trotz. 16 Jahre nach dieser Begegnung machte Nora Fingscheidt sich auf die Suche nach dem Ort, aus dem das Mädchen gekommen war und gewann das Vertrauen der Bewohner.

"Wir haben dort zwei Monate verbracht und wirklich mitgearbeitet und mitgelebt. Und wir haben auch nicht am Tag eins die Kamera rausgeholt, sondern erst mal zehn Tage geschaut, dass die Menschen sich an uns gewöhnen. Und was dann passiert ist, waren am Ende alles Geschenke. Auch die Erwachsenen waren sehr ehrlich mit uns." Für den Film wurde Fingscheidt mit dem Max Ophüls Preis belohnt.

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