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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 01.10.2012

Ferner Mythos, der nun verblasst

Erinnerung an die Schriftstellertreffen der "Gruppe 47"

Von Rolf Schneider

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Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll: 1951 bekam er den "Preis der Gruppe 47". (AP-Archiv)
Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll: 1951 bekam er den "Preis der Gruppe 47". (AP-Archiv)

In ihrer besten Zeit war sie so etwas wie ein schöngeistiger Mittelpunkt des deutschsprachigen Kulturraums, eine temporäre Gelehrtenrepublik, ein Simulieren der deutschen Kulturnation. Er selbst könne in ihr auch eine Vorwegnahme der deutschen Wiedervereinigung sehen, sagt der Schriftsteller Rolf Schneider, der einst an den Autorentreffen teilnahm.

Gelegentlich wird darüber geklagt, dass deutsche Literaten sich kaum mehr politisch engagieren, als Personen nicht und in ihren Texten auch nicht - anders als früher, zu Zeiten der Gruppe 47. Der Gegenwartsbefund ist ziemlich korrekt. Wie aber verhielt es sich mit der Gruppe?

Sie existiert seit 45 Jahren nicht mehr. Gegründet wurde sie 1947, als Autoren einer von der amerikanischen Besatzungsmacht verbotenen Zeitschrift zusammentrafen, um einander ihre ungedruckten Beiträge vorzulesen und darüber zu reden. Dies erschien ihnen so ersprießlich, dass sie überein kamen, die Sache zu wiederholen. Fortan traf man sich alljährlich, drei Tage lang und an unterschiedlichen Orten.

Dem voraus gingen Einladungen, die der Schriftsteller Hans Werner Richter verschickte. Er war es auch, der die Auswahl traf und die Tagungen leitete, förmliche Mitgliedschaften gab es nicht. Stets lasen Autoren aus unveröffentlichten Texten, worüber anschließend befunden wurde: nach formal-stilistischen Kriterien, Inhaltliches stand nicht zur Debatte, Politik schon gar nicht.

Dessen ungeachtet konnten während der Tagungen politische Resolutionen entstehen, und viele der Teilnehmer haben sich gesellschaftlich engagiert, überwiegend im linksliberalen oder sozialistischen Bereich. Paradoxerweise war es dann eine linke Strömung, nämlich der Studentenprotest, der per Demonstrationen und öffentlicher Schmähung der Sache den Garaus machte. 1967 fand die letzte Zusammenkunft statt.

Die Gruppe 47 hat Westdeutschlands Nachkriegsbelletristik den Weg bereitet. Wichtige Autoren gingen aus ihr hervor, wie Heinrich Böll und Günter Grass, wie Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger. Teilnehmer kamen noch aus Österreich, wie Ingeborg Bachmann, aus der Schweiz, wie Peter Bichsel, es gab Exilschriftsteller wie Erich Fried, und DDR-Autoren wie Johannes Bobrowski. Einmal, 1965, durfte ein ganzer Trupp von Schriftstellern aus dem anderen Deutschland anreisen.

Unumstritten war die Gruppe zu keiner Zeit. Da ihre Außenwirkung beträchtlich ausfiel und ständig wuchs, denn die Tagungen wurden medial begleitet, fanden sich Gegner, meist solche von konservativem Zuschnitt. Einer der Vorwürfe lautete, die Gruppe sei eine heimliche Reichsschrifttumskammer. Man warf ihr Beschreibungsimpotenz vor, die Verwendung von Nazi-Sprache, W. G. Sebald attackierte Alfred Andersch, neben Richter einer der Gründerväter, wegen dessen politischer Biografie. Immer wieder gab es Versuche einer Imitation, am erfolgreichsten durch den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, der bis heute fortbesteht.

Die Gruppe wurde Gegenstand der Kulturhistorie. Dass sie die bundesdeutsche Nachkriegsliteratur nachdrücklich geprägt hat, gilt als unumstritten. Dass sie diese monopolisiert habe, ist ein wahrheitswidriges Gerücht. In ihrer besten Zeit war sie so etwas wie ein schöngeistiger Mittelpunkt des deutschsprachigen Kulturraums, eine temporäre Gelehrtenrepublik, ein Simulieren der deutschen Kulturnation. Wer will, mag in ihr auch eine Vorwegnahme der deutschen Wiedervereinigung sehen. Ich jedenfalls empfinde es so, rückblickend, als ein ehemaliger Teilnehmer.

Hans Werner Richter ist tot. Viele andere, wie Heinrich Böll, Johannes Bobrowski, Erich Fried, Ingeborg Bachmann, Alfred Andersch sind es auch. Die Wiedervereinigung wurde vor mehr als zwei Jahrzehnten politische Realität und die Gruppe 47 zu einem fernen Mythos, der mehr und mehr verblasst.


Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Schriftsteller Rolf Schneider (Therese Schneider)Rolf Schneider, Schriftsteller, Essayist, Publizist, stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen ‘groben Verstoßes gegen das Statut’ wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. ‘November’, ‘Volk ohne Trauer’ und ‘Die Sprache des Geldes’. Rolf Schneider äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.

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