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Zeitfragen | Beitrag vom 08.07.2021

FemTechWie Feministinnen das Internet neu erfinden wollen

Von Vera Linß

Illustration einer Frau, die als Schattenriss vor einem raumfüllenden Tablet-Display steht, auf dem gerade eine Videokonferenz stattfindet. Im Hintergrund des Bildes sind leere Stühle zu sehen.  (Imago/Ikon Images/Roy Scott)
Wie lässt sich das Netz wieder als Ort für gleichberechtigte Begegnungen gestalten? Darüber denken zahlreiche feministische Initiativen nach. (Imago/Ikon Images/Roy Scott)

Das Internet als Ort grenzenloser Freiheit – im Zeitalter von sexistischer Hatespeech hat diese Utopie ihren Glanz verloren. Doch einige Frauen arbeiten dagegen an: Sie denken mit am Netz der Zukunft – diskriminierungsfrei und egalitär.

1966 ging in den USA die Science Fiction-Serie "Star Trek" auf Sendung. Für Feminist*innen eine ganz besondere Fiktion: Mit Blick auf Geschlechtergleichheit und ethnische Diversität war die Besatzung der Enterprise, die später auch über deutsche Bildschirme flog, revolutionär: eine schwarze Frau auf der Brücke und der erste mixed-coloured Kuss im Fernsehen überhaupt. Das war "Star Trek".

Gleichberechtigung ist noch immer Science-Fiction

55 Jahre später ist das Ideal der Gleichheit noch immer nicht eingelöst. Zwar sind Frauen deutlich präsenter, wenn es um Technologie geht, und ihr Einfluss ist auch in der Öffentlichkeit gestiegen.

Doch gerade im Internet – dem Ort mit dem größten Freiheitsversprechen des letzten Jahrhunderts – sind Hatespeech und Diskriminierungen permanent präsent.

Deshalb wird aktuell wieder nach einer Idee gesucht, die in die Zukunft weist, nach einer für die digitale Welt, in der die Geschlechter gleichbehandelt werden und niemand diskriminiert wird. Eine Idee, die aber nicht Fiktion bleiben soll. Ziel ist: das feministische Internet.

"Wir hatten vor zwei Jahren mal eine Science-Fiction-Story geschrieben über ein feministisches Internet, das von Bienen regiert wird", sagt Katrin Fritsch, Gründerin von MOTIF – Institute for Digitale Culture, einem Thinktank an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft.

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MOTIF beteiligt sich an der Entwicklung von Konzepten für digitale Infrastrukturen, die besonderen ethischen Prinzipien unterliegen und statt Effizienzdenken den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Am Anfang stehe dabei immer das Narrativ.

"Auch wenn etwas erst technisch oder rational daherkommt und so wirkt, wie wenn's gegeben ist, stehen immer Menschen dahinter, die sich das erstmal vorgestellt, die den Diskurs aufgebaut und diese Narrative gebildet haben. Dadurch haben Technologien dann so einen Erfolg oder nicht. Das ist die Grundidee dahinter, warum wir sagen: Wir brauchen in diesem Bereich neue Narrative und andere Imaginationen."

Ein neues Narrativ

Das Feministische Internet ist so ein neues Narrativ. Aber was wird darin erzählt? Um das zu imaginieren, hat MOTIF das Projekt "Feminist Futures" ins Leben gerufen und nach Assoziationen und Geschichten gefragt: Wer ist im Feministischen Internet unterwegs? Worüber unterhält man sich dort? Wie fühlt es sich an? Und wie ist es strukturiert?

Entstanden ist eine Sammlung aus Texten, Tönen, Bildern, Skizzen und Gedichten – Science-Fiction aus feministischer Sicht, wie etwa die Geschichte von den Bienen, erklärt Katrin Fritsch:

"Es gibt da zwei queere Personen, die durch das Internet fliegen und sich fragen, wie das aufgebaut ist. Sie kommen an verschiedenen Stationen vorbei, wo es Signale oder Zeichen dafür gibt, dass sie sich im Internet befinden, das auf Gleichberechtigung und Feminismus aufgebaut ist. Sie sind auf der Suche danach, wer dieses Internet gebaut hat, und kommen ganz am Ende darauf, dass es eine Biene ist, ein bewusster Hinweis auf das Matriarchat. Wir hatten uns gedacht, wir können damit spielen und neue Denkräume öffnen, wie Technologie eigentlich auch noch mal anders aussehen kann."

Auf der Suche nach der intersektionalen Perspektive

Die allgemeine Vision eines Feministischen Internets kursiert schon seit Längerem. Die Idee: digitale Räume auf die Bedürfnisse von Frauen zuzuschneiden, aber nicht nur. Für viele ist das Geschlecht nur eine mögliche Diskriminierungskategorie unter mehreren. Denn zu Benachteiligungen können auch soziale Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Ausrichtung oder körperliche Beeinträchtigungen führen.

Häufig wird jemand gleich mehrfach – intersektional – diskriminiert, weshalb Aktivist*innen von einer intersektionalen Perspektive reden. Diese soll in der digitalen Welt Einzug halten – mittels feministischer Technologie:

"Es gibt keine harten, einheitlichen Kriterien", erklärt Julia Kloiber. "Feministische Technologie ist etwas, das sich laufend weiterentwickelt, beziehungsweise diskutiert wird und als Begriff ein Stück weit auch im Entstehen ist. Was mit dem Feminismus aber natürlich mit drinnen steht, ist schon, dass man den Gegenentwurf zu bestehenden Technologien und Machtsystemen entwickeln will. Feminismus hinterfragt ja Macht und will Machtverhältnisse verändern und Ungerechtigkeiten aufbrechen. Darum geht es auch bei der feministischen Technologie." 

17 feministische Internet-Prinzipien

Julia Kloiber ist Mitgründerin der gemeinnützigen Organisation Superrr Lab. Sie forscht an gerechten digitalen Zukünften und fördert im Rahmen ihrer Organisation Projekte, in denen gemeinwohlorientierte – feministische – Technologie entwickelt wird.

"Ich bin das erste Mal 2016 über den Begriff gestolpert, als die Feminist Internet Principles herauskamen. Die wurden von 50 Aktivistinnen und Aktivisten entwickelt und es ging darin um einen offenen, erschwinglichen Zugang zum Internet und wie man Hass und Belästigung bekämpfen kann. Wie können Menschen möglichst informierte Entscheidungen treffen? Da gibt es 17 Prinzipien. Ich rate jedem und jeder, die sich mal anzusehen, um das besser zu verstehen, was damit gemeint ist."

Die 17 feministischen Internet-Prinzipien wurden von der Association for Progressive Communications veröffentlicht, einer Art Vereinte Nationen für Online-Aktivist*innen. Über 50 Organisationen sind dort Mitglied.

Die Prinzipien umfassen Forderungen wie den bedingungslosen Zugang zum Netz für alle, Meinungsfreiheit, die Infragestellung kapitalistischer Logiken, das Recht auf Privatsphäre und den Kampf gegen Online-Gewalt.

Frauen sind von Hatespeech besonders betroffen

Mit letzterer sind besonders Frauen im Internet konfrontiert. Zwar gibt es dazu keine systematischen, und vor allem viel zu wenige, Datenerhebungen, wie Aktivist*innen kritisieren.

Einzelne Studien, Befragungen und Berichte aus Beratungsstellen zeichnen jedoch ein deutliches Bild: 87 Prozent der weiblichen Mitglieder des Deutschen Bundestages etwa haben laut einer Umfrage schon Hassrede erlebt.

In einer Anhörung des Ausschusses Digitale Agenda wurde berichtet, dass Frauenhass eines der großen Leitmotive von Rechtsextremisten sei:

Das ist kein deutsches Phänomen, wie Katharina Mosene, Politikwissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg erklärt. Sie weist darauf hin, dass unter den Frauen bestimmte Gruppen noch einmal besonders stark betroffen sind.

"Wir haben eine sehr gute Studie von 2017/2018 von Amnesty International, die sich vor allem Twitter angesehen haben und Hate Speech, die auf Twitter gezielt gegen bestimmte Personen gerichtet ist. Sie haben zum Beispiel herausgefunden, dass es für schwarze Frauen 84 Prozent wahrscheinlicher ist, ein Opfer von Hate Speech zu werden als für weiße Frauen. Wir sehen, dass es tatsächlich diese Verquickung von klassischen Ausschlusssystemen gibt, die wir im Grunde in der Gesellschaft auch kennen. Das Ganze tradiert sich im Grunde ins Internet und verstärkt sich dort zum Teil natürlich auch."

Soziale Netzwerke verstärken Diskriminierung

Diese Verstärkung wird durch das Design der sozialen Netzwerke erzeugt, das vor allem kommerziellen Interessen folgt, sagt Katharina Mosene, die sich auch im Vorstand des Vereins für feministische Netzpolitik, netzforma* e.V., engagiert.

"Es ist so, dass wir online nach wie vor einer gewissen Aufmerksamkeitsökonomie folgen. Diese hat lange Zeit dazu geführt, dass derjenige überproportional gesehen und geteilt wurde, der dort am lautesten schreit, wo es besonders viele Likes und Klicks gibt – und die gehen eben oft einher mit gewaltvoller oder sehr direkter Sprache."

Die Folge sei, dass Betroffene aus diskursiven Räumen ausgeschlossen würden oder sich zurückzögen.

Illustration: Ein weit geöffneter Mund mit herausgestreckter Zunge, darauf Ausrufezeichen und Buchstabenkürzel, die aggressiv wirken. (Getty / Mary Valery) (Getty / Mary Valery)Den anonymen Hetzern auf der Spur. Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität ermittelt wegen Hatespeech im Netz. Sollte das neue Gesetz gegen Hasskriminalität in Kraft treten, kommt auf die Ermittler mehr Arbeit zu. Schon jetzt sind sie dabei auf Hilfe der Bürger angewiesen. Ein Beitrag von Ludger Fittkau.

Dabei geht es nicht nur um Hatespeech. Frauen müssten – anders als Männer – verbale Angriffe oft auf der körperlichen oder persönlichen Ebene hinnehmen, erklärt Franceska Schmidt, Referentin für feministische Netzpolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

Zwar würden auch Männer online Kritik oder Anfeindungen ausgesetzt sein. Aber "da geht es selten darum, dass sie Männer sind, wie sie aussehen und dass sie sich überhaupt zu Wort melden. Das ist meistens das, was bei Frauen passiert. Da geht es darum, dass Frauen sich überhaupt äußern und dann vielleicht sogar noch zu Politik oder zu Feminismus. Dann geht's meistens ganz schnell darum, wie sie aussehen."

Auch jenseits der sozialen Netzwerke werden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern durch Technologie verstärkt. Etwa beim Einsatz künstlicher Intelligenz, also bei algorithmischen Entscheidungssystemen: Wenn die Trainingsdaten, mit denen die KI gefüttert wird, beschränkt sind, spiegelt sich das auch in der digitalen Sphäre wider.

Ein prominentes Beispiel ist die biometrische Gesichtserkennung, die im weißen globalen Norden hauptsächlich mit Daten weißer Menschen entwickelt wurde. 

"In den USA ist besonders bei Fragen der automatischen Gesichtserkennung festgestellt worden, dass diese eigentlich nur bei weißen Männern ganz gut funktioniert. Dann nimmt das graduell ab. Am schlechtesten funktioniert bei schwarzen Männer und schwarzen Frauen. Im Polizeieinsatz kann die Fehleranfälligkeit dieser Software potenziell tödlich enden."

Sexistische Algorithmen entscheiden über Kredite

Auch über Bankkredite entscheiden inzwischen oft maschinell lernende Algorithmen.

Für Aufregung sorgte 2019 der Softwareentwickler David Heinemeier Hansson, als er per Twitter die Entdeckung kundtat, dass seine Apple Card – die Kreditkarte, die Apple gerade auf den Markt gebracht hatte – sexistisch sei. Hansson war aufgefallen, dass sein Kreditrahmen zwanzigmal höher war als der seiner Ehefrau, obwohl diese sogar eine höhere Bonität gehabt hatte.

"Da wurde tatsächlich festgestellt, dass der Algorithmus darüber entscheidet, wer den Kredit bekommt und in welcher Höhe. Männer haben grundsätzlich den besseren Kreditrahmen bekommen und Frauen den schlechteren, unabhängig davon, wer eigentlich mehr verdient hat. Auch hier gibt es diese Vorannahme, dass Frauen grundsätzlich weniger verdienen und vielleicht sogar schlechter mit Geld umgehen können. Die muss dieser Algorithmus sich aus den Daten gezogen haben und dementsprechend wird das fortgeführt."

Feministische Technologie gegen Ungerechtigkeiten

Genau solche Ungerechtigkeiten will feministische Technologie beheben. Erste Produkte gibt es bereits, die sich allerdings auf tendenziell frauenspezifische Anliegen beschränken. Katharina Mosene, Politikwissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg:

"Wir sehen durchaus eine feministische Technologieentwicklung in Deutschland, zum Beispiel von Drip und Heart of Code, die sich mit datensicheren Zyklus-Apps beschäftigen, die Open-Source programmiert sind. Hier ist auch tatsächlich die Community eingeladen, mitzuprogrammieren. Die sind auch ganz bewusst offen für nicht-binäre Personen."

Das "Bloody Health Collective" rund um die Berliner Programmiererin Marie Kochsiek etwa hat 2018 die App "Drip" entwickelt – als Alternative zu kommerziellen Apps, die zum einen wegen ihres mangelnden Datenschutzes in der Kritik stehen, aber auch, weil die Prognosen vieler Apps über die fruchtbaren Tage unzuverlässig sind.

Bisher noch wenig "FemTech"-Anwendungen

Allerdings sei der Markt für solche alternativen Ansätze noch sehr klein, so Katharina Mosene. Auch im kommerziellen Bereich konzentriere sich Technologieentwicklung für Frauen unter dem Schlagwort "FemTech" nur auf wenige Anwendungen.

"Tatsächlich ist es so, dass wir, wenn wir vom großen Bereich der FemTech sprechen, auf deutscher und auch auf europäischer Ebene sicher zuallererst über Gesundheits-Applikationen sprechen. Ich glaube, im rein technologischen Bereich gibt's da noch viel Luft nach oben."

Hinzu kommt: Nicht alle Anwendungen entsprechen feministischen Kriterien.

"Es gibt Apps, die heißen ‚Pregnancy Compagnian for better Babys‘. Das ist dann wahrscheinlich eher keine originär feministisch getriebene App, sondern eine App, die auf die Körperlichkeit von Frauen abzielt. Insofern ist das auch ein Markt, der wahnsinnig spannend ist, weil er mindestens versucht, die Biases, die wir aus der Medizin kennen, ein bisschen aufzuheben. Trotzdem ist es sicher nichts, was einen klassisch feministischen Ansatz hat."

Soziale Netzwerke für echtes Zusammengehörigkeitsgefühl

Allerdings gibt es auch einige kommerzielle Angebote jenseits des Gesundheitssektors. Ein populäres Beispiel ist die App "Bumble", eine der beliebtesten Dating-Apps der Welt.

Bumble kam 2014 als Alternative zu Tinder auf den Markt. Der Unterschied zu normalen Dating-Apps besteht darin, dass man als Frau auf der Plattform den ersten Schritt machen muss. Man kann also nicht von jemandem kontaktiert werden, den man nicht zuerst selbst kontaktiert hat.

Im Februar dieses Jahres ging Bumble an die Börse und erzielte auf Anhieb einen Wert von mehr als acht Milliarden Dollar. 

Zeichnung einer Frau mit einem Smartphone. (Unsplash / Visuals) (Unsplash / Visuals)Feministische soziale Medien: Alternativen zu Facebook, Tinder und Twitter. Die Macherinnen von Bumble und Herd hat unsere Autorin bereits in einem früheren Beitrag ausführlich vorgestellt. Unter anderem geht es darin auch um das Projekt Multi Vocal aus Dänemark, das sich aus einer feministischen Perspektive mit Sprachassistenzsystemen befasst.

Deutlich weiter geht dagegen das Projekt der Amerikanerinnen Ali Howard und Mady Dewey. Sie wollen ein soziales Netzwerk schaffen – das erste, das überhaupt von Frauen gegründet wurde: Im Mai 2021 ging "Herd" in den USA an den Start.

Darin wollen die beiden Frauen vieles, was in den klassischen, von Männern programmierten sozialen Netzwerken üblich ist, über Bord werfen und damit echtes Zusammengehörigkeitsgefühl ermöglichen – so wie es der Begriff "soziales Netzwerk" eigentlich assoziiert.

Keine Werbung, kein Verkauf von Daten, keine Fake News

Die wichtigsten Regeln: Schutz der Privatsphäre, keine Werbung, kein Verkauf von Daten, keine Weiterverbreitung von Hass oder Fake News. Auch mit anderen Standards wollen sie brechen. Ein süchtig machendes Design kommt für die beiden nicht in Frage, stattdessen sollen sich die User*innen nur begrenzte Zeit im Netzwerk aufhalten.

Auch Followerzahlen soll es nicht geben, wie Ali Howard erklärt:

"Soziale Medien basieren sehr stark darauf, dass man sich mit Hilfe von Zahlen vergleicht. Wie viele Likes und wie viele Kommentare bekommt ein Foto? Wie viele Follower hast du? Die Psychologie hinter dieser Matrix lautet: Das ist deine Bedeutung, das ist dein Wert. Wenn du so und so viele Follower hast, bist du weniger wert, als jemand, der viel mehr Follower hat. Frauen nervt diese Art des Umgangs miteinander in den sozialen Medien viel stärker als Männer."

Emotionen statt Konkurrenz

Tatsächlich haben Studien der Universität Bochum gezeigt, dass das Selbstwertgefühl sinkt, wenn man sich im sozialen Netzwerk ständig vergleicht. Auch die Wahrscheinlichkeit von Depressionen steigt.

Wegen solcher Gefahren wollen die Gründerinnen von "Herd" mit der Möglichkeit experimentieren, dass man bei der Bewertung von Bildern oder Äußerungen auf Likes verzichtet. 

"Anstatt das in einem Like zu machen, kann ich auch ein emotionales Feedback geben. Dieses Foto hat mich glücklich gemacht. Dieses Foto gab mir das Gefühl, bestärkt zu sein. Dieses Foto hat mich angeregt. Dieses Feedback wird prozentual ausgedrückt, gemessen an hundert Prozent. Dann ist man in der Lage zu sehen, wenn ich zum Beispiel ein Bild von meinem Hund gepostet habe, hat das 20 Prozent der Menschen glücklich gemacht, 30 Prozent fühlten sich bestärkt und so weiter und so fort." 

Das Ziel ist, eigenständig und unabhängig zu sein

Aktuell befindet sich "Herd" in der Experimentierphase. Die beiden Gründerinnen wollen herausfinden, wie die App von den Nutzer*innen angenommen wird und daraus ein Modell entwickeln, mit dem sich das Netzwerk wirtschaftlich tragen kann.

Die Entwicklung von "Herd" haben sie mit dem Geld von Freunden und Familie finanziert. In Bezug auf weitere Pläne halten sie sich bedeckt. 

"Wir haben viele Möglichkeiten durchdacht, verschiedene potentielle Pfade, die wir nehmen könnten. Es gibt viele Teile in der App, von denen wir glauben, dass wir sie erfolgreich monetarisieren können. Im Moment geht es darum herauszufinden, womit unsere Nutzer*innen interagieren, was ihnen gefällt und was sie nicht mögen. Darum, wirklich sicherzustellen, dass wir eine Erfahrung schaffen, die sie lieben – und dann erst Wege zu finden, das zu monetarisieren."

Dass sich feministische soziale Netzwerke überhaupt jenseits der etablierten Internetgiganten finanzieren lassen – daran glauben Ali Howard und Mady Dewey. Bis vor kurzem waren die beiden Mitarbeiterinnen von Google. Mit dem Launch von "Herd" haben sie dem Suchmaschinenkonzern den Rücken gekehrt.

Die beiden kommen von der Chapman University in Südkalifornien, einer kleinen Hochschule für Medienkunst, erzählt Mady Dewey.

"Das ist etwas, worauf wir wirklich stolz sind. Ich glaube nicht, dass Innovation von einem Markennamen kommen muss. Ich denke tatsächlich, dass viele Leute, die vielleicht nicht auf einer namhaften Schule waren, einzigartige Erfahrungen darin gemacht haben, den Dingen, die sie erreichen wollen, auf ihre eigene Weise nachgehen zu müssen. Das hat uns auf unserer unternehmerischen Reise geholfen: Dass wir in die Lage versetzt wurden, unseren eigenen Antrieb zu nutzen. Ohne einen Namen hinter sich zu haben, auf dem man sich ausruhen kann."

Inklusiveres Design als systemkonforme Alternative?

Soll man versuchen – so wie Ali Howard und Mady Dewey –  feministische Technologie jenseits der großen Internetplattformen zu etablieren? Als echte Alternative? Oder wäre es nicht realistischer und effektiver, sich innerhalb der Unternehmen dafür einzusetzen, dass das Design inklusiver wird?

Tatsächlich ist einiges in Bewegung gekommen in den großen Silicon-Valley-Unternehmen. Zunehmend fordern Mitarbeiter*innen Korrekturen in der Unternehmenspolitik. Etwa Margaret Mitchell, die das Google-Team zum Thema Ethik Künstlicher Intelligenz gegründet hat. Oder Timnit Gebru, ebenfalls eine Tech-Ethikerin. Sie hatte kritisiert, dass Google künstliche Intelligenzen entwickle, die Minderheiten rassistisch diskriminieren.

Gerade die Beispiele dieser beiden Frauen wecken bei Julia Kloiber von der gemeinnützigen Organisation Superrr jedoch Zweifel daran, dass es möglich ist, innerhalb der Unternehmen Strukturen zu verändern.

"Wenn ich mir das angucke: Timnit Gebru, Margaret Mitchell und Meredith Whittaker haben alle bei Google gearbeitet und versucht, intern viel zu verändern und voranzutreiben. Irgendwann haben sie von selbst aufgehört, weil sie meinten: Okay, es gibt zum Beispiel den Fall von Meredith Whittaker, sie wird einfach nicht mehr innerhalb des Unternehmens befördert. Man legt ihr Steine in den Weg. Timnit Gebru und Margaret Mitchell wurden von dem Unternehmen gefeuert. Das sind in nicht allzu ferner Vergangenheit liegende Fälle, die darauf hindeuten, dass es sehr schwierig ist, diese Unternehmen, diese Konzerne von innen heraus zu verändern, wenn diese über mittlerweile Jahrzehnte eine Unternehmenskultur aufgebaut haben, die dem eigentlich entgegenläuft oder das zumindest nicht priorisiert."

Kritik am "Lean-In-Feminismus" 

Wie kann man die Algorithmen von Facebook besser machen? Oder wie kann man Privatsphäre und Datenschutz auch auf einer Plattform wie Tinder zum Beispiel sicherstellen? Auch für Katrin Fritsch vom MOTIF – "Institute for Digitale Culture" sind das die falschen Fragen.

"Die Basis ist schon mal das, was schon da ist. Basierend darauf wird dann verbessert. Das ist auch so ein großer Kritikpunkt zum Beispiel im Ethikbereich, dass man sagt, ich mache jetzt immer irgendetwas besser durch Ethik oder ich muss vielleicht nicht noch mal grundsätzlich neu hinterfragen, was wir eigentlich brauchen und wohin es gehen kann. Das Feminist Futures Projekt möchte diese Denkräume noch mal ganz neu definieren."

Für den gegenteiligen Ansatz, wonach Frauen versuchen sollten, feministische Konzepte innerhalb großer Unternehmen durchzusetzen, steht das Schlagwort "Lean in"-Feminismus.

Es geht zurück auf das gleichnamige Buch von Facebook-Managerin Sheryl Sandberg – eine Art Manifest, das 2013 erschienen ist. Darin fordert Sandberg von weiblichen Mitarbeiterinnen, sich "voll reinzuhängen" – eine Mahnung, die auf viel Zuspruch, aber auch auf Kritik stieß.

"Als ich mich mit Sheryl Sandbergs Initiative auseinandergesetzt habe, bin ich auf ein Zitat von Michelle Obama gestoßen, das ich ganz passend finde. Da hat sie gesagt: 'And it´s not always enough to lean in, because that shit doesn't work all the time.'"

"Sich reinhängen" reicht nicht aus

Die Forderung, sich "reinzuhängen" reiche einfach nicht aus, sagt Katharina Mosene, Vorstandsmitglied von netzforma* e.V., dem Verein für feministische Netzpolitik. Sie funktioniert nicht für alle Frauen und lässt andere Teile der Bevölkerung völlig außer Acht.

Für einen Großteil der Amerikaner etwa, so die Philosophin Nancy Fraser, sei ein hochbezahlter Job im Silicon Valley praktisch unerreichbar. Nur ein Prozent aller Facebook-Mitarbeiter in technischen Berufen seien Afroamerikaner.

"Das fasst eigentlich ganz gut die Kritik gegenüber diesem so genannten 'Lean in'-Feminismus zusammen. Man kann durchaus sagen, dass das Ganze sehr stark neoliberal gerahmt ist, dass es ein bisschen elitär daher kommt und eigentlich auch innerhalb der Strukturen verbleibt."

Nachdenken über ganz neue Strukturen

Doch wie könnten neue Strukturen aussehen? Darüber denken Internetaktivist*Innen, Rechtsanwält*Innen, Designer*Innen, Philosoph*innen und Regulierungsbehörden seit Längerem nach.

Gesucht wird – nicht nur in der feministischen Bewegung – nach einem funktionierenden Modell, in dem die Menschen nicht mehr Objekte, sondern Subjekte sind.

Zum Beispiel gibt es die Idee, eine Software einzuführen, die es User*innen ermöglicht, einen Algorithmus auszuwählen, der Inhalte von Nachrichtenseiten mit hohen redaktionellen Standards priorisiert. Mit diesem Ansatz könnten Verschwörungstheorien und Hasskampagnen den digitalen öffentlichen Raum dann nicht mehr so dominieren, wie sie es heute tun.

Eine andere Idee besteht darin, die Kommunikation im Netz zu verlangsamen, indem dafür gesorgt wird, dass Nutzer*innen ihre Beiträge erst 24 Stunden nach dem Verfassen online stellen können – auch auf die Gefahr hin, dass das Internet dann vielen deutlich langweiliger erscheinen würde.

Technologie ist nur Teil der Lösung

Braucht es dafür komplett neue soziale Netzwerke? Ist das nicht ein viel zu ambitioniertes und damit unrealistisches Vorhaben? Wäre nicht eine starke Regulierung viel wichtiger?

"Ich glaube, dass es einen sehr viel stärkeren öffentlichen Bereich braucht, der diese Dinge demokratisch öffentlich finanziert und fördert – und das vor allem langfristig und nicht in Zwei- oder Drei-Jahres-Projekten. Dann steht so ein tolles Netzwerk da und hat keine Folgeförderung. Es darf eben kein Kapitaldruck dahinter sein. Es muss im Grunde maximal anders funktionieren als die klassischen proprietären Netzwerke, die wir kennen. Ich finde, es kann und sollte auch eng an Forschung und Wissenschaft geknüpft sein und im Austausch mit der Gesellschaft stehen, eben möglichst gemeinwohlorientiert ausgerichtet sein."

Technologie allein allerdings – auch nach feministischen Kriterien konzipierte Technologie – wird Ungleichheit und Diskriminierung in der Gesellschaft nicht beseitigen, sagt die Politikwissenschaftlerin Katharina Mosene. Sie wird letztlich immer nur ein Teil der Lösung sein.

"Ich glaube, dass gesellschaftliche Probleme gesellschaftliche Lösungen brauchen, die man gemeinsam in Diskursen und Aushandlungsprozessen findet. Natürlich kann Technologie, vor allem disruptive Technologie, uns immer wieder anstoßen, über Dinge nachzudenken, uns auch eben helfen, gewisse Diskurse zum Beispiel publik zu machen, Reichweite zu erhöhen, vieles mehr. Aber am Ende des Tages müssen wir diese Probleme gesellschaftlich lösen." 

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