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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 20.09.2014

Feuilleton-Wochenrückblick"Backe, backe Kuchen, der Dschihad hat gerufen"

In den Feuilletons ging es in dieser Woche um Krisen: Kriege, den Dschihad und den Klimawandel

Von Arno Orzessek

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Murat K. sitzt am 20.01.2014 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) vor dem Landgericht auf der Anklagebank. (dpa / Oliver Berg)
Die Zauselbärte haben was ganz Gemeines ausgeheckt. (dpa / Oliver Berg)

Es ist eine fiese Aktion der hiesigen Salafisten: Kuchen gegen Spenden am "Cake Day". Hinterlistige Zauselbärte, die trojanische Kuchen backen - hat dieses Land so etwas schon einmal gesehen? Das und mehr in dieser Woche in den Feuilletons.

"Die Krise ist in der Krise", behauptete die Tageszeitung DIE WELT. Und das war für sich betrachtet natürlich eine steile These.

Denn, bitte schön: Wenn augenblicklich etwas voll im Saft steht, dann sind es ja wohl – vom Klima bis Nah-Ost - all die pumperlgesunden Krisen.

Indessen hatte WELT-Autor Matthias Heine in dem Satz "Die Krise ist in der Krise" die erste Krise kursiv gesetzt. Es ging ihm also nicht um die Sache, sondern ums Wort.

"Inflationärer und verhüllender Gebrauch hat das Wort so lange abgenutzt und ausgeleiert, dass man künftig misstrauisch sein sollte, wenn irgendwer noch irgendwo von einer Krise spricht. Was in der Ukraine passiert, heißt immer noch Krise und nicht Krieg, obwohl dort seit Monaten geschossen und gebombt wird, obwohl Kampfflugzeuge und Raketen im Einsatz sind. Aber wenn es Krieg genannt würde, könnten wir es schlechter verdrängen, und deshalb wird die Semantik unseren Ruhebedürfnissen angepasst. Denn sonst würden wir die Krise kriegen."

Um die Pointe von WELT-Autor Heine nicht kaputt zu machen, versagen wir uns den Hinweis, dass sehr wohl immer wieder vom "Krieg am Rande Europas" die Rede ist... wenn auch tatsächlich selten aus Politiker-Munde.

Big Data als Piratenbeute

Um bei Sprachkritik zu bleiben: In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG knöpfte sich Shoshana Zuboff, emeritierte Professorin der Harvard Business School, den allgegenwärtigen Begriff Big Data vor.

"Nach meiner Auffassung ist Big Data ein großer Euphemismus. [...] Diese Überwachungspraktiken stellen tiefe Verletzungen dar – materielle, psychische, soziale und politische – die wir erst jetzt verstehen lernen, vor allem wegen des geheimen Ablaufs [...]. Wie die [...] Empörung über die Absicht des britischen Nationalen Gesundheitsdiensts, Patientendaten an Versicherungsunternehmen zu verkaufen, zeigt, sind die Big Data des einen die Hehlerware des anderen. Der neutrale technokratische Euphemismus Big Data kann treffender bezeichnet werden als 'große Schmuggelware' oder 'große Piratenbeute'."

FAZ-Autorin Shoshana Zuboff, die ihren Essay unter die Kampfparole "Lasst euch nicht enteignen!" stellte, ließ keine Ausreden gelten:

"Ich behaupte, dass es feige ist, die gegenwärtigen Fakten zu akzeptieren, als ob sie zwangsläufig so sein müssten, wie sie sind. Mut fordert den Blick über diese Tatsachen hinaus – trotz der vom heutigen Überwachungskapitalismus beschworenen kollektiven Intentionalität und seines Anspruchs auf unsere Zukunft."

Dass sogar eine planetarische Krise ihr Gutes haben kann, das suggerierte die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Sie titelte: "Unsere letzte Chance ist die Klimakatastrophe"

Tat damit aber keine redaktionelle Meinung kund, sondern paraphrasierte die Überzeugung Naomi Kleins, ausgebreitet in ihrem neuen Buch "This Changes Everything".

Patente Weltklimarettungsidee

Die US-amerikanische Star-Intellektuelle glaubt laut SZ-Autor Jörg Häntzschel tatsächlich, der Klimawandel revitalisiere all die entschlafenen linken Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts - und im Zuge des kommenden Aufstands gegen Öl- und Kohle-Multis werde der ökonomischen Gerechtigkeit Genüge getan.

"Selbst Naomi-Klein-Fans werden das auf den ersten Blick blauäugig finden, Klein-Hasser werden sie zynisch nennen: Bemüht die Jet-Set-Sozialistin allen Ernstes die Klimakatastrophe, um für ihre Ideologie zu werben?"

Nein, Klein sei weder blauäugig noch zynisch, sondern vor allem Aktivistin, die etwas bewegen will, wiegelte Häntzschel ab – und machte sich Kleins patente Weltklimarettungsidee zu eigen:

"Es würde genügen, die 600 Milliarden Dollar Steuergeld, mit denen jedes Jahr der Abbau fossiler Brennstoffe subventioniert wird, zu Förderung regenerativer Energiequellen auszugeben."

Wie aus bitterem Ernst Spaß werden kann, das zeigte in der TAGESZEITUNG Heiko Werning. Unter der Maxime "Backe, backe Kuchen, der Dschihad hat gerufen" kommentierte Werning Aktivitäten hiesiger Salafisten:

"Jetzt schlägt das niedersächsische Innenministerium Alarm, denn die miesen Muselmanen gehen bis zum Äußersten: Sie verkaufen Kuchen! Öffentlich! In – halten Sie sich fest – Hannover, Osnabrück und Braunschweig. Nimm dies, Abendland! Die Behörden reagieren hilflos auf diese Attacke. 'Die Kuchen-gegen-Spende-Aktionen stellen eine neue Aktionsform der islamischen Extremisten dar', beklagt das Innenministerium. Um dem die Krone aufzusetzen, haben die hinterlistigen Zauselbärte ihre Aktion mitnichten 'Halabdem al-Dürüm el-Pide al-Inschallah, erstickt dran, ihr ungläubigen Hunde' genannt, sondern geradezu trojanisch apostrophiert als 'Cake Day', Katrin Göring-Eckhardt von den Grünen soll sich vor Schreck an ihrem Gemüsebrei verschluckt haben."

Ein weiteres Mal war es die TAGESZEITUNG, die Albernheit als Stilmittel wählte – und in Person von Heiko Werning durchaus gekonnt. Und nun lassen wir vom Kriegs- und Krisengeschrei und machen Werbung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk... Über den sich die deutschsprachigen Feuilletons in der Regel pikierter äußern als über Hämorrhoiden.

Ein vergiftetes Lob 

Jetzt aber das:

"Geben Sie mir drei Minuten, nur drei Minuten, dann erklär ich Ihnen, warum Sie Gebühren zahlen",

forderte Elmar Krekeler von den Lesern der Tageszeitung DIE WELT. Und bejubelte den Anfang des ZDF-Films "Wenn es am schönsten ist" mit Heino Ferch in der Hauptrolle eines krebskranken Vaters.

"Es sind die besten ersten drei Minuten, die es in diesem Jahr in einem deutschen Fernsehfilm zu sehen gab und mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sehen gibt. So etwas kriegt in seiner menschlichen Tiefe, in seiner cineastischen Konzentration kein amerikanischer Fernsehfilm hin. Dafür kann man schon mal Gebühren zahlen."

Dass Krekelers Lob irgendwie vergiftet ist – die ganzen Gebühren für ganze drei Minuten –, lassen wir mal beiseite.

Zum Schluss noch das. Die SZ titelte: "Etwas Besseres als das Glück findet du überall." Wenn Sie, liebe Hörer, wissen, was das sein könnte – sagen Sie es uns.

So oder so: Schönen Sonntag!

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