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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.11.2017

Fatih Akins neuer Film "Aus dem Nichts"Über die Gefühlswelt der Opfer

Fatih Akin im Gespräch mit Susanne Burg

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Der Regisseur Fatih Akin vor einem Plakat des Films "Aus dem Nichts" (dpa / picture alliance / Peter Kneffel )
Der Regisseur Fatih Akin vor einem Plakat des Films "Aus dem Nichts" (dpa / picture alliance / Peter Kneffel )

Fatih Akins jüngster Film "Aus dem Nichts" wurde von den NSU-Morden inspiriert. Dem Regisseur geht es vor allem darum zu zeigen, wie es den Angehörigen nach solchen Gewalttaten geht.

In seinem neuesten Film "Aus dem Nichts" habe ihn die Opferperspektive am meisten interessiert, sagte der Regisseur Fatih Akin im Deutschlandfunk Kultur. Die Opfer kämen in den Medien oft zu kurz. "Wenn irgendwo ein Bombenanschlag ist, sind die Opfer dann meistens nur so auf Nummern reduziert", sagte Akin. "35 Tote, 67 Tote. Man erfährt dann wahnsinnig viel über die Täter, auf welche Schulen, die gegangen sind und was deren Hobbys waren." Er frage sich nach solchen Gewaltalten immer, wie es den Hinterbliebenen damit ergeht. "Das ist der Grund, warum sich der Film den Raum und die Zeit nimmt, um die Opfer und deren Gefühlswelt zu beleuchten." 

Fehlendes Wissen über NSU 

"Aus dem Nichts" sei kein Film über den NSU, sondern basiere lediglich auf den Ereignissen, sagte Akin. "Daraus schöpft er, aber damit er eben verständlich ist auf der ganzen Welt gibt es wesentliche Abweichungen." Rassismus gebe es überall auf der Welt und überall seien Menschen davon betroffen. "Genau diese Leute auf der ganzen Welt spricht der Film eben an." Der Regisseur sagte, er beobachte, dass es nicht nur im Ausland an Wissen über den NSU-Skandal mangele, sondern auch in Deutschland. Vielen Leuten, selbst aus dem Bildungsbürgertum, sei nicht bekannt, dass der NSU auch Bombenattentate begangen habe.

Diane Kruger und Fatih Akin in Cannes (picture alliance / dpa / Hubert Boesl)Diane Kruger und Fatih Akin bei der Premiere ihres Films in Cannes (picture alliance / dpa / Hubert Boesl)

Hintergrund:  

Der Filmemacher Fatih Akin hat Mut zu harten Stoffen und damit Erfolg: Schon sein Spielfilmdebüt "Kurz und schmerzlos", die Geschichte einer Gang in seiner Heimatstadt Hamburg, machte Akin Ende der 1990er bekannt. Für "Gegen die Wand" bekam er 2004 den Goldenen Bären der Berlinale, den Deutschen und den Europäischen Filmpreis. Mit dem Film erzählte Akin, der selbst türkische Wurzeln hat, von der selbstzerstörerischen Liebe und Identitätssuche eines deutsch-türkischen Paares.

Die so begonnene filmische Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" setzte der Regisseur 2007 mit "Auf der anderen Seite" fort und schloss sie 2014 mit "The Cut", seinem Film zum Völkermord an den Armeniern, ab. Im vergangenen Jahr wurde Akins Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" zum großen Publikumserfolg. In "Aus dem Nichts" erzählt Akin nun von Schmerz und Ohnmacht einer Opfer-Angehörigen, angelehnt an die Taten des NSU in Deutschland.

Von Cannes nach Los Angeles:

Vom Cannes-Erfolg ins Oscar-Rennen: Erstmals vorgestellt hat Akin seinen neusten Spielfilm "Aus dem Nichts" bei den Filmfestspielen in Cannes, wo sein Star Diane Kruger gleich als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Die deutsch-amerikanische Schauspielerin spielt eine Frau, deren Mann und Sohn bei einem Bombenanschlag getötet werden. Als nächstes geht der Film nun für Deutschland ins Rennen um den Oscar - die Academy Awards werden im Februar 2018 verliehen. Diese Woche startet der Film in den deutschen Kinos. 

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