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Vollbild | Beitrag vom 25.06.2016

Filme der "Münchener Gruppe"Schöne Frauen, schnelle Autos, große Reisen

Frank Göhre im Gespräch mit Susanne Burg und Patrick Wellinski

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Die Schauspielerin Iris Berben (Filmfest München 2016)
Die Schauspielerin Iris Berben erzählt in "Zeigen was man liebt" über die Filme der "Münchener Gruppe". (Filmfest München 2016)

Ihre Filme sollten bloß nicht intellektuell sein und nur von Sachen handeln, die Spaß machen. Die "Münchener Gruppe" drehte in den 60ern Streifen, die mit wenig Geld und viel Experimentiergeist das deutsche Kino umstürzen wollten. Der Regisseur Frank Göhre erinnert mit "Zeigen was man liebt" an den wilden Trip der Münchner Filmemacher, deren erster Star Iris Berben war.

Patrick Wellinski: "Zeigen was man liebt", Ihr Dokumentarfilm, ist ja in einer gewissen Weise auch eine Zeitreise. Warum wollten Sie diese Zeitreise überhaupt unternehmen?

Frank Göhre: Das war die Idee von dem Koautor Torsten Stegmann, der sich seit Jahren eigentlich schon um die Filmemacher jener Zeit bemüht hat und damit auch einzelne Festivalreihen bestückt hat – mit Klaus Lemke und Werner Enke und so weiter. Er hatte die Idee zu sagen: "Lasst uns doch einen Film machen über die gesamte Gruppe und was die damals für eine Bedeutung hatten. Mal schauen, ob wir rauskriegen, ob sich aus dem historischen Moment von damals auch was transportieren lässt in die heutige Zeit." Also wo man sagen kann: Was die gemacht haben, kann vielleicht auch noch eine Motivation für heutige Filmemacher sein oder werden, so was Ähnliches in Bewegung zu setzen.

Susanne Burg: Sie haben die Protagonisten von damals alle besucht und aufgetrieben, unter anderem eben Klaus Lemke, Rudolf Thome, Werner Enke, Iris Berben... Es ist ja jetzt auch schon eine Weile her, dass die aktiv waren. Sie haben sehr viel über die späten 60er-Jahre gesprochen. Wie haben Sie die erlebt? Wie haben sie sich an diese Zeit erinnert?

Neuentdeckung Iris Berben

Frank Göhre: Sehr unterschiedlich. Iris Berben haben wir gezielt genommen als Interview-Partnerin, weil sie für unseren Film die Erzählerin sein sollte, die durch die Zeit leitet. Sie ist damals von Hamburg als junges Mädchen von dem Filmkritiker Uwe Nettelbeck, der damals bei der "Zeit" war, entdeckt worden aufgrund eines Studentenfilms. Der hat sie nach München gebracht, weil er gesagt hat: Da gibt es Leute, die machen neuen Film, ungewöhnliche Filme, da kannst du als Schauspielerin arbeiten. Sie hat das erst gar nicht geglaubt, hat es dann aber doch getan und ist so zu diesem Kreis... Dieser Kernkreis war ja Rudolf Thome, Klaus Lemke und Max Zihlmann. Die drei waren eigentlich der Kern der ganzen Sache. (...) Die haben dann auch mit Iris Berben ihre ersten Filme gemacht. Die Zeitreise für mich persönlich war so: Ich bin ja in unserer Dreier-Regie bei "Zeigen was man liebt" der älteste, ich bin ja auch Jahrgang 43, für mich war das eine Begegnung mit meiner eigenen Jugend und auch den Kino-Erfahrungen, die ich in der Zeit gemacht habe und die so ähnlich gelagert sind.

Susanne Burg: Sie sagten eingangs, die haben sich unterschiedlich erinnert. Wie haben sie sich denn unterschiedlich erinnert?

Frank Göhre: Wo sie zusammen gekommen sind, wie sie gearbeitet haben und über verschiedene Anekdoten. Man darf nie vergessen, dass bei der ganzen Gruppe, die hier in München war, der Subtext auch immer noch war: Frauen. Also Frauenbeziehungen, Liebschaften und dergleichen mehr. Und da gibt es schon unterschiedliche Erinnerungen, also beispielsweise allein über die Tatsache, wie Iris Berben zu der Gruppe gestoßen ist, gibt es drei Versionen, da hat so jeder seine Sicht, von daher erinnert man sich unterschiedlich, passiert mir ja auch.

Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Frank Göhre in München beim 34. Filmfest (Sven Crefeld / Deutschlandradio Kultur)Frank Göhre ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Ko-Regisseur des Films "Zeigen was man liebt" (Sven Crefeld / Deutschlandradio Kultur)

Patrick Wellinski: Diese "Münchener Gruppe", das arbeitet Ihr Film ja sehr schön heraus, positionierte sich auch ein bisschen gegen die anderen jungen Filmemacher dieser Zeit, die sogenannten Oberhausener Intellektuellen. Aber trotzdem wollte sich die "Münchener Gruppe" ja auch gegen "Opas Kino" positionieren, aber anders! Wie anders?

Sie wollten nicht von staatlicher Förderung abhängen

Frank Göhre: Das war eine ganz klare Geschichte. Die "Oberhausener" hatten praktisch das alte Kino verabschiedet. Das ist auch etwas, was Dominik Graf in unserem Film sagt: Die Alten sollten weg, weg, weg! Das Kino sollte in die Hand von Jungen. Dominik Graf formuliert es auch so, dass dabei auch sehr viel sinnlos kaputt gemacht worden und dass von den Alten eigentlich etliche jünger im Kopf waren als die Jungen, die dann das übernommen haben, wie Alexander Kluge, Edgar Reitz, Wim Wenders und viele andere. Was die "Münchener Gruppe" unterschieden hat, war, dass die intuitiv gespürt haben: Sie begeben sich nicht nur in eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Filmen über Vergangenheitsbewältigung und so weiter, sondern gleichzeitig in eine Fördersystem-Gewalt, die sie – gar nicht richtig ausformuliert, aber das war spürbar – eigentlich nicht wollten. Sie wollten in dem Sinn zwar wie Produzenten arbeiten, aber nicht vom Staat abhängig sein. Die öffentliche Filmförderung hat ja, von Kluge ausgehend, immer mehr gegriffen, nachher noch mal verstärkt durch die Kombination Fernseh- und Filmförderung – und das wollten sie nicht, sondern sie wollten unabhängig in dem Sinne bleiben, dass sie sich ihre eigenen Produzenten aussuchen und dass die auch mit ins Risiko gehen.

Susanne Burg: Und inhaltlich wollten sie aber auch andere Dinge, sie wollten nicht den großen intellektuellen Wurf machen, sondern es sollte viel um Gefühle und Beziehungen gehen.

Frank Göhre: Also sie haben es auf den Punkt gebracht "Schöne Frauen, schnelle Autos, große Reisen". Das war die Welt, in der sie leben wollten, die sie auch zeigen wollten. Von daher das Motto unseres Films: "Zeigen was man liebt". Sachen, die ihnen Spaß machen. Und das im Zusammenhang – Rudolf Thome sagt das dann auch im Film – mit einfachen Geschichten. Also nicht künstlerisch überhöht, sondern mit einfach gestrickten Geschichten: Ein Paar trennt sich, ein Paar findet wieder zusammen...

Wunsch nach filmgeschichtlicher Neubewertung?

Patrick Wellinski: Wenn man diesen Film sieht, dann sind das ja Menschen, die sich rückerinnern an diese Zeit. Was hatten Sie denn für ein Gefühl, kämpfen diese Regisseure heute auch ein bisschen darum, dass die Filme dieser "Münchener Gruppe" noch mal anders in der deutschen Filmgeschichte bewertet werden, dass sie vielleicht zu Unrecht vergessen worden sind?

Frank Göhre: Das ist unser Anliegen, wir wollen darum kämpfen. Torsten Stegmann, der ja viele Festivals organisiert, denkt auch daran, dass wir unseren Film zusammen mit Filmen aus der damaligen Zeit als kleine Festivals, als Serienkinos anbieten. Dass man sagt: Nehmt nicht nur unseren Film, sondern nehmt dazu noch "48 Stunden bis Acapulco" von Klaus Lemke oder "Rote Sonne" von Rudolf Thome oder Sachen von Max Zihlmann und auch Roger Fritz. Es gab in Basel vor kurzem erst eine ganze Reihe, die sich ausschließlich mit den Filmen aus den 60er-Jahren beschäftigt hat, ausschließlich mit Filmen dieser Gruppe. Und ich denke, da bricht etwas Neues auch auf, also Dominik Graf hat damit angefangen mit seinem Film "Verfluchte Liebe deutscher Film", dass er auch mal andere Ecken der Filmgeschichte beleuchtet hat. Dann gibt es noch einen Film über Thome, der sein ganzes Leben und sein ganzes Werk darstellt und würdigt. Jetzt wir mit dem dritten Film, also ich denke, es gibt an einigen Ecken was, wo man sagen kann: Aha, es kommt wieder ins Bewusstsein. Und wichtig ist das, was ich anfangs gesagt habe, wenn das jetzt auf jüngere Regisseure überschlagen würde, dass die sagen: Wir warten jetzt nicht auf die Förderung, dass wir einen Auftrag von der Fernsehanstalt kriegen, sondern wir fangen einfach an. Die technischen Möglichkeiten sind gegeben, besser als je zuvor.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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