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Im Gespräch | Beitrag vom 26.05.2020

Fernfahrer und Buchautor Jochen DieckmannDas Fahren als Zustand und Flucht

Moderation: Ulrike Timm

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Jochen Dieckmann steht auf einer Autobahnbrücke. Im Hintergrund ist in Unschärfe die Autobahn zu sehen. (Jochen Dieckmann)
Viele Jahre war Jochen Dieckmann als Fernfahrer auf Autobahnen unterwegs – zuletzt reiste er mit dem Wohnmobil durch China. (Jochen Dieckmann)

Nach 15 Jahren am Steuer und einem Enthüllungsbuch über das wenig romantische Truckerleben hatte der Fernfahrer und Autor Jochen Dieckmann eigentlich genug von der Straße. Doch dann lockte die ganz große Tour: auf der Neuen Seidenstraße nach China.

"Unser größter Luxus war die Zeit", sagt Jochen Dieckmann über seine Reise im Wohnmobil nach und durch China. Ganz anders als in all den Jahren, die er LKW gefahren ist und insgesamt etwa 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt hat, denn da stand er immer unter Termindruck.

Gegenverkehr auf der Seidenstraße

Jochen Dieckmann und sein Neffe Pablo fuhren entlang der Neuen Seidenstraße, jenem gewaltigen Infrastrukturprojekt, das China mit dem Westen verbinden soll. Und sie hatten viel Gegenverkehr, denn die Neue Seidenstraße sei eine ost-westliche "Einbahnstraße, weil der Westen das verpennt". Anders als im Zugverkehr sei es mit dem Auto sehr kompliziert und teuer, nach China zu reisen. Allein die Grenzabfertigung im Reich der Mitte hat drei Tage gedauert.

Doch Dieckmann, der zuvor schon in China war, hat den Trip mit dem Auto sehr genossen, selbst die zahllosen Pannen sah er positiv: "Jetzt haben wir ein neues Abenteuer", sagte er zu seinem Begleiter, wenn mal wieder ein Radlager den Geist aufgab. Und trotz aller Widrigkeiten schafften sie es rechtzeitig in die Stadt Chengdu, um dort mit chinesischen Freunden Dieckmanns 60. Geburtstag zu feiern.

Mit 18 am Steuer eines LKW

Schon mit 18 Jahren hatte Jochen Dieckmann sich erstmals ans Steuer eines LKW gesetzt. Ein Job, um sein Jura-Studium zu finanzieren, aber auch eine Konsequenz seiner unglücklichen Kindheit in einer zerbrochenen Familie: "Das Fahren als Zustand, das war definitiv eine Flucht vor mir selbst".

Das Studium brach er ab, die Freiheit der Straße lernte er kennen, aber auch die Schattenseiten der Branche: Ausbeutung, Termindruck, ständige Verstöße gegen Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit. "Früher sind wir alle zu lang, zu schnell gefahren, zu schwer, übermüdet".  Über diese Missstände hat Jochen Dieckmann vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, inzwischen sei aber vieles besser geworden.

Deutsche Pizza für Italien

Eines dürfe man als LKW-Fahrer allerdings nicht machen – sich zu viel mit der Sinnfrage beschäftigen. Es gebe "so viele sinnlose Sachen, die durch die Gegend gefahren werden", weil der Transport auf der Straße so billig sei. Tiefkühl-Pizza von Deutschland nach Italien zum Beispiel.

Nach so vielen Jahren am Steuer fühlt Jochen Dieckmann sich inzwischen auf dem Beifahrersitz am wohlsten: "Ich fahre nicht mehr sehr gerne." Doch nach etlichen beruflichen Wendungen ist er derzeit arbeitslos. Und wenn er nichts anderes findet, wird er mit 61 Jahren vielleicht doch erneut Trucker: "Ich sehe mich in ein paar Monaten wieder auf dem LKW."

(pag)

Jochen Dieckmann: "Ferner Osten auf der Überholspur"
Ich, der Camper und meine Abenteuer auf der neuen Seidenstraße
Westend Verlag, Frankfurt M.
256 Seiten, 20 Euro

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