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Fazit | Beitrag vom 13.05.2020

Film der Woche: "Weiß wie Schnee"Sieben Männer und ein lustvolles Schneewittchen

Von Jörg Taszman

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"Scheewittchen" bekommt von der "bösen Stiefmutter" eine Apfel gereicht. (Tiberius Film)
"Weiß wie Schnee": eine moderne Schneewittchenadaption, holprig und trashig erzählt. (Tiberius Film)

Der neue Film der französischen Regisseurin Anne Fontaine ist eine moderne Schneewittchenadaption. Holprig und trashig erzählt, bietet "Weiß wie Schnee" doch phasenweise gute Unterhaltung. Im Mittelpunkt: viel Sex und jede Menge Mordversuche.

Worum es geht

Die französische Regisseurin Anne Fontaine beweist seit über 20 Jahren, dass sich Erfolg und Anspruch nicht ausschließen. Immer wieder rückt sie ungewöhnliche Frauenschicksale in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Einerseits ist Fontaine bekannt für ihre Hochglanzproduktionen wie "Coco Chanel", "Tage am Strand" oder "Gemma Bovary". Aber die vielseitige Filmemacherin hat auch bewiesen, dass sie sich auf Dramen versteht wie in "Nathalie" mit Gérard Depardieu und Fanny Ardant. Nun versucht sich Anne Fontaine in drei Kapiteln an einer modernen Schneewittchenadaption. Claire ist eine junge Frau, die nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer ehrgeizigen und eifersüchtigen Schwiegermutter Maud lebt. Weil aber Mauds langjähriger Geliebter (von dem sie sich eigentlich schon trennen wollte) ein Auge auf das sehr hübsche Mädchen geworfen hat, trachtet ihr die böse Schwiegermutter nach dem Leben. Verkörpert wird Maud von einer sichtlich inspirierten, mal fiesen, dann wieder scheinheilig mütterlichen Isabelle Huppert.

Was ist das Besondere?

Claire (Schneewittchen) soll zunächst von einer Auftragskillerin mitten im Wald ermordet werden, aber ein Jäger rettet sie. Allein unter drei Männern entdeckt die junge Frau plötzlich ihre Lust, verführt ihren Retter und seinen Zwillingsbruder, schläft außerdem noch mit einem Tierarzt und einem jungen Sportler. Diese Sexszenen filmt Anne Fontaine ausgiebig. Einige sind sinnlich und auch optisch ansprechend, andere wirken übertrieben leidenschaftlich und schrammen knapp am Trash vorbei.

Amüsant sind drei weitere, schon ältere Männer, die den Reizen der jungen Frau meistens platonisch erliegen: ein Pfarrer, ein masochistischer Buchhändler und ein einsamer, hypochondrischer Musiker. So hält sich Claire hier fast eine Art Harem aus sieben Männern. Als dann Maud aufkreuzt und ihrer krankhaften Eifersucht frönt, spielt Anne Fontaine ironisch mit mehreren erfolglosen Mordversuchen.

Bewertung

In Frankreich reagierte die Kritik vor einem Jahr beim Kinostart eher wohlwollend, aber beim Publikum floppte der Film und erreichte nur 60.000 Zuschauer. Die Hauptdarstellerin Lou de Laâge schafft gekonnt den Spagat zwischen Mädchen und Frau, Verführung, lustvoller Selbsterkenntnis und einem großen Drang nach (sexueller) Freiheit. Außer Isabelle Huppert überzeugen auch Benoit Poelvoorde (Buchhändler) und Vincent Macaigne (Musiker) und beweisen erneut, wie sehr sie in schrägen Nebenrollen brillieren können. Nur der manchmal leicht holprig und trashig erzählten Geschichte fehlt es ein wenig an Spannung und Tiefgang, auch wenn diese oft amüsante und erotische Schneewittchengeschichte phasenweise gute Unterhaltung bietet.

Weiß wie Schnee
Frankreich 2019
Regie: Anne Fontaine
mit Lou de Laâge, Isabelle Huppert, Benoit Poelvoorde
DVD/ VOD Premiere (Tiberius Film)

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