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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.01.2020

Film "Lost in Face" über GesichtsblindheitCarlotta schaut in den Spiegel und erkennt sich nicht

Valentin Riedl im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Im Film "Lost in Face" sucht Carlotta ihr eigenes Gesicht. (Corso Film- und Fernsehproduktion)
Carlotta kann keine Gesichter erkennen, nicht einmal ihr eigenes. Auf ihrer rastlosen Suche findet sie schließlich in der Kunst einen Zugang zum eigenen Gesicht und ertastet sich den Weg zurück zu ihren Mitmenschen. (Corso Film- und Fernsehproduktion)

Gesichter kann Carlotta nicht zuordnen, nicht mal ihr eigenes. Valentin Riedl hat mit "Lost in Face" eine Dokumentation über eine Frau gedreht, die unter Prosopagnosie – Gesichtsblindheit – leidet.

Liane von Billerbeck: Mein Gesprächspartner Valentin Riedl, der ist Neurowissenschaftler und seit Kürzerem auch Filmemacher. Als Arzt und Neurowissenschaftler erforscht er die Funktionsweise des menschlichen Gehirns, und für seine Bemühungen, abstrakte Wissenschaft mit Film zu verknüpfen, da erhielt er von der Wim-Wenders-Stiftung ein Stipendium und auf Vorschlag von Wim Wenders auch einen Förderpreis. 

Nach einigen Kurzfilmen und dem mehrfach ausgezeichneten Animationsfilm "Carlotta’s Face" stellt er nun "Lost in Face", sein Langfilmdebut, vor und zwar beim Max-Ophüls-Preis-Filmfestival in Saarbrücken.

Das Gesicht, das ist ja ein wesentlicher Teil unseres Ichs, also ein Selbstbild, der Spiegel unserer Selbst. Wenn man das nicht erkennen kann, denn das ist das Schicksal der Frau, die Sie da porträtieren, dann ist das zunächst mal sicherlich verunsichernd, oder?

Valentin Riedl: Ja, genau. Ich denke tatsächlich, dass diese fehlende Fähigkeit, jemanden zu erkennen, mehr ein Problem aufgrund unserer gesellschaftlichen Normen ist, sodass wir praktisch erwarten, dass wir erkannt werden. Und wenn das nicht passiert, dann interpretieren wir das sofort negativ auf uns. Das heißt, wir interpretieren oder bewerten den Gegenüber, und das ist auch das, was Carlotta eigentlich ihr ganzes Leben lang passiert ist, dass sie immer bewertet wurde, wenn sie jemanden nicht erkannt hat. Und zwar nicht aufgrund dieses Defizits, sondern – vielleicht ist sie aufgeregt, vielleicht ist sie gerade abgelenkt, vielleicht mag sie jemanden nicht –, das sind normal die Zuschreibungen, die wir dann machen.

Stark ausgeprägte Form von Gesichtsblindheit

Billerbeck: Carlotta, also die Frau, die Sie da porträtieren in "Lost in Face", hat ja aber noch ein anderes Problem. Sie guckt jeden Morgen in den Spiegel und erkennt ja auch ihr eigenes Gesicht nicht. Heißt das, sie begegnet da immer wieder einer Fremden?

Riedl: Ja, genau. Also bei Carlotta ist dieses Defizit tatsächlich so stark ausgeprägt, dass sie auf alten Bildern oder im Spiegel nur weiß, dass sie jetzt vor dem Spiegel steht, aber sich eigentlich nicht selbst erkennt. Das ist also eine sehr stark ausgeprägte Form dieses Defizits.

Billerbeck: Gesichtsblindheit heißt das, und der medizinische Fachausdruck – Sie wissen das besser als ich – ist Prosopagnosie. Habe ich vorher auch noch nie gehört. Ein Phänomen, andere und das eigene Gesicht nicht erkennen zu können. Können Sie noch mal erklären aus medizinischer Sicht, wie sowas möglich ist?

Riedl: Also die Evolution hat in unseren Gehirnen ein Areal angelegt, was sich nur auf die Verarbeitung von Gesichtern spezialisiert hat, von menschlichen Gesichtern. Das ist, grob gesprochen, so hinter dem rechten Ohr lokalisiert im Gehirn, und dort werden also Gesichtsaspekte, der Abstand der Augen, die Breite des Mundes und so verarbeitet und dann zu einem Gesicht zusammengesetzt. 

Aus irgendeinem Grund funktioniert bei Carlotta und auch bei vielen anderen Menschen diese Funktion nicht so perfekt, wie wir das erwarten würden. Das heißt, sie sieht Aspekte perfekt – deswegen ist der deutsche Begriff Gesichtsblindheit auch etwas irreführend –, aber sie kann einfach keine Gesamtheit des Gesichts abspeichern und damit auch nicht erkennen.

Billerbeck: Wie viele Menschen sind denn davon betroffen? Sie haben gesagt, viele hätten diese Fehlfunktion.

Riedl: Ja, genau. Dadurch, dass wir es nicht direkt messen können, also mit unseren aktuellen Messmethoden zur Kartierung des Gehirns, können wir diese Region nicht so darstellen, dass wir sehen, was da genau defekt ist, aber man geht aus psychologischen oder auch Gedächtnistests davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, zumindest in abgeschwächter Form, Probleme hat, sich Gesichter merken zu können. Aus meiner Arbeit an dem Film ist mir das auch öfters dann passiert, wenn ich Leuten davon erzählt habe, dass Leute auf einmal so nachdenken und sagen: Ja, beim "Tatort" passiert mir das öfter, wenn da zwei blonde Frauen im Bild sind, dann verwechsle ich die im Laufe des Films. Und das ist vielleicht schon eine abgeschwächte Form dieser Prosopagnosie.

Eine fehlende Verknüpfung der Gedächtnisregionen

Billerbeck: Kann man den Betroffenen eigentlich beibringen, Gesichter zu erkennen mit einem Training oder so?

Riedl: Nein, das ist tatsächlich eine, sagen wir mal, angeborene Grundarchitektur jeweils des Gehirns, und wenn diese Region einfach mit den Gedächtnisregionen nicht so verknüpft ist, dann lässt sich das auch nicht trainieren. Also die Betroffenen haben eher Alternativstrategien. Carlotta erkennt mich zum Beispiel immer schon aus der sehr weiten Entfernung an meinem leicht schrägen Gang, sagt sie immer. Die ist auf die Entfernung, was Sprache angeht, Sprachfärbung und sowas, viel präziser im Erkennen von anderen Leuten als jetzt jemand, der den anderen sofort am Gesicht erkennt.

Billerbeck: Da wird also offenbar was ausgeglichen. - Carlotta, Sie haben sie erwähnt, das ist die Frau, die Sie in Ihrem Film begleiten. Die ist ja ein ziemlich eigenbrödlerischer Typ. Wie sehr ist man denn isoliert oder droht, isoliert zu sein, wenn man andere, jedenfalls nicht am Gesicht, erkennen kann?

Riedl: Also Carlotta hat Gott sei Dank dann irgendwann … Sie ging in die Offensive sozusagen und erklärt jedem, den sie trifft, einfach von ihrem Problem und geht damit ganz offen um. Ich glaube, das ist auch der ideale Weg, damit klarzukommen, aber man weiß aus Untersuchungen, gerade mit Betroffenen, dass es viele Vermeidungsstrategien gibt und im Extrem tatsächlich so, dass Leute nicht mehr auf die Straße gehen, weil sie einfach Angst haben, im Gang den Nachbarn wieder nicht zu erkennen, der das natürlich negativ interpretiert, und diese Angst hält Leute einfach zu Hause.

Billerbeck: Nun wissen wir ja, dass am Gesichtsausdruck auch eine Menge Emotionen ablesbar ist – Wut, Freude, Trauer. Kann das Carlotta alles nicht erkennen?

Riedl: Sie hat das schon gelernt, und dadurch, dass sie auch einen Mund erkennt als Mund, kann sie schon eine freundliche oder negative Gesichtsstimmung lesen. Sie verpasst den Moment nur einfach sehr oft, weil sie einfach nicht so aufs Gesicht achtet in einem Gespräch, dass ihr so die Details verlorengehen.

Billerbeck: Sie haben schon beschrieben, dass Carlotta andere Strategien hat, Menschen zu erkennen, also Sie zum Beispiel an Ihrem etwas schrägen Gang, und sie hat noch einen anderen Weg, mit diesem Manko, sage ich mal in Anführungsstrichen, zurechtzukommen: zum einen ihr Pferd. Dessen Gesicht erkennt sie nämlich gut unter anderen Pferden. Wie das?

Riedl: Das ist diese paradoxe Beschreibung, woran man erkennt, dass das Gehirn oder die Evolution tatsächlich perfekt effizient arbeitet. Diese Gehirnregion verarbeitet hauptsächlich humanoide Gesichter, also sprich so eine typische Smiley-Konfiguration, also ein rundes Gesicht mit Augen vorne. Dagegen ein Pferd mit so einem längeren Gesicht und den Augen auf der Seite hat schon eine andere Konfiguration, sodass sie nicht mehr in dieser Region verarbeitet wird, und deswegen hat sie mit Pferden überhaupt kein Problem.

Über 1000 Selbstporträts in den letzten Jahren

Billerbeck: Außerdem hat sie sich der Kunst zugewandt, um da ihr eigenes Gesicht zu erkennen. Sie zeichnet sich nämlich selbst, indem sie ihr Gesicht abtastet. Wie viel kann man in diesen, auf dem ersten Blick mit all den Linien und Strichen verworren wirkenden, Gesichtern lesen?

Riedl: Diese Selbstporträts waren tatsächlich so der Einstieg für mich als Wissenschaftler, also als Motivator, daraus einen Film zu machen, weil ich finde die so emotional beeindruckend, obwohl sie so verschoben und auch nur so stilisierte Gesichter sind, aber man spürt so eine emotionale Haltung.

Das ist auch genau das, was sie beschreiben würde. Sie hat über tausend dieser Selbstporträts in den letzten Jahren gezeichnet von sich und erkennt sich an jedem dieser Bilder einfach aufgrund dieser Stimmung. Jetzt nicht aufgrund der Details des Gesichts, sondern wirklich aufgrund dieses Bilds, was sie da produziert hat, und kann sich immer noch an ihre emotionale Verfassung in diesem Moment erinnern.

Billerbeck: Am Ende des Films, da zeichnet sie auch ein Porträt von Ihnen. Da fragt man sich, kann Carlotta also doch Gesichter erkennen, nur anders?

Riedl: Sie ist sehr praktisch und clever in ihrer Arbeitsweise. Und sie hat dann einfach die Technik umgedreht und hat sich gedacht, bevor ich dich anschaue und dann aufs Blatt schaue und wieder vergesse, was ich gemalt habe, nehme ich den Block einfach vor die Brust und lege den Stift auf das Papier, und sie schaut mich kontinuierlich an, sodass sie praktisch nichts vergessen kann. Während sie mich abscannt sozusagen mit ihren Augen, zeichnet sie eigentlich blind auf dem Papier mich nach, und erstaunlicherweise hatte das am Schluss eine Ähnlichkeit mit mir.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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