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Tonart | Beitrag vom 02.05.2017

FEMUA-Festival in AbidjanFrieden, Liebe und Lebensfreude

Von Martina Zimmermann

Besucher des Femua Festivals in Abidjan (Elfenbeinküste) posieren vor einem Plakat, dass an den verstorbenen kongolesischen Popstar Papa Wembe erinnert. (AFP / Sia Kambou)
Besucher des Femua Festivals in Abidjan (Elfenbeinküste) posieren vor einem Plakat, dass an den verstorbenen kongolesischen Popstar Papa Wembe erinnert. (AFP / Sia Kambou)

"Magic System" sind mit 15 Millionen verkauften Alben die Megastars der Elfenbeinküste. Jedes Jahr veranstalten sie in ihrer Heimatstadt Abidjan das FEMUA-Festival. Die Künstler und Zuschauer eint die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Zehntausende von Menschen drängen sich während des Festivals jede Nacht in den Straßen um den Platz in Anoumabo, der auf den Namen "Papa Wemba" getauft wurde. Das Publikum besteht aus sehr vielen jungen Leuten: die geballte Energie der Jugend in der Elfenbeinküste, wo die Hälfte der Bevölkerung unter 20 ist.

Die Rapper von "Kiff No Beat" sind 20, 22 und 23 Jahre alt. Sie haben einen Vertrag mit einem großen internationalen Label unterzeichnet, einen teuren Clip in Nigeria gedreht. Vor dem Konzert in ihrer Heimatstadt Abidjan sind sie im Pariser Olympia aufgetreten. Ein erster Hit von Didibé, Black und Elone handelte von den Stromausfällen, die in afrikanischen Großstädten zum Alltag gehören.

"Das war nicht engagiert. Es war ein Spaß."
"Damit jeder sofort an uns denkt, wenn der Strom ausfällt!"
"Weil es oft Stromausfälle gibt, machen wir das Konzept, dass sobald der Strom ausfällt, man an 'Kiff No Beat' denkt."

Marketing in Krisenzeiten? Ihr Land, die Elfenbeinküste, ist nach Jahren des Krieges wieder im Aufbau begriffen. Auf einen Militärstaatsstreich 1999 folgten Bürgerkrieg und Teilung, Krise und Krieg dauerten bis 2011. Der 30-jährige Prométhé von der Band "Révolution" erinnert sich:

"Während des Krieges haben wir im Stadtteil Youpougon alles miterlebt: Wir haben wie viele junge Leute gesehen, wie sich die Menschen umbrachten. Wir fragten uns, ob wir je wieder unseren Beruf als Künstler ausüben können."

Protest und Engagement sind nicht hip

"Révolution" wurde gerade zur besten Band Westafrikas gekürt. Die vier Sänger modernisieren den für Abidjan typischen Zouglou-Musikstil. Er wurde in den 1990er-Jahren von gegen ihre Studien- und Lebensbedingungen protestierenden Studenten erfunden. Doch Protest und Engagement sind bei dieser jungen Szene aus der Mode gekommen, erklärt Prométhé:

"Nach allen Krisen, die wir erlebt haben, wollen die jungen Leute nicht mehr hören, was nicht geht. Das wissen sie bereits: Man baut schöne Straßen, aber es gibt keine Arbeit. Es gibt nun junge Leute, die Unternehmer werden. Sie gründen mit wenigen Mitteln kleine Unternehmen und sie schaffen es. Die Jugend will hören, dass sie es schaffen kann: Mach weiter so und glaube an das, was du tust. Dann kannst du ein Vorbild werden für deine Generation. Das wollen die Leute hören."

Die Band "Révolution" bei ihrem Auftritt auf dem Femua Festival in Abidjan (Deutschlandradio - Martina Zimmermann)Die Band "Révolution" bei ihrem Auftritt auf dem Femua Festival in Abidjan (Deutschlandradio - Martina Zimmermann)

"Du musst arbeiten!", ruft DJ Leo ins Publikum, ein anderer Jungstar, der sich dem sogenannten "Coupé Décalé"-Stil verschrieben hat, zu dem Protz und Glamour gehören. DJ Leo sagt: Wer sicher ist, es zu schaffen, hebe die Hand! - ALLE Hände schnellen in die Höhe.

Frieden, Liebe und Lebensfreude, eine bessere Zukunft durch Arbeit: Viele Künstler in Abidjan machen diese Werte zum Thema, in verschiedenen musikalischen Stilen, die versetzt sind mit Afrotrap, Afrorap, Afrobeat, Afrozouk oder Dancehall.

Die Frauen geben sich kämpferisch

So richtig kämpferisch geben sich eigentlich nur die Frauen. Nash ist die erfolgreichste Rapperin der Elfenbeinküste. Die junge Frau um die 30 trägt eine Zöpfchenfrisur und burschikose Rapperkleidung. Sie hat alle Hindernisse überwunden, die Mädchen in den Weg gelegt werden, die Musik machen wollen.

"Es braucht Geld, und es braucht Mittel. Und es brauche Leute, die an das Talent der Frauen glauben und nicht von ihnen fordern, für die Karriere mit jemandem zu schlafen ... Da musst du dir sagen, das habe ich nicht nötig, denn sonst musst du mit allen schlafen und am Ende bist Du dann zwar bekannt, hast aber einen schlechten Ruf. Du musst dir sagen: Mein Talent muss verkauft werden und nicht mein Körper."

Reggaestar Tiken Jah Fakoly ist der lebende Beweis dafür, dass Bewusstsein, Engagement und Erziehung unterhaltsam sein können. Das Publikum gerät völlig aus dem Häuschen, steigt auf Mauern und Zäune, um einen Anblick von dem Idol zu erhaschen. Die jungen Leute singen aus vollem Herzen mit, die Texte kennen alle auswendig.

Tiken Jahs neue Maxisingle prangert die Präsidenten an, die sich nach einer oder zwei Amtszeiten an ihrem Sessel festklammern.

"Die junge Generation schaut leider viel amerikanisches oder französisches Fernsehen und die Kanäle mit Videoclips. Sie wollen berühmt werden und singen Bla Bla Bla. Aber ich hoffe, dass das eine Mode ist und dass diese Künstler, wenn sie ihr Blabla zu Ende gesungen haben, Texte mit Inhalt finden."

Kultur und Künstler spielen eine wichtige Rolle für die soziale Kohäsion eines Landes. So lautet auch das Credo von A’Salfo, dem charismatischen Leader von Magic System, dem Veranstalter des Festivals der urbanen Musik von Anoumabo.

Tonart

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