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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.09.2017

Fiktive Wahlkampfreden von LiteratenAlexander Gauland vor der UN

Eine Glosse von Michael Kleeberg

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Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland. (dpa/picture alliance / Ralf Hirschberger)
AfD-Politiker Alexander Gauland. (dpa/picture alliance / Ralf Hirschberger)

Was würde der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland sagen, wenn er vor der UN eine Rede halten würde? Die Frage hat sich Schriftsteller Michael Kleeberg gestellt – für unsere Serie "Fiktive Wahlkampfreden von Literaten".

Sehr geehrte Zuhörer,

ich möchte Ihnen heute historisch beweisen, warum unkontrollierte Massenzuwanderung eine Gefahr für die Zukunft ist, und wie vor allem die sogenannten Pull-Faktoren, also die Verheißungen für Migranten, die naive Gastländer aussenden, dafür sorgen, daß es die Falschen sind, die ins Land kommen.

Denn es war alles schon einmal da, in frappierender Analogie, und aus den fatalen Konsequenzen von damals können wir lernen. Millionen von Menschen, die angezogen von Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand, sich skrupellosen Schlepperbanden anvertrauen, das Meer überqueren und mit ihrer fremden, archaischen Kultur, die sie nicht bereit sind abzulegen, das vermeintliche Schlaraffenland überfluten.

Unkontrollierte Massenabwanderung in die Neue Welt

Gestatten Sie mir, Ihnen die historischen Fakten darzulegen: Ich spreche von einer Massenmigration von 5 Millionen Menschen, natürlich vor allem und zunächst junger Männer, der kräftigsten, hartnäckigsten, die ihr Land verließen, obwohl dort politisch Ruhe herrschte - es war durchaus ein Land, das man als sicheres Herkunftsland bezeichnen würde - und die ausschließlich wirtschaftlichen Erwägungen folgten.

Denn in dem Land, von dem ich rede, Deutschland, herrschte in den 50 Jahren, die diese Massenauswanderung dauerte, von 1820 bis 1870 etwa, kaum einmal Bürgerkrieg, sondern hauptsächlich eine den Klimabedingungen und dem Erbrecht geschuldete Folge von Mißernten, Hungersnöten und Arbeitslosigkeit.

Anstatt sich entsprechend zu verhalten, vermehrten sich diese pauperisierten Massen auch noch in einer Rasanz, die ungeachtet der Hunger- und Epidemietoten die Bevölkerung über die Maßen anschwellen ließ. Eine infolge der Napoleonischen Kriege geschwächte Obrigkeit gab die falschen Signale, indem sie Auswanderungsfreiheit gewährte, und skrupellose Schleuserbanden in Hamburg und Bremerhaven schickten ihre Werber quer durchs Land und schlossen mit den Gemeinden und kleinen Reichen auch noch Kontigentsverträge ab, bei denen sie reich wurden und die Länder ihre nutzlosen Esser loswerden konnten.

Wie es in solchen Fällen immer geht: Wer die Überfahrt im Schiffsbauch ohne Licht, mit fauligem Trinkwasser und Seuchen und Sterbenden überlebte und in der Neuen Welt ankam, der holte seine kinderreiche Familie nach, und alle glaubten, in den Vereinigten Staaten etwas besseres zu finden als den Tod, nämlich Demokratie, Menschenrechte, Weißbrot und Arbeit.

Fatale Folgen für Deutschland

Womit wir bei den fatalen Signalen sind, die die USA aussendeten, anstatt ihre Grenzen zu schließen: Achteten sie auf religiöse Kompatibilität der Migranten? Nein, sie ließen zu Hundertausenden Katholiken in ein protestantisches Land. Achteten sie auf Sprachkenntnisse? Nein, sie ließen Leute ein, die außer Pfälzer Dialekt oder niederdeutschem Platt keine Sprache beherrschten.

Und wenn wir von fatalen Pullfaktoren sprechen: Was soll man von der Vernunft eines Aufnahmelandes halten, das die Flut der Einwanderer in der Inschrift einer Statue auch noch so begrüßt:

"Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!"

Mit anderen Worten: Wir schaffen das.

Hätten die USA sich gegen diese Überfremdung gewehrt und wären diese Millionen in Deutschland geblieben, so hätte das Reich statistisch hochgerechnet 50 Jahre später im Jahre 1914 rund sechs Millionen mehr junge Männer unter Waffen gehabt. Die Marne-Offensive wäre nicht zum Stehen gekommen, und in der Sommeroffensive von 1918 hätten wir genügend frische Truppen in die Bresche werfen können, um das Kriegsglück zu wenden und bis nach Paris vorzustoßen. Das 20. Jahrhundert wäre ein deutsches Jahrhundert geworden! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Michael Kleeberg, aufgenommen am 11.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance/ dpa-ZB / Arno Burgi)Michael Kleeberg (picture-alliance/ dpa-ZB / Arno Burgi)Michael Kleeberg, geboren 1959, lebt nach langen Auslandsaufenthalten (Paris) als freier Schriftsteller und Übersetzer (Proust, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Er erhielt mehrere Preise, darunter den Friedrich-Hölderlin-Preis und den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2017 hatte er die Poetikdozentur der Universität Frankfurt inne. Zuletzt erschienen: "Das Amerikanische Hospital" (2010), "Vaterjahre" (2014).

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