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Vollbild | Beitrag vom 10.04.2021

Filme über FamilienfestePsychoduell am Kaffeetisch

Von Hartwig Tegeler

Szene aus "Der Leopard", noch liegen sich alle in den Armen. (IMAGO)
Der Machtwechsel steht bevor: Visconti erzählt in seinem Film "Der Leopard" vom Untergang der alten und der Entstehung der neuen Ordnung im Sizilien der 1860er-Jahre. (IMAGO)

Hochzeiten werden verschoben, Geburtstage nur in kleiner Runde gefeiert: Familienfeste finden gerade nicht wie gewohnt statt. Diese fünf großartigen Filme erinnern daran, dass die Feiern mit der Verwandtschaft nicht immer harmonisch ablaufen.

Platz 5 – "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich" von Jay Roach (2004)

Das erste Treffen zwischen Gaylords Eltern und Schwiegereltern mutiert zum Kulturclash. Alles kommt ans Tageslicht: Schwanger- und vermeintliche Vaterschaften sowie dieses ganze Familienzeugs. Kein Wunder beim Credo des Schwiegervaters zum Schwiegersohn: "Es ist wie bei der Erforschung des Höhlenmenschen. Wenn ich sehe, wo du herkommst, kann ich mir besser vorstellen, wo du einmal hingehst."

Es treffen die lebenslustigen Hippie-Eltern - er Hausmann, sie Sexualtherapeutin - auf den kontrollsüchtigen Ex-CIA-Mann samt unscheinbarer Gattin, sprich Dustin Hoffman und Barbara Streisand auf Robert De Niro und Blythe Danner. Es braucht allerdings nur eine kurze Nacht im Knast, damit sich die gegensätzlichen Schwiegerväter versöhnen und beim nächsten Familienfest endlich eitel Harmonie herrscht. Wenn sie nicht gestorben sind …

Platz 4 – "Eine Hochzeit" von Robert Altman (1978)

Der Schein ist schön. Braut und Bräutigam stammen aus reichen Familien. Diese Eheschließung allerdings wirkt von Anfang an gestört, beispielsweise, wenn der tattrige Pfarrer die Ringe fallen lässt. Außerdem stirbt die Großmutter des Bräutigams, was beim Familienfest unter einem Deckmantel des Schweigens bleiben soll, so, wie die Drogensucht der Mutter des Bräutigams.

Auf der Leinwand bekommen wir die Geschichte zweier Familien mit ihren Geheimnissen, Schwächen und Leidenschaften präsentiert. Wobei das Filmfamilienfest dazu neigt, allen all ihre Lebens- und Familienlügen um die Ohren zu hauen, was natürlich für Robert Altman, Meister des Ensemblefilms, mit Genuss betreibt. Und dass die Feier nach kurzfristig überwundenen Widrigkeiten harmonisch weitergeht, das glaubt nun kein Mensch.

Platz 3 – "Im August in Osage County" von John Wells (2013)

Die Zusammenkunft der Familie in der "guten Stube" wird zum Psychoduell zwischen der Mutter (Meryl Streep) und der Tochter (Julia Roberts). Das gemeinsame Essen – besser: das Massaker –, hier ein Auflauf, der zu Boden knallt, dort ein Glas Wein zu viel auf die vielen Tabletten gekippt, es bringt schwelende Familienkonflikte zur Explosion. Wohlgehütete Geheimnisse treten zutage. Am Ende ist die krebskranke Mutter, zerfressen von ihrem Hass, allein. Die drei Töchter werden nie zurückkehren. Eine düstere Geschichte, die sich jede Art von Versöhnung verbietet.

Platz 2 – "The Farewell" von Lulu Wang (2019)

Ein großes Fest in der alten chinesischen Heimat. Im Mittelpunkt der Familie die Großmutter, die alle lieben. Doch die Hochzeit des Cousins von Billi, die mit ihren Eltern aus New York angereist kam, bildet nur den Vorwand für den Abschied von der Großmutter, die Lungenkrebs im Endstadion hat. Sie weiß von nichts; allen anderen ist klar, dass dies das letzte Mal sein wird, sie noch einmal zu sehen.

Auf diesem Familienfest laufen zwei Entwicklungen parallel: die Begegnung mit der Vergänglichkeit und gleichzeitig, für Billi, der schmerzhafte Abschied von der Kindheit, das Muss, ganz und gar erwachsen zu werden. Im Film Mitglieder einer Familie zu erleben, die sich lieben und nicht hassen, tut – offen gestanden – auch mal gut.

Platz 1 – "Der Leopard" von Luchino Visconti (1963)

Visconti erzählt vom Untergang der alten und der Entstehung der neuen Ordnung im Sizilien der 1860er-Jahre. In Viscontis Cinemascope-Inszenierung dieses monumentalen Familienfestes zeigt sich die Neustrukturierung der Gesellschaft in der Familie. Der alte aristokratische Herrscher wird abdanken. Das Bürgertum in Gestalt von Salinas geliebtem Neffen (Alain Delon) ist schon in die Steigbügel der Macht getreten.

Melancholisch wohnt der alte Fürst (Burt Lancaster) alldem nur noch bei. "Wir waren wie Leoparden, wie Löwen, wie Adler", sagt er draußen, in der Morgendämmerung. "Unseren Platz werden Schafe, Hyänen und Schakale einnehmen. Doch in einem gleichen wir uns: Alle glauben nämlich, sie seien das Salz der Erde." Nach diesem Fest wird die Familie Salina nicht mehr die gleiche sein.

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