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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.08.2015

Feridun Zaimoglu: "Siebentürmeviertel"Lebenslange Doppel-Identität

Von Rainer Moritz

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Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu auf der Leipziger Buchmesse (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Feridun Zaimoglu (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Ein deutscher Junge, den es 1939 als Sechjährigen nach Istanbul verschlägt, steht im Mittelpunkt von Feridun Zaimoglus "Siebentürmeviertel". 800 Seiten hat dieses kühne Romanprojekt - doch letztlich krankt es an seinem variantenarmen Stil.

Was für ein weit gespannter Bogen, was für ein kühner Entwurf, an den sich Feridun Zaimoglu in seinem neuen, umfangreichen Roman da gewagt hat! War es in "Leyla" noch der Weg einer jungen Frau aus Anatolien nach Deutschland gewesen, den der Autor nachzeichnete, so steht nun ein deutscher Junge, der Ich-Erzähler Wolf, im Mittelpunkt, den es 1939 als Sechsjährigen nach Istanbul verschlägt. Sein Vater Franz, ein Gegner des Nationalsozialismus, kommt mit ihm bei Bekannten – Abdullah Bey und dessen Frau Bayka Hanim – unter. Anfangs wohnen alle unter Abdullah Beys Dach, doch als Gerüchte aufkommen, dass Franz ein Auge auf Derya, die Tochter des Hauses, geworfen habe, bricht dieser der Familienehre wegen nach Ankara auf und lässt Wolf bei seinen neuen Pflegeeltern zurück. 

Wolf wächst im Istanbuler Siebentürmeviertel auf, keine "bessere" Gegend, sondern ein Schmelztiegel, in dem die unterschiedlichsten Religionen und Ethnien auf engem Raum leben und mühsam ein Auskommen miteinander suchen. Der "Arier" und "Hitlersohn" Wolf gilt, vor allem als der Zweite Weltkrieg ausbricht, als ungeliebter Außenseiter, der Hohn und Spott erleidet. Doch schneller als sein Vater, der gelegentlich belehrende Briefe schreibt und zu Besuch kommt, es wünscht, assimiliert sich Wolf und behauptet sich unter den Tschetschenen, Armeniern, Juden und Zigeunern seines Viertels. Seine doppelte Existenz – "Deutsches Blut. Türkische Haut" – wird er dennoch nie abstreifen.

Überkommene Traditionen

Was in dieser (Kriegs-)Zeit an kulturellen und religiösen Werten Bestand hat, wird immer fraglicher. Vor allem die junge, mit dem Kommunismus liebäugelnde Derya opponiert gegen die überkommenen Traditionen und die weit verbreiteten abergläubischen Rituale. Zaimoglus Roman, der rund achtzig Haupt- und Nebenfiguren auftreten lässt, hat seine Stärken, wenn es darum geht, die Zerrissenheit derjenigen zu zeigen, die nicht mehr sicher sind, welchen Vorstellungen sie folgen sollen. Ist es rechtens, dass eine vergewaltigte Frau das Viertel verlassen muss und deren Eltern mit Geld abgespeist werden? Warum verachten viele den reichen Seyfettin Bey, der seine des Ehebruchs überführte Frau mit dem Leben davonkommen lässt? Und weshalb müssen Wolfs homosexuellen Freunde Dschenk und Nuyan geächtet werden?

"Siebentürmeviertel" ist zweigeteilt. Nach 400 Seiten springt der Roman in das Jahr 1949, als Wolf seine früh erwachte Sexualität – ein weidlich ausgeschlachtetes Motiv des Buches – endlich erfüllt sehen will. Reifere Damen weisen ihn ein, wohingegen ein Besuch bei einer Hure zum Desaster gerät, da der triebbestimmte junge Mann Schwierigkeiten hat, seinen "Fleischspieß" richtig zu platzieren. In den Wiederholungen, etwa der sexuell geprägten Handlungsstränge, liegt einer der wesentlichen Schwachpunkte dieses Romans dem anzumerken ist, dass er so gern ein "großer" Roman geworden wäre.

Aneinandergereihte Episoden

Sich in monotonen Dialogen ergehend und stilistisch erstaunlich variantenarm erliegt der Text einer Ausführlichkeit, die beispielsweise Wolfs Schulkonflikte mit schönen Lehrerinnen und strengen Direktoren wieder und wieder darlegt. Was der Roman an sinnlichen Bildern und an Komik zu bieten hat, geht so nach und nach in einem Zuviel aneinandergereihter Episoden unter. Betroffen ist davon auch die geschichtliche Ebene: Obwohl der Roman durchaus das zwiespältige Verhältnis vieler Türken zu Hitler-Deutschland und zum kommunistischen Russland behandelt, bleibt selbst dieses Thema im Vagen.

Stolze 99 Kapitel umfasst "Siebentürmeviertel" und ist doch weder Fisch noch Fleisch.

Feridun Zaimoglu: Siebentürmeviertel
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
800 Seiten, 24,99 Euro

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