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Rang I | Beitrag vom 13.07.2019

Festival an den Münchner KammerspielenFür eine queere Zukunft im Theater streiten

Lola Fonsèque und Keith Zenga King im Gespräch mit Janis El-Bira

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Ein atmosphärisches Porträt von Keith Zenga King. (Münchner Kammerspiele / Camilla Berio)
Keith Zenga King vom Netzwerk "Beyond Color", das für die Rechte schwarzer Menschen aus den LGBT-Communities eintritt. (Münchner Kammerspiele / Camilla Berio)

Auf der Bühne wird meist nur der männlicher Blick auf die Welt reproduziert. Um dem etwas entgegen zu setzen, findet in München anlässlich des 50. Jahrestags des Stonewall-Aufstands ein queeres Festival statt.

Es war ein Wendepunkt in einem langen Kampf um Anerkennung: Als in der Nacht zum 28. Juni 1969 die New Yorker Polizei eine Razzia in der Schwulen- und Lesbenbar "Stonewall" durchführte, wehrten sich die Gäste mit allem, was ihnen in die Hände fiel. Jedes Jahr erinnert der Christopher Street Day an dieses Ereignis.

Jetzt, zum 50. Jahrestag, schließen sich weltweit auch viele Theater an. "Queer and Now" heißt gerade auch ein Festival an den Münchner Kammerspielen. Kuratiert wurde es von Lola Fonsèque von der Gruppe der KammerQueers und Keith Zenga King vom Netzwerk "Beyond Color", das für die Rechte schwarzer Menschen aus den LGBT-Communities eintritt.

Eine Antwort auf die staatliche Gewalt

Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur sagt Lola Fonsèque über die heutige Bedeutung des Stonewall-Aufstands von 1969:

"Das war das erste Mal, das erinnert ist, wo die queere Community und insbesondere Trans-Personen-of-Color angefangen haben, gegen staatliche Gewalt nein zu sagen, sich zusammen zu tun und zusammen gegen diese staatliche Gewalt gewalttätig zu antworten. Und da ist Stonewall auch jetzt wichtig, weil wir Geschichte brauchen.

Lola Fonseque in einem situativen Halbporträt. (Münchner Kammerspiele / Ramona Reuter)Lola Fonsèque von der Gruppe der KammerQueer hat die Ausstellung mit kuratiert. (Münchner Kammerspiele / Ramona Reuter)

Es ist immer die Frage: Wer schreibt Geschichte? Was ist erinnert? Und von Anfang an stand damals auf den Plakaten bei den Aufständen: ‚Wir sind hier, wir waren schon hier und wir sind die Zukunft!‘"

Es geht nicht nur um Liebe

In diesem Sinne verstehen Lola Fonsèque und Keith Zenga King ihr Queer-Sein auch heute noch nicht in erster Linie als Ausdruck einer Identität, sondern als politische Haltung, wie Keith Zenga King unterstreicht:

"Queer ist eine Möglichkeit, die Welt durch eine andere Linse zu sehen. Zum Beispiel auch durch die Augen jener Trans-Menschen-of-Color, die damals aufbegehrt haben. Die für ethnische, ökonomische und Geschlechtergerechtigkeit gekämpft haben. Da geht es also nicht nur um die Rechte der LGBT-Communities. Aber das ist ein Aspekt, der verloren gegangen zu sein scheint. Queer ist umgedeutet worden zu einem Kampf für Liebe. Weil Liebe eben als etwas Angenehmes und Nachvollziehbares gilt. Für mich hat queer aber damit zu tun, die Welt anders zu sehen als durch die Augen des Kapitalismus, des Patriachats und des weißen Imperialismus."

Die Wahrnehmung lebendig halten

Das Theater sehen sie dabei als eine Maschine, die es "zu hacken" gelte, weil sie Repräsentation produziere. Lola Fonsèque:

"Mit Repräsentation meinen wir auch: Wahrnehmung. Theater produziert Wahrnehmung, Fiktionen, Träume. Und Theater produziert auch Identitäten. Und wenn diese Wahrnehmung immer die gleiche ist, wenn nichts in Schwanken gebracht wird, dann ist unsere Wahrnehmung und unsere Idee von einer anderen Möglichkeit für die Welt, die Politik oder unsere Beziehungen einfach komplett zu.

Wer darf im Theater eine Psyche haben? Das sind nur weiße cis-Männer. Die Frauen sind immer abhängig zum Beispiel von Situationen, in die Männer sie gebracht haben. Und wenn man das nicht bricht und wenn wir das nicht auf die Bühne bringen, ja, dann ist das ein Problem, weil die Wahrnehmung dann tot ist."

Das Festival "Queer and Now: From Stonewall to Queertopia" an den Münchner Kammerspielen läuft noch bis Sonntagnachmittag und bietet neben Workshops und Paneldiskussion auch die queere Performance-Party "WUSS 3000", ein regelmäßiges Format, das auch in der kommenden Spielzeit an den Münchner Kammerspielen wieder aufgegriffen wird.

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