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Frühkritik | Beitrag vom 06.12.2018

Film der Woche: "Roma"Ein Kinodenkmal für ein Kindermädchen

Von Patrick Wellinski

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Der Regisseur Alfonso Cuaròn mit seiner Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio am Set von "Roma" (Netflix)
Der Regisseur Alfonso Cuaròn mit seiner Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio am Set von "Roma" (Netflix)

Ein Kindermädchen muss seine Familie zurücklassen, um in der Stadt für einen bürgerlichen Haushalt zu arbeiten. Und ihre Familie zerbricht. "Roma" erzählt brillant von Klassenunterschieden und Sehnsüchten - einer der besten Filme des Jahres!

Worum geht es?

In "Roma" erzählt der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón von einer bürgerlichen Familie in den Siebzigerjahren in Mexiko-Stadt, die droht auseinanderzufallen. Der Vater verlässt die Familie, lässt seine Frau und die drei Kinder zürck, die plötzlich auf sich allein gestellt sind. Herz und Angelpunkt der ganzen Familie wird das Kindermädchen Cleo, das als Ersatzmutter den ganzen Haushalt schmeißt.

Eines Tages verliebt sich Cleo in einen jungen Guerillero und wird schwanger. Damit brechen aber auch nach und nach die politischen Unruhen der mexikanischen Gesellschaft der frühen Siebzigerjahre über sie herein.

Was macht den Film besonders?

Alfonso Cuarón setzt mit "Roma" seinem eigenen Kindermädchen ein Kinodenkmal. In herrlich luftigen und exquisiten Schwarz-Weiß-Aufnahmen schildert der Regisseur ein Frauenschicksal in Zeiten des Umbruchs. Cleo wird dabei neben ihrer Rolle als Dienst- und Kindermädchen auch als eigenständige Frau mit Sehnsüchten und Träumen gezeigt. Als Indigene stößt sie immer wieder an Grenzen. Man spürt wie groß der Schmerz ist, ihre Familie und ihr Heimatdorf zurückgelassen zu haben, um als Kindermädchen etwas Geld zu verdienen. 

Dabei hat "Roma" vor allem die unterschiedlichen Erfahrungswelten der einzelnen Klassen im Blick. Egal was der Familie und Cleo geschieht, die Folgen sind für das indigene Hausmädchen immer andere als für die Familie. In diesem kritischen Klassenbewusstsein hinterfragt Cuarón auch seine eigenen Kindheitserinnerung, vermeidet jegliche Nostalgie und öffnet uns die Augen für eine neue Art der eigenen biographischen Erzählung.

Bewertung

"Roma" ist ohne jeden Zweifel der Film des Jahres. Nach dem Goldenen Löwen in Venedig sollten noch etliche Kritikerpreise, Golden Globes und Oscars folgen. Denn Cuarón ("Gravity"; "Children of Men") legt hier einen nahezu perfekten Film vor, der mal ausnahmsweise wirklich das Etikett Meisterwerk verdient. Von der Gestaltung über den Erzählfluss bis hin zur zugänglichen Emotionalität handelt es sich hierbei um einen sehr berührenden und hoch intelligenten Film, den man keinesfalls verpassen sollte. Selbstverständlich sollte man "Roma" im Kino genießen. Auch wenn der Vertrieb über Netflix bedeutet, dass nur wenige die Chance bekommen ihn auf der großen Leinwand zu sehen. Für alle anderen folgt die gestreamte Netflix-Auswertung dann weltweit ab dem 14. Dezember.

Roma
Drama, Mexiko 2018
Regie: Alfonso Cuarón
Darsteller: Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Victor Manuel Resendiz Ruiz, u.a.
135 Minuten

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