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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.10.2015

Fehmarnbelt-TunnelDeutsche Wutbürger gegen dänische Tunnelfans

Von Dietrich Mohaupt

Ein Archäologe des Museums Lolland-Falster sichert in der Nähe von Rödby auf der Insel Lolland eine Fundstelle. (dpa/ picture-alliance/ Markus Scholz)
Ein Archäologe sichert in der Nähe von Rödby auf der Insel Lolland eine Fundstelle. Der Boden wird routinemäßig untersucht, bevor auf dem Gelände die Fabrikanlagen zur Herstellung der Tunnelsegmente für den Fehmarnbelt-Tunnel errichtet werden. (dpa/ picture-alliance/ Markus Scholz)

Es soll der längste sogenannte Absenktunnel der Welt werden – der geplante Tunnel unter dem Fehmarnbelt zwischen Deutschland und Dänemark. Die Dänen sollen mit mehr als sieben Milliarden Euro das Meiste bezahlen und sind von dem Projekt überzeugter als ihre deutschen Nachbarn.

Im Hafen von Rødby auf der dänischen Insel Lolland befindet sich in Sichtweite des Fähranlegers das Infocenter von Femern A/S. Das dänische Staatsunternehmen - verantwortlich für Bau und Betrieb des geplanten Tunnels - präsentiert hier detaillierte Pläne und Modelle, es gibt Informationen über die aufwändigen Umweltuntersuchungen im Fehmarnbelt und es werden archäologische Fundstücke gezeigt, die bei Vorarbeiten für die Tunnelbaustelle entdeckt wurden. Eine Axt aus Hirschgeweih zum Beispiel - die vermutlich von Fehmarn stammt. Es gab offenbar schon vor rund 6000 Jahren einen regen Austausch von Ideen und vielleicht auch Waren über den Belt, vermutet Anne-Elisabeth Jensen vom Museum Lolland-Falster:

"Ganz genau - also da sind wir uns ganz, ganz sicher, dass es so war. Übrigens nicht nur beim Hirschgeweih - auch Keramikfunde zum Beispiel sind ganz ähnlich wie auf der anderen Seite. Also -das Wasser hat verbunden, nicht geteilt."

Statt über das Wasser soll diese Verbindung künftig durch einen Tunnel verlaufen. Einige dänische Touristen haben sich die Pläne dafür gerade angeschaut - sie sind offenbar beeindruckt. Ein tolles und wichtiges Projekt, meint einer der Besucher.

"Wir können 200 Kilometer abschneiden auf dem Weg nach Deutschland beim Transport von Waren aus Schweden und Norwegen - das spart viel Zeit."

Dänemark muss etwa 7,4 Milliarden Euro investieren

Zudem sollen auf Lolland die Beton-Gussteile für den sogenannten Absenktunnel produziert werden - von bis zu 5.000 neuen Arbeitsplätzen direkt beim Tunnelbau ist die Rede. Rund 7,4 Milliarden Euro muss Dänemark in das Mega-Bauvorhaben investieren - das dänische Parlament hat die Pläne bereits abgesegnet. Der Verkehrsminister des Landes betont immer wieder: Dänemark kann so etwas - und auch die Besucher in Rødy verweisen auf die Erfahrungen zum Beispiel mit der Großen Beltbrücke zwischen Fynen und Seeland.

"Ich denke, wir schaffen das - das hat man schon bei den Brücken gesehen, die wir in den vergangenen zehn Jahren gebaut haben. Also - ich denke, das ist eine gute Investition."

Arbeitsplätze durch den Tunnelbau, und später dann auch durch den Tourismus, der dank des Tunnels einen kräftigen Schub erhalten soll - so die Hoffnung vieler Bewohner Lollands. Dabei kommt das Projekt gerade bei Tagestouristen aus Deutschland nicht wirklich gut an. Viele genießen die knapp einstündige Seefahrt - genau das würde uns fehlen, meint ein Urlauber aus Berlin während der Überfahrt mit dem Schiff von Lolland Richtung Fehmarn.

"Wir kommen hier schon seit 15 Jahren regelmäßig zu Besuch, sind dann in der Lübecker Bucht und nehmen dann auch immer wahr, dass wir dann mit der Fähre fahren, Dänemark besuchen - würden wir dann nicht mehr machen, wenn es den Tunnel geben würde."

Vor allem auf Fehmarn selbst und in der gesamten Lübecker Bucht sind viele gegen den Tunnel. Jahrelang Bauarbeiten in der Ostsee direkt vor den Stränden und für die Straßen- und Eisenbahnanbindungen auf der Insel - das werde die Urlauber vertreiben, so die Befürchtungen. Naturschützer warnen außerdem vor schweren Umweltschäden. Dabei sei der Tunnel völlig überflüssig, betont Hendrik Kerlen vom Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbelt-Querung. Am Fährhafen in Puttgarden steht er auf einer Fußgängerbrücke über der Zufahrtsstraße zu den Fähren - unter ihm rollen sporadisch einige Autos, Wohnmobile und LKW mit Ziel Skandinavien durch.

"Ja - wozu muss hier ein Tunnel sein? Wir brauchen keinen!! Die Fähren funktionieren hervorragend, die fahren jetzt mit Hybridantrieb, sparen 15 Prozent des früheren Treibstoffverbrauchs ein. 5500 Fahrzeuge am Tag werden so im Durchschnitt transportiert, 40 Prozent Auslastung der Fähren - also ich glaube das reicht, und das reicht auch für die Zukunft."

3100 Einwendungen gegen den Tunnel

Die Projektplaner dagegen kalkulieren mit zunächst gut 10.000 Fahrzeugen - und dazu noch bis zu 61 Güterzügen pro Tag. Landes- und Bundesregierung sehen darin einen klaren Beweis für die Notwendigkeit des Tunnels als wichtige Verkehrsachse nach Skandinavien. Allerdings hat es auf deutscher Seite im Planfeststellungsverfahren rund 3100 Einwendungen gegen den Tunnel gegeben, in Dänemark nur 30. Vermutlich wird es frühestens in zwei Jahren einen Planfeststellungsbeschluss geben - und wer weiß, meint Hendrik Kerlen, vielleicht haben die Dänen ja bis dahin die Nase voll von den ewig zögernden Deutschen mit ihren endlosen Einsprüchen. Die Tunnelpläne könnten sich dann von ganz allein erledigt haben.

"Abwarten und Tee trinken - vor 2019/2020 wird bestimmt keine endgültige Entscheidung fallen - vorher werden keine Bauaufträge vergeben. Die Dänen sind in der Realität angekommen angesichts der immens gestiegenen Kosten, und - ich sag' es mal ganz salopp - die bekommen langsam kalte Füße."

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