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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 29.11.2014

Ferguson und ClevelandSchwarz-weiße Bilder von Amerika

Der Graben zwischen den Ethnien in den USA lässt sich schwer überbrücken

Von Christoph von Marschall

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Eine Demonstrantin gegen die Gewalt in Ferguson, aufgenommen in New York (picture alliance / dpa / Justin Lane)
In New York und anderen Städten demonstrierten zahlreiche Menschen gegen die Poizeigewalt gegen Schwarze. (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen in den USA wirkt wie in einer Sackgasse. Die Todesschüsse von weißen Polizisten auf schwarze Teenager in Ferguson und Cleveland werden nur wenige US-Bürger aufrütteln, kommentiert Christoph von Marschall vom "Tagesspiegel".

Ein Graben trennt weiße und schwarze Amerikaner. Er lässt sich nicht so leicht überbrücken – daran haben sechs Jahre unter Barack Obama wenig geändert. Die Erfahrungen, die Weiße und Schwarze im Alltag machen, sind zu verschieden. Deshalb reagieren sie so gegensätzlich, wenn weiße Polizisten schwarze Jugendliche erschießen: vergangenen Sonntag den zwölfjährigen Tamir Rice in Cleveland, Ohio. Im August den 18-jährigen Michael Brown in Ferguson, Missouri.

Die erdrückende Mehrheit der Schwarzen sieht darin Beispiele für überzogene Polizeigewalt und meint, die Ursache sei Rassismus. Eine Mehrheit der Weißen gibt die Schuld den schwarzen Jugendlichen und deren Verhalten. Für die Polizisten haben Weiße zumeist Verständnis.

In Cleveland war ein Notruf eingegangen: In einem öffentlichen Park ziele ein Jugendlicher auf Passanten. Man wisse nicht, ob die Waffe echt oder ein Imitat sei. Auf Bildern vom Einsatz ist das kaum zu unterscheiden. Als die Polizisten eintrafen, lief der Junge mit der Waffe auf ihr Auto zu – sie schossen sofort. Die Einsatzregeln erlauben das. Es hätte ein Amokläufer sein können. Tamir Rice hatte aber nur eine Spielzeugwaffe bei sich.

Michael Brown in Ferguson war unbewaffnet, aber ein kräftiger Mann von fast zwei Meter Größe. Es kam zu einem Handgemenge mit dem weißen Polizisten Darren Wilson. Die exakten Abläufe, die zu den tödlichen Schüssen führten, blieben ungeklärt. Offen blieb auch die Frage, ob der Polizist sich auf Notwehr berufen kann. Eine Jury – drei Schwarze, neun Weiße, wie es der Bevölkerungsverteilung in Missouri entspricht – entschied nach 25 Sitzungstagen, die Beweislage reiche nicht für eine Anklage. Das klingt nach Rechtsstaat: in Zweifel für den Beschuldigten.
Dieses Urteil hat den Graben zwischen Schwarzen und Weißen nicht überbrückt. Natürlich nicht.

Viele Schwarze beklagen Willkür

Viele Schwarze sehen in der ausgebliebenen Anklage einen weiteren Beleg für Willkür. Für Weiße bestätigen die folgenden Unruhen den Verdacht, dass Schwarze sich nicht an Regeln halten – und den Rechtsstaat nicht akzeptieren. In mehreren Städten brannten Straßenzüge, die Polizei griff lange nicht ein. Zu lax sei die Staatsgewalt, denken sich dann viele Weiße.

So ist zu befürchten, dass die Todesschüsse in Ferguson und Cleveland nur wenige Bürger aufrütteln. Es wird keine Einschränkung der Waffengesetze folgen. Auch die Vorgaben, wann Polizisten schießen dürfen, werden sich wohl nicht ändern, solange jeden dritten Tag ein Polizist im Dienst erschossen wird und eine Polizeistreife damit rechnen muss, dass ein Zwölfjähriger eine scharfe Waffe bei sich trägt und nicht nur ein Spielzeug.

Das ist das eigentlich Bedrückende. Die gegenläufigen Interpretationen verfestigen sich. Das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen wirkt wie in einer Sackgasse. Sie leben in unterschiedlichen Vierteln, als sei die Segregation gewollt. Beide Seiten haben ihre Erklärungen, warum das noch immer so ist. Und beide Seiten haben dabei ein bisschen Recht und ein bisschen Unrecht.

Weil Rassismus und Diskriminierung noch immer stark sind, sagen die Schwarzen. Weil ihre Schulen schlechter sind, die Kriminalität höher und die Polizei keine Hilfe sei. Die Chancen auf Ausbildung sind gering - das Risiko, in einer Schießerei zu sterben, hoch.

Die Weißen sehen ein Defizit an Verantwortungsbereitschaft

Mag sein, sagen weiße Amerikaner. Sie sehen aber auch ein Defizit an Verantwortungsbereitschaft. Jedes zweite schwarze Kind wachse ohne Vater auf. Schwarze würden eher kriminell, weil sich die Familien nicht kümmern. Und weil die Subkultur den schwarzen Jugendlichen, der sich auflehnt und Gesetze bricht, zum Vorbild verkläre.

Zum Bild gehören auch die schwarzen Einwanderer aus Afrika. Ihnen gelingt der Aufstieg besser. Das spricht gegen eine ausschlaggebende Rolle der Hautfarbe. Soziologen erklären das so: Wer als Schwarzer in Amerika aufwachse, lerne von der Umgebung, sich als Opfer zu betrachten, das keine Chance habe. Schwarze Einwanderer tun das nicht. Sie glauben an ihre Chance. Der jeweilige Glaube werde zur "self fulfilling prophecy", der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Amerikas Förderprogramme für Minderheiten sind nicht wirkungslos. Mit der Zeit ist eine schwarze Mittelschicht entstanden. Afroamerikaner leiten Unternehmen. Fortschritt gibt es, jedoch für zu wenige. Der Weg zu Chancengleichheit dauert länger als erhofft – viel länger als die zwei Amtszeiten eines Barack Obama.

Mehr zum Thema:

Diskriminierung in den USA - Die Debatte endet nicht mit Ferguson
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 27.11.2014)

Ferguson - Misstrauen gegen Polizisten wächst
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 26.11.2014)

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