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Echtzeit | Beitrag vom 23.01.2021

Faszinosum "Slime"Ein bisschen Alchemie macht Spaß

Ulrike Jährling im Gespräch mit Katja Bigalke

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Kinder spielen vor hellblauem Hintergrund mit Schleim. (imago images / Hannes Eichinger)
Bei "Slime" denken Ältere an die Punkband, Jüngere haben einfach nur Spaß mit dem Spielzeug. (imago images / Hannes Eichinger)

Ein Millionenpublikum erreichen Youtube-Sternchen wie Karina Garcia oder Bibi mit Videos, in denen sie Slime herstellen: aus Marshmallows, Nutella oder Rasierschaum und allerhand Glitzerkram. Was finden Kinder und Jugendliche am Schleim bloß so toll?

Grüner Glibber zum Kneten, Auseinanderziehen, Zermatschen oder Zerlaufenlassen: Dieser Kinderzimmer-Spielhit aus den Siebzigerjahren erlebt seit einiger Zeit eine vielfarbige Renaissance. Wer zum Beispiel bei Amazon "Slime" oder "Schleim" eingibt, hat sofort viele Plastikdöschen mit buntem Matsch auf dem Bildschirm. Aber er lässt sich auch selbst herstellen: 

"Schleimen ist eine hohe Kunst", sagt unsere Autorin Ulrike Jährling. "Aber es gibt auch Anfänger-Rezepte." Die Zutaten hat sie ins Studio mitgebracht: eine Schüssel, eine Gabel, Duschgel und Maisstärke.

Duschgel in die Schüssel drücken, Maisstärke dazu und dann rühren, rühren, rühren – bis der gewünschte Grad an Schleimigkeit erreicht ist. Ist der Schleim zu trocken – mehr Duschgel! Ist der Schleim zu klebrig – mehr Stärke! 

Eine Möglichkeit, sich abzureagieren

Ein bisschen Alchemie macht Spaß, aber eklig und gewöhnungsbedürftig fühlt sich das für Erwachsene doch an. Kinder dagegen sind auf Anhieb fasziniert. Zum Beispiel die achtjährige Aya und ihre elfjährige Freundin Manuela. "Dass er so kalt ist! Dass er so glibberig ist und dass er gut zwischen den Fingern zerläuft", gefällt ihnen am besten daran. 

"Er ist also knetig, dass man so richtig, wenn man Wut hat, auch reindrücken kann. Auf jeden Fall damit spielen! Mit einer Hand festhalten und dann so runterlaufen lassen, bis er auf dem Boden ist. Und ich mache oft damit Blasen und ich find es schön, wenn es verläuft. Und er ist klebrig, dass man immer so drauf klatschen kann und das ist dann so dumpferig! Ist geil! Ist eine geile Masse auch."

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Im vergangenen Jahr ist Slime sogar literaturfähig geworden. "In seinem letzten autobiografischen Roman hat tatsächlich der großartige Joachim Meyerhoff darüber geschrieben. Er liegt da mit Schlaganfall im Krankenhaus und holt sich die Geschichten seines Lebens ins Gedächtnis, und da taucht dann eben auch Schleim auf", so Ulrike Jährling. 

Eine sinnfreie, aber sinnliche Beschäftigung

Bei Meyerhoff liest sich das dann so: "Slime, auch Schleim genannt, war die große Leidenschaft meiner Tochter. Es war mehr als ein Hobby, es war eine Obsession, die ein beunruhigendes Ausmaß angenommen hatte. Die genau gewünschte Konsistenz herzustellen, war eine große Kunst. War der Schleim zu weich, klebte er an den Händen, war er zu fest, konnte man ihn nicht ziehen und dehnen. Denn das war eigentlich schon alles, was er können sollte. Es war eine vollkommen sinnfreie Beschäftigung."

Sinnfrei schon, aber doch auch sehr sinnlich. Außerdem geht es vielen Kindern einfach um den Spaß am Experiment, sagt Jährling. "Ich hab in meiner Kindheit irgendwelche Löwenzahnblätter zerstampft und mit Wasser aufgegossen. Vielleicht ist Slime einfach auch die Alternative für Stadtkinder. Ich glaube, das ist auf jeden Fall die gleiche Lust und Neugierde, die kleine Hexenküche im Badezimmer eben."

Aya und Manuela mögen am liebste "Fluffy-Slime", sagen sie. "Dafür braucht man Rasierschaum, Kontaktlinsenlösung, Kleber und manchmal auch Natron. Man kann Glitzer und einfach so kleine Sachen reinmachen, die da gut halten." Die Anleitungen für die Slime-Herstellung gibt es im Internet. 

"Im Netz findest du auf jeden Fall alle Tricks, wenn du interessiert bist, das beschreibt auch Meyerhoff in seinem Buch, wie also rund um den Globus Teenager mischen, schleimen, kneten und das ganze auf Youtube stellen", erklärt Ulrike Jährling. "Aber manchmal ist es auch merkwürdig, wenn überschminkte junge Erwachsene im pinken Pullover da halbe Chemielabore aufbauen."

Apropos Chemie: Warnt die Stiftung Warentest nicht vor Borsäure in Fertig-Slimes? "Diese Warnung gibt es immer wieder", sagt Jährling. "Und auch, was die Kinder zusammenmixen mit Klebstoff und jeder Menge Mikroplastik … Das ist ein Trend, dem ich persönlich – liebe Tochter, entschuldige – vor Jahren mal eine krasse Abfuhr erteilt habe. Man kann natürlich auch biomäßig schleimen und Chia-Samen aufkochen."

Essbarer Slime aus Marshmellows und Nutella

Dann wird der Slime sogar essbar – ein weiterer Trend, wie Jährling berichtet. Im Netz verflüssigt beispielsweise Bibi von Bibis Beauty-Palace Marshmallows in der Mikrowelle, um sie dann mit bloßen Händen mit Nutella zu vermischen. Was man nun auch wieder befremdlich finden kann. "Das Phänomen hat ganz klar auch seine Kehrseiten – und vor allem seine kommerziellen Untiefen", meint Jährling. Den Spaß vieler Kinder daran kann sie trotzdem verstehen.

Dass die Erwachsenen ihnen da nicht immer so recht folgen können, das wissen auch die Kinder. "Erwachsene hassen Schleim über alles", sagen Aya und Manuela. "Ernsthaft, ja! Die schreien und rennen weg. Ich glaube, die finden es einfach nervig, dass er überall klebt."

Und jetzt auch in unserem Studio. Zumindest ein Erwachsener äußert Verständnis. Joachim Meyerhoff findet das Gemansche seiner Tochter zwar auch bizarr, aber er betrachtet es dennoch sehr liebevoll:

"Natürlich fand ich das Ganze seltsam und auch sinnlos, aber ich genoss es, von ihrer Glibber-Obsession nicht ausgeschlossen zu sein und dass sie mich Teil ihrer Welt sein ließ. Es waren Informationen aus fremden Sphären."

(uko)


 

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