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Studio 9 | Beitrag vom 06.05.2020

Feridun Zaimoglu in der Coronakrise"Ich bin der Onkel Horst des Alltags"

Von Johannes Kulms

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Der Autor Feridun Zaimoglu. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Harte Zeiten für Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu, die einen Großteil ihres Einkommens durch Lesungen vor Publikum hereinholen. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Humor und Kreativität hat Feridun Zaimoglu auch in Coronazeiten nicht verloren. Doch seine finanzielle Situation als Schriftsteller ist alles andere als lustig: Weil er von seinen Lesungen lebt, ist ihm fast alles weggebrochen.

Wochenlang habe er sich nur halbwach durch den Alltag bewegt, erzählt Feridun Zaimoglu. Von Seuchen hatte der Science-Fiction-Fan schon in Romanen gelesen. Dass die Szenarien dann Realität werden, hätte Zaimoglu nicht für möglich gehalten. "Ich lege großen Wert darauf, jetzt nicht lebensunlustig zu werden", betont er.

Feridun Zaimoglu sitzt auf einer Parkbank in einer Grünanlage im Kieler Stadtteil Südfriedhof. Auf dem nahen Schützenwall donnert der Feierabendverkehr zur Stadt hinaus, auf der Teichoberfläche schwimmen Enten und Gänse. Auch der Schriftsteller ist durch Corona kräftig ins Schwimmen gekommen:

"Es waren Tage, da ich jeden Tag Anrufe bekam. Anrufe von Veranstaltern: Das fällt aus, das fällt aus, die Lesung fällt aus, die Veranstaltung fällt aus, das Literaturfest geht nicht. Und Theaterstücke, nein, das können wir nicht in diesem Jahr aufführen. Und also wenn man schon von einem Schrecken reden soll, dann meine ich eher das finanzielle. Es ist tatsächlich brutal gewesen bei mir. Und es ist immer noch brutal." 

In seinem Kalender steht nur noch ein V wie Virus

Zunächst habe er in seinem Kalender die eingetragenen Termine durchgestrichen und ergänzt um die Bemerkung "Wegen Virus abgesagt". Irgendwann schrieb Zaimoglu nur noch ein V daneben.

Seit vielen Jahren lebt er von Honoraren für seine Lesungen, den Tantiemen für Theateraufführungen. Durch Corona seien praktisch 100 Prozent seiner finanziellen Quellen versiegt.

"Aber die laufenden Kosten gehen ja weiter. Und dann stand ich da. Und ich bin so erzogen worden, dass man andere Menschen mit seinem Leid nicht belästigen soll. Aber das waren so ein paar Tage, da ich wirklich geschockt war und überlegt habe, was jetzt tun? Es gab da ein Ausfallhonorar, ein bisschen Geld. Aber ansonsten wurden ja keine Verträge gemacht, Honorarverträge. Ich schrieb ja immer eine Rechnung nach der Lesung." 

Warten auf die Soforthilfe

Aus seinem Freundeskreis habe es Angebote gegeben, ihn finanziell zu unterstützen. Zaimoglu aber hat abgelehnt, weil er meint, dass die Leute ja selber ihre Probleme hätten. Er hat einen Antrag auf Soforthilfe an die Behörden gestellt, aber wartet noch immer auf die Auszahlung.

"Bei mir kommt auch noch dazu, dass ich einige Leute unterstützen muss und die sind ja auch abhängig. Also, Eltern und noch einige andere. Und das bedeutet ja, dass ich jetzt nicht sagen kann, ich leihe mir jetzt ein bisschen Geld, bastele dann an meinen Geschichten rum. Nee, da sind noch andere, die abhängig sind. Und ich muss dann natürlich schauen, dass es diesen Leuten nicht schlecht geht."

Befreundete Dichterin nahm sich das Leben

Immerhin tue sich auch manche neue Möglichkeit auf. Zaimoglu schreibt jetzt eine Kolumne. Als kürzlich ein Auftritt in Süddänemark abgesagt wurde, baten ihn die Veranstalter stattdessen um einen Text über Leben in Corona-Zeiten. Unter dem Titel "In diesen Tagen" wurde er Ende April in der Zeitung "Nordschleswiger" veröffentlicht. Darin schreibt Zaimoglu auch von einer Dichterin, die sich vor kurzem aus Angst vor einer Infektion mit dem Corona-Virus das Leben nahm.

"Ich kannte sie auch ein bisschen. Und aus diesem Gefühl heraus entsteht dann diese Ohnmacht. Sie möchte sich nicht mehr in dieser Welt aufhalten", sagt der Autor.

Trotz aller Ungewissheiten gehe es ihm gut. Er kämpfe und wolle sich nicht unterkriegen lassen. Dass viele Künstlerinnen und Künstler sich in der Coronakrise alleine gelassen fühlen von der Politik und sehr mit den Einnahmeausfällen zu kämpfen haben, erstaunt ihn nicht.

"Es stellt sich halt wieder heraus, dass man im Grunde genommen ein Unterhalter ist, und für diese Art der Unterhaltung gibt es wenig Geld. Also, für andere Sachen ja." 

Neuinterpretation von "Nathan der Weise"

Produktiv ist Feridun Zaimoglu trotzdem. Zusammen mit Günther Senke arbeitet er derzeit an er Neuadaption des Theaterstücks "Nathan der Weise".

"Also, wir schreiben an einem Stück, in dem die Apokalyptiker aller Lager das Weltende vorbereiten."

Die immer wieder düstere Nachrichtenlage in den Medien bekommt der Kieler Schriftsteller dagegen nur in Portionen mit. Zaimoglu hat zwar ein Handy, aber keinen Computer mit Internetanschluss. Er hört kein Radio und schaltet den Fernseher nur ein bis zwei Mal im Jahr an. Trotzdem fühlt er sich informiert, wenn er einfach nur den Menschen zuhört.

"Wie einer, der hier was aufschnappt, dort am Nebentisch wird gesprochen, hier eine Schlagzeile. Also, ich bin der Aufschnapper. Ich bin eigentlich schon der Onkel Horst des Alltags." 

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