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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 07.05.2021

Fehlende Corona-ErhebungenDeutschland stochert im Trüben

Ein Kommentar von Jan-Martin Wiarda

Corona-Test vor verschwommenem Hintergrund (picture alliance / CHROMORANGE / Matthias Stolt)
Wenn die Datenlage schlecht ist, liegen Prognostiker falsch, und die Politik hantiert mit Vermutungen. (picture alliance / CHROMORANGE / Matthias Stolt)

Wer steckt sich derzeit besonders häufig mit Covid-19 an? Und welche Gegenmaßnahmen helfen? Länder, die stichprobenartig testen, wissen das. In Deutschland jedoch ist die Datenlage mies, beklagt Journalist Jan-Martin Wiarda. Das hat fatale Folgen.

Sieben-Tage-Inzidenzen von 350, 500, 1000: So haben es bekannte Wissenschaftler und Institute wie das Robert Koch-Institut (RKI) noch vor wenigen Wochen für den Mai prognostiziert. Zum Glück ist nichts davon eingetroffen. Und in die Erleichterung darüber mischt sich bei einigen der Spott: Von "Modellierern des Schreckens" spricht etwa der "Welt"-Journalist Olaf Gersemann.

Doch das Problem ist nicht die angebliche Schwarzmalerei. Das Problem ist, dass selbst die seriösesten Zukunftsprognosen nur so gut sein können wie die Daten über die Gegenwart, mit denen sie gefüttert werden. Und diese Daten sind in Deutschland mies. Mieser als anderswo.

Fehlende Stichproben in der Gesamtbevölkerung

Großbritannien etwa hat seit einem Jahr ein nationales Corona-Panel. Das sogenannte "COVID-19 Infection Survey" ist eine regelmäßige Stichprobe, ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung. Und der wird auf frische Corona-Infektionen getestet.

Mit dem Ergebnis, dass die Politik in Großbritannien in den vergangenen zwölf Monaten stets genau wusste, welche Altersgruppen besonders häufig erkrankten. Was das mit ihrem sozialen und beruflichen Umfeld zu tun hatte, und ob die ergriffenen Gegenmaßnahmen wirkten.

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In Deutschland dagegen hat die Politik bis heute nur die offiziell gemeldeten Infektionszahlen. Doch bleiben viele Ansteckungen unentdeckt, weil die Infizierten keine Symptome zeigen.

Wenn dann in einer Woche mehr getestet wird als in der davor, steigen die Zahlen schon deshalb. Und umgekehrt: Man denke nur an die den scheinbaren Rückgang über Ostern – und den umso kräftigeren Anstieg danach! Hinzu kommt, dass es oft Tage braucht, bis das Ergebnis eines positiven PCR-Tests in der regionalen und erst recht in der bundesweiten Statistik ankommt.

Gerechtigkeitsproblem durch schlechte Ausgangsdaten

Weil die Daten so mies sind, liegen nicht nur die Prognostiker falsch. Sondern es stellen sich auch enorme Gerechtigkeitsprobleme. Wenn zum Beispiel Kitas und Schulen im Teilbetrieb bleiben oder gar geschlossen werden mit der Begründung, dass die Infektionsraten bei Kindern und Jugendlichen gerade so in die Höhe schössen. Obwohl das schlicht daran liegen könnte, dass sie die einzige Altersgruppe sind, die zweimal wöchentlich zum Schnelltest muss.

Doch auch das ist nur eine Vermutung. Wir wissen nicht, ob Kinder sich gerade wirklich besonders häufig anstecken. Wir wissen auch nicht, ob die in der Bundesnotbremse festgelegten Ausgangssperren wirken. Oder ob die Meldeinzidenzen aus ganz anderen Gründen sinken. Weil Deutschland ohne repräsentative Corona-Panels weiter im Trüben stochert.

Das Erschütternde ist, dass das Bewusstsein in der Politik für diesen Missstand nicht sehr ausgeprägt zu sein scheint. Jedenfalls berichten Forscher, dass sie mit dem Vorschlag repräsentativer Stichproben immer wieder gegen Wände gelaufen sind, auch im Bundesgesundheitsministerium.

Deutschland hinkt international weit hinterher

"Deutschland läuft der Datenerhebungsqualität der englischsprachigen Länder meilenweit hinterher", sagt der Medizinstatistiker Gerd Antes, Mitbegründer des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Er vermutet "eine Mischung aus Inkompetenz, Arroganz und Interessenkonflikten" in Politik und Wissenschaft.

Das dem Ministerium unterstellte RKI arbeitet derweil seit Monaten an einer Untersuchung, deren Ergebnisse längst vorliegen sollten. Doch auch sie werden lediglich Aufschluss geben, wie viele Menschen sich zwischen September und Februar mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Als ob das beim Umgang mit der Pandemie im Mai, Juni oder Juli noch etwas nutzen würde! Oder bei der Frage, ob die Politik mit ihren Eindämmungsmaßnahmen die Falschen trifft.

Fest steht: In der größten gesellschaftlichen Krise seit Jahrzehnten kann sich die Bundesrepublik ein solches Unwissen nicht länger leisten. Denn selbst wenn die offiziellen Zahlen derzeit sinken: Die Pandemie ist noch nicht zu Ende. 

Der Journalist Jan-Martin Wiarda (Privat) (Privat)Jan-Martin Wiarda ist Journalist für Bildung und Wissenschaft und lebt in Berlin. Auf seinem Blog kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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