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Religionen | Beitrag vom 08.03.2020

Feministische Nonne Teresa ForcadesKapitalismuskritik aus dem Kloster

Von Kirsten Dietrich

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Die Katalonische Nonne und Feministin Teresa Forcades in der Nähe von Barcelona. (Edu Bayer/Polaris/laif)
Nonne und Feministin: Teresa Forcades (Edu Bayer/Polaris/laif)

Als "Kapitalismuskritikerin aus dem Kloster" ist die Benediktinernonne Teresa Forcades i Vila bekannt. Sie kritisiert nicht nur Pharmakonzerne, sondern ist auch bekennende Feministin und setzt sich für die Unabhängigkeit Kataloniens ein.

"Mein Name ist Teresa Forcades i Vila. Ich bin Benediktinerin, Schwester in einem Kloster in den Bergen, in Montserrat, in der Nähe von Barcelona. In Katalonien. Gerade bin ich verantwortlich für unser Singen. Ich bin Chorleiterin. Das ist viel Arbeit, weil ich keine professionelle Musikerin bin."

Nonne und Wissenschaftlerin

Daneben gibt Teresa Forcades theologische Kurse im Kloster, sie ist Herausgeberin einer katholischen Zeitschrift und schreibt Bücher. Doch Forcades ist nicht nur Theologin, sondern auch promovierte Ärztin – ins Kloster war sie ursprünglich nur gekommen, weil sie einen ruhigen Ort zur Examensvorbereitung suchte. Doch dann spürte sie einen Ruf und blieb.

Gut zwanzig Jahre ist das jetzt her. Teresa Forcades lebt seitdem als Nonne abgeschieden im Kloster und ist zugleich als Wissenschaftlerin in Spanien, den USA und Deutschland aktiv und reist für Vorträge um die Welt.

"Da habe ich ein Einverständnis mit der Äbtissin und der Gemeinschaft, dass ich das einmal pro Monat machen darf", erklärt die vielbeschäftigte Frau. Aber neben der Arbeit steht im Kloster immer auch das Beten, getreu dem benediktinischen Leitsatz "ora et labora", bete und arbeite.

"Anderthalb Stunden sind individuelles Gebet. Außerdem haben wir drei, fast vier Stunden Chorgebet. Da singen wir Psalmen, liturgische Reden. Man kann sagen: Fünf Stunden pro Tag ist Gebet meine Aufgabe."

Eine öffentliche, streitbare Frau

Charismatisch – Teresa Forcades wirkt wie eine Verkörperung dieses schillernden Begriffs. Sie tritt bescheiden auf, kleidet sich in grau und schwarz: graue Bluse, schwarze Strickjacke, schwarze Stoffhose, praktische schwarze Schuhe, unter dem schwarzen Schleier der Benediktinerin schaut ergrauendes schwarzes Haar hervor – Teresa Forcades ist 54 Jahre alt. Sobald sie aber spricht, wird ihr klares, ungeschminktes Gesicht lebendig.

Forcades lacht und lächelt viel, sie gestikuliert beim Reden mit den Händen – an eine lebendig gewordene mittelalterliche Ikone erinnert das dann. Nur dass die natürlich kein Mikrofon in der Hand hat, ein Hilfsmittel, mit dem Teresa Forcades geübt und routiniert umgeht. Denn die Nonne ist auch eine öffentliche, streitbare Figur.

"'Die radikalste Nonne Europas' nannte mich die BBC", sagt sie und vermutet: "Das liegt an meiner Kritik am Kapitalismus, und die kommt von meiner Kritik an großen pharmazeutischen Konzernen."

Kritik an der Pharmaindustrie

Vor allem mit dieser Kritik ist sie überregional bekannt geworden. 2005 schrieb Teresa Forcades ein kritisches Buch gegen die Pharmaindustrie. 2009 drehte sie ein Video, in dem sie die Glocken ihres Klosters läuten ließ und sich gegen die Impfpolitik im Rahmen der damals grassierenden Schweinegrippe aussprach. Das Video fand ein breites Publikum.

Forcades nutzt seitdem diese Öffentlichkeit. Manchmal für umstrittene Positionen: so ist sie eine Verfechterin von sogenannten MMS, das steht für Miracle Mineral Supplement oder Miracle Mineral Solution. Die einen wollen damit Krankheiten von Husten bis Krebs heilen, die anderen halten die Mittel für nichts als gefährliche Chlorbleiche. Forcades sieht ihr Engagement als Teil ihrer Auseinandersetzung mit gefährlichen Entwicklungen im Gesundheitswesen, das zu sehr in den Händen einer rein profitorientierten Pharmaindustrie liege:  

"Zweimal wurde ich zu Kongressen eingeladen, und die Organisatoren des Kongresses haben mir gesagt: ‚Pharmakonzerne haben uns das Geld weggenommen, weil du kommst.‘ Für mich ist das kein Problem, weil ich nicht abhängig von einer medizinischen Institution bin, ich bin in einem Kloster."

Feministische Theologie

Teresa Forcades setzt sich überall da ein, wo die Interessen großer Organisationen über die Bedürfnisse Einzelner hinweggehen. Deswegen hat sie sich für die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien engagiert und an einem Verfassungsentwurf mitgeschrieben, sich dafür sogar eine Auszeit vom Kloster genommen.

Darf eine Nonne so viel Unruhe erzeugen? Forcades bezieht sich da gern auf Jesus, mit einem Vers aus dem Lukasevangelium, der lautet: 'Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung' (Lk 12, 51).

"Von der theologischen Anthropologie entdecke ich einen Beruf, einen Ruf, sich ganz originell zu entwickeln", sagt sie. Für diese Berufung zum ganz Eigenen findet Teresa Forcades griffige Formulierungen, die auch von außen anschlussfähig sind. So zum Beispiel, wenn sie sich mit einer Grundfrage feministischer Theologie beschäftigt: Wie kann ich mich als Mensch und Ebenbild Gottes sehen, wenn ich mich als weiblich, männlich oder anderes verstehe, mir aber dieser Gott als rein männlich gezeichnet wird? Und sollte Gott nicht alle diese Zuschreibungen übersteigen? Ihre Antwort:

"Alle können zusammenkommen, um queer zu werden. Aber queer in diesem Sinn, dass in unserem Horizont der Verwirklichung nicht ein ideales Bild von Mann, Frau, Weiblichkeit, Männlichkeit, Inter oder sonst etwas steht, sondern ein Gott, eine Quelle der Liebe und Freiheit, die jede von uns als Einzigartige sieht, nicht in Kategorien."

Das Kloster steht hinter ihr

Ob alle, die ihr gerade auch von außerhalb der Kirchen applaudieren, verstehen, was sie mit diesem Queer-Sein im Angesicht Gottes meint? Egal, sagt Teresa Forcades, Hauptsache, sie kommen überhaupt ins Nachdenken: "Ich versuche nicht, allen zu antworten. Ich gebe Zeugnis über das, was für mich lebendig ist."

Deswegen trage sie in der Öffentlichkeit auch weiterhin den Schleier. Auch wenn ihre Äbtissin und alle Schwestern, auch sie selbst, vor kurzem beschlossen hätten, dass der nicht mehr vorgeschrieben sein soll.

Ja, es habe schon Beschwerden über sie in Rom gegeben, räumt sie ein – aber im Kloster stehe man hinter ihr. Auch wenn sie den anderen Schwestern mit ihren Aktivitäten von katalanischer Unabhängigkeit bis Feminismus oft gehörig auf die Nerven gehe, sagt sie:  

"Manche Schwestern denken: Here she goes again, wir mögen das nicht. Aber sie wollen, dass ich rede, wie ich glaube - denn sie wollen selbst auch reden, wie sie glauben oder wollen."

Die äußere Freiheit, für die sie eintritt: Für Teresa Forcades ist sie untrennbar verbunden mit den Regeln, die ihr das Leben im Kloster auferlegt. Vor allem dazu, täglich anderthalb Stunden alleine zu beten. Wer das durchhält, sagt sie, wird ein anderer Mensch:

"Das rate ich allen. Egal, ob du Benediktiner bist oder christlich oder katholisch oder sonst was. Egal. Eineinhalb Stunden pro Tag, um ernsthaft nachzudenken: Was mache ich hier? Das ist innere Freiheit. Nicht nur innere: Das ist Freiheit."

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