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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 20.05.2020

Fehlalarme vorprogrammiertVom Unsinn der Corona-App

Ein Kommentar von Friedhelm Greis

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Virus Tracking: eine Thermal Analyse von Menschen auf der Strasse, Mai 2020. (imago/Bigou Gilles)
Abstände zwischen Menschen lassen sich mit der Corona-App nicht wirklich messen, sondern nur auf Basis der empfangenen Signalstärke schätzen, erklärt Friedhelm Greis. (imago/Bigou Gilles)

In gut einem Monat soll die Corona-Warn-App der Bundesregierung zur Nachverfolgung von Infektionsketten endlich fertig sein. Doch einen wirksamen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie wird sie kaum leisten, meint der IT-Fachjournalist Friedhelm Greis.

Die Corona-Warn-App kann wegen der verwendeten Technik zur Kontaktmessung nur sehr eingeschränkt funktionieren. Bluetooth dient zur drahtlosen Übertragung von Daten auf kurze Distanz, beispielsweise zwischen Handy und Kopfhörer. Abstände lassen sich damit nicht wirklich messen, sondern nur auf Basis der empfangenen Signalstärke schätzen. Das ist genau so, als würde man aus der Helligkeit der Rückleuchten die Entfernung zum vorausfahrenden Fahrzeug bestimmen – also ziemlich ungenau und unzuverlässig. 

Man muss daher nicht einmal Computerexperte wie der US-Kryptologe Bruce Schneier sein, um die Bluetooth-Technik als vollkommen untauglich für die Kontaktverfolgung zu erklären.

Jeder Handynutzer weiß aus eigener Erfahrung, wie stark Funksignale wie Bluetooth oder WLAN in der eigenen Wohnung schwanken. Das hängt nicht nur von der Entfernung zum Router ab. Andererseits durchdringen die Signale im Gegensatz zu Bakterien oder Viren problemlos Fenster, Wände und Türen. 

Corona-Warn-Apps auf Bluetooth-Basis können aus diesem Grund nicht erkennen, ob zwei Geräte beispielsweise durch eine Glasscheibe getrennt sind. Während die Körper von Personengruppen stark dämpfend auf das Signal wirken, erhöhen reflektierende Flächen die Bluetooth-Reichweite deutlich. 

Fehlalarme durch eingeschränkte Technik 

Die Folge dieser Einschränkungen: Es wird Fehlalarme geben, wenn beispielsweise eine Person in einem Café innen am Fenster sitzt, eine andere hingegen genauso lange auf der anderen Seite der Scheibe. Obwohl beide eigentlich keinen Kontakt hatten, würden sie jeweils gewarnt, wenn bei einem der beiden eine Infektion getestet würde. 

Die Technik erkennt natürlich auch nicht, ob eine Person beispielsweise einen medizinischen Mundschutz trägt und damit ihr Infektionsrisiko reduziert. Auch wenn zwei Handys stundenlang nebeneinander in den Schließfächern einer Umkleidekabine liegen, könnte das später einen Alarm auslösen, obwohl sich die Besitzer in Schwimmbad oder Fitnessstudio gar nicht nahe gekommen sind. 

50 Millionen Nutzer in Deutschland notwendig

Doch viel häufiger dürfte vorkommen, dass ein Kontakt mit einem Infizierten nicht registriert wird. Eine Warnung wird in den meisten Fällen schon daran scheitern, dass bei einem Kontakt nicht beide Personen die Corona-Warn-App installiert haben.

Relativ zuverlässige Ergebnisse soll die App erst liefern können, wenn sie von mindestens 60 Prozent der Bevölkerung installiert wird. Das wären etwa 50 Millionen Menschen in Deutschland. Doch selbst wenn eine solche Mehrheit der Bevölkerung die App installiert hat, wird rein statistisch nur eine von drei Begegnungen davon erfasst. 

Nicht gelöst ist bislang auch das Problem von Auslandsreisen. Es ist weiterhin völlig unklar, wie die in Deutschland und Frankreich entwickelten Apps untereinander Daten austauschen sollen. Denn Frankreich wird voraussichtlich nicht die neue Bluetooth-Corona-Schnittstelle von Google und Apple nutzen. 

Zu guter Letzt gibt es Infektionswege, die nicht auf einem engen Kontakt zwischen Menschen basieren. Die Virusverbreitung durch Aerosole oder Schmierinfektion wird von einer Contact-Tracing-App nicht erfasst. 

Auf Warnungen müssten Tests folgen

Entscheidend für die Akzeptanz der App wird sein, wie mit den unvermeidlichen Fehlalarmen umgegangen wird. Nach einer erfolgten Warnung müssen Nutzerinnen und Nutzer sofort eine Möglichkeit haben, sich auf das Virus testen zu lassen. Eine wochenlange Quarantäne allein auf Basis einer App-Warnung ist nicht zumutbar. 

Es ist daher kein Zufall, dass selbst die Bundesregierung die Erwartungen an die App bereits stark gedämpft hat. Sogar in dem streng durchorganisierten Inselstaat Singapur haben nicht mehr als 20 Prozent der Bevölkerung eine Corona-App auf ihrem Smartphone installiert. Und auch in Island, wo fast 40 Prozent der Bürger die Corona-App installiert haben, hält man ihren Nutzen für kaum nachweisbar. 

Dass es in Deutschland anders sein wird, ist nicht gerade wahrscheinlich. So werden bewährte analoge Methoden wie das Abstandsgebot, der Mundschutz sowie die manuelle Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter auch weiterhin entscheidend bleiben, um die Ausbreitung der Epidemie einzuschränken. 

Porträt des IT-Fachjournalisten Friedhelm Greis (Foto: Petra Vogt) (Foto: Petra Vogt)Friedhelm Greis ist Redakteur beim IT-Fachportal Golem.de. Er studierte Elektrotechnik, Theologie, Spanisch, Philosophie und Journalistik. Er arbeitete bei der Netzeitung, als Journalist und freier Autor in New York und als Herausgeber und Redakteur bei der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Greis betreibt das Tucholsky-Blog Sudelblog.de.

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