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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.07.2019

Fazit-Sondersendung aus BautzenWarum ostdeutsche Städte einen kulturellen Aufbruch brauchen

Annalena Schmidt im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Die äußert sorgsam restaurierte mittelalterliche Altstadt der sächsichen Stadt Bautzen aus erhöhter Perspektive.   (Rainer Weisflog / imago-images)
Die Altstadt von Bautzen. Die sächsische Stadt nimmt teil an der Initiative #WannWennNichtJetzt - Für eine offene Gesellschaft der Vielen und gegen soziale Spaltung. (Rainer Weisflog / imago-images)

Die Historikerin Annalena Schmidt lebt seit vier Jahren in Bautzen. Ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus machte sie bekannt. Sie sagt aber auch, dass man das Gefühl des Abgehängtseins in ostdeutschen Regionen ernst nehmen müsse.

Es sei schon auffällig, dass in Bautzener Initiativen wie "Bautzen bleibt bunt" in größeren Teilen zugezogene Menschen aktiv seien, sagt die Historikerin und Grünen-Politikerin Annalena Schmidt, die seit vier Jahren in der Stadt lebt und sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit engagiert.

"Ich würde deswegen aber nicht behaupten wollen, dass alle, die immer hier gelebt haben, konservative und rechte Weltansichten vertreten. Es gibt in diesen Initiativen durchaus auch Menschen, die in der Region verwurzelt sind. Die Zugezogenen können vielleicht leichter aktiv werden, weil bei ihnen die Risse nicht direkt durch die Familien oder den Freundeskreis gehen. Da gibt es dann bei den Einheimischen, die sich zum Beispiel für Geflüchtete oder gegen rechtsextremes Gedankengut einsetzen wollen, vielleicht Angst um den Familienfrieden oder den Arbeitsplatz", sagt Schmidt.

Das Gefühl des Abgehängtseins 

Natürlich gebe es Menschen, nicht unbedingt in Bautzen, sondern grundsätzlich in Ostdeutschland, die sich abgehängt fühlten. "Und das kann ich nachvollziehen, nachdem ich jetzt seit vier Jahren hier lebe." Sie kenne das geteilte Deutschland zwar nur aus dem Geschichtsunterricht, aber für die Menschen in der Lauistz sei das ein wichtiges Thema. "Dieses Thema des Abgehängtseins des Ostens müssen wir gesamtdeutsch angehen und da reicht es nicht, Millionen für Feiern am Brandenburger Tor auszugeben."

Bei der Veranstaltung #WannWennNichtJetzt, die heute in Bautzen stattfand, hat man darauf geachtet, eine gesicherte Rückreise der Teilnehmer zu organisieren. Das sei notwendig gewesen wegen der Erfahrungen der letzten Jahre mit ähnlichen Veranstaltungen. "Es ist auch schon vorgekommen, dass bei einem Fest hier 30 vermummte Menschen mit Quarzsand-Handschuhen versucht haben, die Veranstaltung zu stürmen. Deswegen haben wir heute für die Rückreise eine Security organisiert, die die Leute zum Bahnhof bringt."

Theater als integrierender Faktor

Natürlich sei es nicht so, dass Bautzen im Alltag eine No-Go-Area sei, dass Geflüchtete in Bautzen täglich körperlich angegriffen würden. "Aber ich würde keiner person of color raten, hierher zu ziehen. Eine Freundin von mir, die zeitgleich mit mir nach Bautzen gezogen ist, um als Schauspielerin am Theater zu arbeiten ist eine person of color. Sie ist nach drei Jahren weggegzogen, weil sie den Rassismus nicht mehr ertragen konnte."

Dabei könnten gerade Theater und andere kulturelle Einrichtungen zu positiven Veränderungen beitragen. "Das deutsch-sorbische Volkstheater zeigt beispielsweise die Bikulturalität der Region und wirkt als integrierender Faktor in der Stadt und hat auch das Thespis-Zentrum gegründet, eine Stätte für Amateurtheater, wo sich Menschen begegnen können." 

(rja)

Unsere komplette Fazit-Sondersendung aus Bautzen können Sie unten nachhören. Darin stellen Bruno Rössel und Frieda Schaller die Aktion #WannWennNichtJetzt vor, Jürgen Vollprecht, Leiter des Museums Bautzen, spricht über die Bedeutung kultureller Räume und der Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, Lutz Hillman, spricht über das Theater als Empathie-Schule.
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