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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 26.03.2021

Feiern in der Corona-PandemiePessach auf Rädern statt Synagoge

Von Elin Hinrichsen

Auf einem Tisch liegen Matze und eine Kippa, daneben stehen vier Gläser Wein. (Imago / Cavan Images)
Mazzen, also ungesäuertes Brot, und Wein - das sind zwei Dinge, die Juden an Pessach essen dürfen. In diesem Jahr können sie sich in Düsseldorf an einem Verkaufswagen eindecken. (Imago / Cavan Images)

Auch in diesem Jahr wird Pessach nur eingeschränkt stattfinden können. Gemeinsame Feiern in Synagogen müssen ausfallen. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf will sich damit nicht abfinden. Sie hat sich ein Alternativprogramm ausgedacht.

Andrang am Verkaufswagen. "Pessach auf Rädern" steht darauf. Und gerade reicht eine rothaarige Frau ihren Gutschein über den Tresen. Hinter ihr warten weitere Männer und Frauen in der Schlange – unter Wahrung der Corona-Abstände. Es ist so eine Art Geschenke-Ausgabe hier und der Andrang ist seit Beginn der Aktion vor etwa zwei Wochen groß. Matvey Kreyermann rückt weiter vor.

"In dem Paket ist eine Packung Mazza. Das ist das Brot, das wir essen an Pessach. Da ist eine Flasche Wein, die brauchen wir für den Pessach-Seder und eine Dose Gürkchen. Das ist auch etwas, was man an Pessach schon essen kann, weil an Pessach haben wir besonders strenge Essensregeln - im Judentum gibts generell strenge Essensregeln und besser besonders streng. Und da kann man nicht alles essen."

Von Generation zu Generation

Jetzt ist er an der Reihe. Die freiwillige Helferin, die für ein paar Stunden heute auf dem Wagen steht, reicht auch ihm die prall gefüllte, braune Papptüte über den Tresen. Wenn nicht Corona wäre, dann würden die Gemeindemitglieder an diesem Samstag groß in der Synagoge zusammen feiern und ein wichtiges Pessach-Gebot halten.

"Ja, das ist die Geschichte zu erzählen des Auszugs aus Ägypten. Und ja, alles, was drum herum passiert ist, das ganze Essen und alles, was wir rituell veranstalten, das ist eben dazu da, damit wir diese Geschichte weitererzählen und das geht im Prinzip von Generation zu Generation. Das heißt, die Eltern erzählen das den Kindern. Selbst wenn die Kinder mehr Ahnung hätten als die Eltern, müssten das die Eltern trotzdem den Kindern erzählen, weil es eben wichtig ist, dass das wirklich von Generation zu Generation übergeben wird."

Kein gemeinsamer Seder-Abend in der Synagoge in diesem Jahr; aber die Düsseldorfer Gemeinde möchte den Mitgliedern trotzdem einen schönen Abend ermöglichen - eben dieses Mal innerhalb der eigenen Haushalte. Die Gemeinde finanziert deshalb die Paketaktion.

Für die Kinder: Nur Knabberzeug ohne Getreide

"Finde ich traumhaft. Finde ich ganz toll. Jetzt zu Corona-Zeiten, das so zu organisieren und die Gemeindemitglieder so quasi weiter an die Gemeinde zu binden und zu Pessach ein Geschenk zu machen."

Sie hat ihr Geschenk gerade schon abgeholt. Der Verkaufswagen steht direkt vor dem koscheren Laden ganz in der Nähe der Synagoge. Die junge Frau hat einen Einkaufskorb über dem Arm.

"Ich muss gucken, dass ich genügend Knabberzeug für die Kinder habe, damit sie die Woche gut durchkriegen."

Pessach, das heißt: Eine Woche lang keine Lebensmittel aus herkömmlichem Getreide essen. Damit erinnern sich gläubige Juden und Jüdinnen daran, dass das Volk Israel ungesäuertes Brot gegessen hat, damals, beim Auszug aus Ägypten.

Pessach bedeutet auch Frühjahrsputz

"Und genau mein Sohn hat auch schon gesagt Mama, ich schaffe das nicht. Er wird sechs, hat es schon gesagt, aber ich schaffe das gar nicht. Kein Brot und keine Nudeln. Nun, ich habe gesagt, das hast Du schon so viele Jahre geschafft, ohne es zu merken. Jetzt mit deinem Bewusstsein wirst du es auch noch hinkriegen. Und dadurch, dass wir uns alle daran halten, ist das alles wirklich machbar."

Ihre Vorfahren, sagt sie dann noch, haben es schließlich auch geschafft – vor 3000 Jahren. Damals lebte das Volk Israel in Ägypten im Exil und der Pharao ließ die Israeliten hart als Sklaven arbeiten. Eines Nachts aber bot sich ihnen - und ihrem damaligen Anführer Moses -  die Chance zu fliehen. 40 Jahre lang zogen die Juden durch die Wüste - ins gelobte Land Kanaan - so steht es in der Bibel. Auf der Flucht blieb keine Zeit, das Brot in Ruhe gehen zu lassen. Also gab es nur ungesäuertes. Noch heute darf kein Jude, keine Jüdin auch nur einen Krümel Gesäuertes besitzen oder in der Wohnung haben.

"Genau richtig und bei uns ist das sozusagen, was man zum Beispiel nichtjüdischen Freunden erklärt: Es ist wie der Frühjahrsputz, aber es wird wirklich jede Ecke. Die Fenster werden geputzt, der Boden wird gewischt hinter den Sofas, hinter den Schränken, unter dem Bett. Also es ist so, dass wirklich alles komplett einmal saubergemacht wird."

Die magischen 18 Minuten

Ein Riesenakt für alle Juden weltweit, bei dem schon die Kinder, ihrem Alter entsprechend, mithelfen. Die junge Frau hält einen abgepackten Schokoladen-Kuchen in die Luft - ist der hier speziell für Pessach zertifiziert? Die Verkäuferin eilt zur Beratung heran. Alle diese Kuchen, sagt sie, seien Pessach-Kuchen.

"Sie sind nicht aus normalem Mehl. Sie sind aus Matze-Mehl und Matze. Das ist Wasser und Mehl, welche weniger als 18 Minuten stehen darf. Und dann wird es gebacken. Denn nach 18 Minuten ist es schon gesäuert, das heißt, es ist nicht mehr koscher für Pessach - ist es koscher, aber nicht für Pessach. Das Ganze gibt es nur einmal im Jahr, einen Monat lang für zwei Wochen. Das wars."

Die junge Frau packt den Kuchen und noch ein paar Kekse aus dem Pessach-Regal in ihren Einkaufskorb und geht zur Kasse. Eigentlich kauft sie hier immer auch noch eine Dose saure Gurken – aber die waren ja schon im Pessach-Paket der Gemeinde.

Festliche Grundversorgung für die Mitglieder

"Das lieben wir einfach. Das essen wir. Das ist eine Beilage, die man zu jeder Speise einfach isst. Eingelegte Essiggurken sind einfach unglaublich lecker. Und wenn das die israelischen sind, die in Salzwasser und nicht in Essigwasser eingelegt wurden, sind die besonders lecker. Da empfehle ich Ihnen, holen Sie sich das mal, probieren sie das zu Hause. Das schmeckt wirklich anders als die Spreewaldgurken, die man zum Beispiel kennt oder so, das ist wirklich was Besonderes."

Draußen am Pessach-auf-Rädern-Wagen herrscht gerade etwas Ruhe. In den vergangenen zwei Wochen sind insgesamt mehr als 2000 Pakete über den Tresen gegangen. Jetzt nutzt die Helferin die kundenfreie Zeit, um neue Gurken, neuen Wein und neue Matzot in neue Tüten zu packen. Ganz unten hinein kommt auch ein Flyer, zweisprachig, auf Russisch und auf Deutsch. Den hat Matvey Kreymermann geschrieben. Die Aktion "Pessach auf Rädern" war auch seine Idee – er arbeitet für die jüdische Gemeinde Düsseldorf.

"Der Sederabend ist schon ein bisschen kompliziert. Mit Sicherheit wissen nicht alle wie und was man überhaupt machen soll. Da ist am Anfang eine kleine Anleitung, was überhaupt wichtig ist, die Eckpfeiler. Das haben wir uns überlegt, das ist wichtig, dass wir das überhaupt mal mitteilen."

Er nimmt seine Papptüte auf und geht nach Hause. Seine Frau ist gerade mit dem zweiten Kind hochschwanger. Da kommen die sauren Gurken aus dem Pessach-auf-Rädern-Paket vielleicht auch für die Kreymermanns gerade recht.

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