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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.03.2016

"Feinde" am Gorki-Theater BerlinDas Leben nach dem Überleben des Holocaust

Von Eva Behrendt

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Das Maxim Gorki Theater, aufgenommen am 29.10.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
Das Maxim Gorki Theater in Berlin (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

In dem von Yael Ronen am Berliner Gorki-Theater inszenierten Stück "Feinde - die Geschichte einer Liebe" geht es um einen Holocaust-Überlebenden, der zwischen drei Frauen steht. Er ist mit seinem Leben überfordert. Ein etwas routiniert erzählter, aber besonderer Theaterabend.

Herman Broder hat den Holocaust überlebt, aber jetzt ist er überfordert: In seiner einen Wohnung in Brooklyn hofft seine zweite Frau, das einstige Dienstmädchen Yadwiga, auf ein Kind von ihm. Geheiratet hat er sie aus Dankbarkeit, weil sie ihn drei Jahre vor den Nazis auf dem Heuboden versteckt hat. In seinem anderen New Yorker Apartment glaubt seine KZ-traumatisierte Geliebte Mascha, von ihm schwanger zu sein und will, dass er sie ebenfalls heiratet. Davon erzählt er seiner schon tot geglaubten Vorkriegsehefrau Tamara, die auch die Mutter seiner beiden zwei im Holocaust umgekommene Kinder ist. "Und was ist mit dir", fragt er sie, "willst du noch Kinder?" Darauf sie, fast unschuldig: "Wozu? Damit die Deutschen jemanden zum Verbrennen haben?"

Am Gorki-Theater, wo Yael Ronen Isaac B. Singers Ende der 1940er-Jahre spielenden Roman "Feinde - die Geschichte einer Liebe" für die Bühne adaptiert, gehören die tief traurigen und bitter zynischen Dialoge von Herman und Tamara zu den stärksten Szenen. Das liegt vor allem an der großartigen Schauspielerin Cigdem Teke, deren Tamara nach allen Höllen, durch die sie gegangen ist, eine fast unheimliche Aura der Unzerstörbarkeit umgibt. Sie scheint als einzige in diesem tragikomischen Quartett den Überblick zu bewahren, und so sarkastisch sie Aleksandar Radenkovics merkwürdig leeren Herman auch in die Mangel nimmt, hat sie doch ein großes Herz behalten.

Alpträume und Sehnsüchte der Überlebenden

Nach einer ganzen Reihe von Stückentwicklungen und Romanbearbeitungen, zu denen das herkunftsgemischte Gorki-Ensemble viel Biografisches beitrug, legt die Israelin Yael Ronen mit "Feinde" eine Pause ein. Zwar verweisen Auszüge aus Hannah Arendts Aufsatz "Wir Flüchtlinge" im Programmzettel darauf, dass bei der Stoffwahl die aktuelle Situation in Deutschland und Europa durchaus eine Rolle gespielt haben dürfte. Doch die Aufführung verzichtet auf Bezüge zur Gegenwart; im Grunde erzählen Ronen und Ensemble diesmal ganz konventionell Singers lakonischen Post-Holocaust-Roman nach.

Heike Schuppelius' immer wieder von weißen Totenschatten überblendetes Bühnengerüst ist vor allem zweckmäßig und strukturiert den Raum für Hermans Frauen: Vorne links, zu ebener Erde, wohnt die zum Judentum konvertierende Yadwiga, die Orit Namias mit ironischem Lächeln vor der ihr zugeschriebenen Bauerndummheit in Schutz nimmt. Etwas erhöht haust Tamara, und ganz oben, wie ja auch in Hermans Leidenschaftsranking, lebt Mascha mit ihrer Mutter (Ruth Reinecke). Lea Draegers Mascha klammert sich an den Sex mit Herman wie an den letzten Strohhalm; hinter ihren hysterischen Eifersuchtsszenen scheint die nackte Lebenspanik auf. Zwischen den Szenen bringen Daniel Kahn und seine beiden Klezmerkollegen die Handlung immer wieder vielsprachig auf den Punkt: "After survival – how to survive?"

Yael Ronens letztlich sehr direkte Art des Bühnenerzählens wirkt zwar mitunter etwas routiniert. Ihre Spieler und Spielerinnen kommen aber, und das macht "Feinde" dann doch zu einem besonderen Theaterabend, ohne falsche Töne aus. Auch wenn es sogar einen Hauch von Happy End gibt: Den Alpträumen und Sehnsüchten, den Schuldgefühlen und dem Lebensüberdruss der Überlebenden hat diese Flüchtlingsgeschichte noch einmal sehr genau ins Gesicht geschaut.

Mehr Informationen zu "Feinde - die Geschichte einer Liebe" von Isaac Bashevis Singer in der Inszenierung von Yael Ronen am Berliner Gorki-Theater auf der Webseite des Theaters

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