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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 13.04.2018

Feminismus und MarxismusWarum fehlende Teilhabe für Frauen kein "Nebenwiderspruch" ist

Von Heide Oestreich

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Frauentags-Demonstration in Berlin - die Proteste richteten sich gegen Sexismus und Geschlechterdiskriminierung. Auf einem Schild steht "Gleiche Rechte für alle", Demonstrantinnen rufen etwas mit erhobenem Arm (imago/Christian Mang)
Frauentags-Demonstration in Berlin - die Proteste richteten sich gegen Sexismus und Geschlechterdiskriminierung (imago/Christian Mang)

Auch bei Karl Marx waren die Frauen nur mitgemeint, kritisiert Heide Oestreich: Deren Unterdrückung war bei ihm nur ein Nebenwiderspruch des Hauptwiderspruchs Kapital und Arbeit. Die Journalistin erklärt, warum das damals wie heute nicht stimmen kann.

Die Frauen waren auch bei Karl Marx immer schön mitgemeint. Die Arbeiterinnen waren doppelt ausgebeutet in der Industrie und der gänzlich unbezahlten Hausarbeit. Schlimm, ja. Aber eine eigene politische Agenda brauchten die Frauen seiner Ansicht nach nicht. Der Nebenwiderspruch der Frauenunterdrückung würde sich gemeinsam mit dem Hauptwiderspruch von Kapital und Arbeit verabschieden.

Teilhabeversprechen für den Mann – und die "mitgedachte" Frau

Beim Mitgemeint-Sein werden viele Frauen allerdings seit längerem misstrauisch. "Ihr seid doch mitgemeint", heißt: Eure Interessen sind unsere Interessen, deshalb braucht ihr euren kleinen Nebenwiderspruch gar nicht erst formulieren. Zu Deutsch: mitmachen und Klappe halten!

Das ging 1968 einigen Frauen so auf die Nerven, dass sie den Spieß einfach umdrehten: Für uns, erklärten sie, ist der Nebenwiderspruch der Hauptwiderspruch. Der Radikalfeminismus war geboren: Frauen zuerst. Eine von ihnen ist die heute 80-jährige Marlies Krämer, die auf den Formularen der Sparkasse nicht mitgemeint sein will und sich beharrlich durch die Instanzen klagt.

Dabei hat die heute noch mitregierende Erbin des Karl Marx, die Sozialdemokratie, die Rede von den Widersprüchen natürlich längst beerdigt. Die soziale Marktwirtschaft gilt ihr als gelungene Synthese des einstigen Widerspruchs von Kapital und Arbeit. Die revolutionäre Verheißung wurde ersetzt durch das Versprechen auf Teilhabe.

Aber was diese Transformation unbeschadet überstand: Frauen waren weiter mitgemeint. Das Teilhabeversprechen galt natürlich dem Mann - nebst Gattin. Die ist bis heute als Teilzeit arbeitende Hausfrau mit-gedacht und mit-versichert. Mitgemeint eben.

Widerspruch ist nicht zwecklos

Und das gefällt nicht nur Marlies Krämer nicht. Ob Neben- oder Haupt: Widerspruch wird artikuliert. Doch anstatt Widersprüche zu hierarchisieren, bemühen sich Feministinnen heute darum, die Machtachsen der Gesellschaft "intersektional" zu denken: Rasse, Klasse, Geschlecht und andere Faktoren können in verschiedenen Situationen unterschiedlich stark zum Tragen kommen.

Deshalb nehmen diese Feministinnen heute vermeintliche Petitessen wie Sparkassenformulare wichtig, fordern morgen mehr Geld für Frauen in Pflegeberufen und solidarisieren sich übermorgen mit Musliminnen. Es gibt nicht mehr Haupt - und Nebenprobleme, sondern gleichwertige Teilhabeansprüche. Eigentlich ist es ernst genommene Sozialdemokratie.

Das aber gefällt nicht allen. Da könnte ja jeder kommen! Und schon ist der Geist des Nebenwiderspruchs wieder auferstanden: Mit einer "Addition von Minderheitenpolitiken" könne man keine Mehrheiten gewinnen, meinte etwa kürzlich der Sozialdemokrat Peer Steinbrück. Unterton: Das Hauptproblem haben wir vergessen: die ökonomische Lage des weißen Mannes. Der vergessene weiße Mann werde nun quasi aus Notwehr nationalistisch, weil nur der Nationalismus den weißen Mann noch wichtig nehme, lautet eine beliebte These.

Probleme des weißen Mannes nicht von Minderheiten verursacht

Das Problem des weißen Mannes haben allerdings am wenigsten die Frauen und Minderheiten verursacht. Vielmehr haben Steinbrücks Sozialdemokraten höchstpersönlich ihm in den letzten Jahren ihr Teilhabeversprechen empfindlich reduziert. Sein Privileg eines gut bezahlten festen Arbeitsplatzes mit sicherer Rente schwindet.

Er kann also den Eindruck gewinnen, er sei nun auf dem bekanntermaßen dürftigen ökonomischen Niveau der Frauen gelandet - nur ohne die Möglichkeit, sich zur Not einen reichen Kerl zu angeln. Gemein!

Es ist vor diesem Hintergrund natürlich verlockend, zu sagen: Die Weiber und die Minderheiten mit ihrem Teilhabegedöns haben uns das eingebrockt. Zurück zur Hauptsache.

Aber Steinbrück ist nicht Marx. Ladies, haltet still bis zur Revolution? Nein, die SPD propagiert immer noch messbare Teilhabe für alle, ausnahmslos, auch für Frauen und Minderheiten. Wer denen nun den Widerspruch verbieten will, der muss erstmal die Demokratie abschaffen.

Die Taz-Redakteurin Heide Oestreich (privat)Heide Oestreich (privat)Heide Oestreich ist Redakteurin der Berliner "Taz" und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewusste Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

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