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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.03.2016

Faszination der TV-Krimis"Der 'Tatort' ist die moderne Messe"

Filmwissenschaftler Martin Thau im Gespräch mit Dieter Kassel

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Das Logo zeigt ein Fadenkreuz mit dem schwarzen Schriftzug "tatort". (WDR/dpa)
Das Logo der Sendereihe "Tatort" (WDR/dpa)

Statt sonntags in die Kirche zu gehen, schauen die Deutschen lieber Tatort, sagt Martin Thau von der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Pünktlich zum Start des Deutschen Fernsehkrimi-Festivals erklärt er uns die Gier nach Krimis.

Am Dienstag beginnt das zwölfte Deutsche Fernsehkrimi-Festival in Wiesbaden. Die Juroren der Vorjury haben es schwer gehabt, die Wettbewerbsbeiträge auszuwählen - enorm viele unterschiedliche Filme wurden eingereicht. Klar ist: Der TV-Krimi boomt. Das zeigt auch die hohe Quote vom "Tatort" und anderen Fernsehkrimis.

Die nicht nachlassende Faszination für Krimis gründet nach Einschätzung Martin Thaus, Studienleiter der Drehbuchwerkstatt München, darauf, dass Krimis an die Stelle der großen mythologischen Erklärungen getreten sind.

Eine Erklärung dafür, was die Gesellschaft zusammenhält

Während es in den alten Gesellschaften die großen mythologischen Erzählungen und Sagen gegeben habe, sei der Krimi der Mythos der modernen Gesellschaft, sagt Thau.  Der Tatort sei ein zentrales Sinnstiftungs-Instrument: "Das heißt, er liefert die Erklärungen dafür, was die Gesellschaft oder unser Gemüt eigentlich zusammenhält."

So wie man früher jeden Sonntag zur Kirche gegangen sei, sehe man heute jeden Sonntag den Tatort. "Der Tatort ist die moderne Messe", sagte Thau. "Und die Kommissare gleichen in gewissem Sinne Priestern."


Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Seit Jahren warten zumindest manche Kritiker darauf, dass die Deutschen endlich genug bekommen von dem immer größer werdenden Angebot an Fernsehkrimis. Aber es passiert nicht. Es scheint auch nicht immer nur mehr Krimis deutscher Produktion zu geben, sondern offenbar auch immer mehr wirklich gute.

So behaupten zumindest die Veranstalter des Deutschen Fernsehkrimi-Festivals, das heute eröffnet wird. Die behaupten, es sei ihnen noch nie so schwer gefallen, zehn Krimis auszuwählen, die Zahl der Einreichungen war nämlich sechsmal so hoch. A

ber warum gucken wir Tätern so gerne beim Morden und Polizisten so gerne beim Ermitteln zu, und was ist das eigentlich, ein guter Krimi? Dazu jetzt Martin Thau, Studienleiter der Drehbuchwerkstatt München an der Hochschule für Fernsehen und Film. Schönen guten Morgen, Herr Thau!

Martin Thau: Schönen guten Morgen!

Tatort statt Kirchgang

Kassel: Geht es Ihnen wie manchen Kritikern? Verstehen Sie eigentlich auch nicht mehr, warum offenbar nie genug ist mit den Krimis, warum die Leute den Hals nicht voll kriegen davon?

Thau: Na, verstehen kann ich das schon. Der Krimi ist halt der Mythos, den wir heute haben. Sie haben früher in den alten Gesellschaft die großen mythologischen Erzählungen gehabt, die Sagen, und wir leben heute in der Industriegesellschaft, in der modernen Gesellschaft und unser Mythos ist der Krimi. Das heißt, der liefert die Erklärungen dafür, was die Gesellschaft oder uns Gemüt eigentlich zusammenhält.

Es ist ja kein Zufall … Also, ich gehöre noch zu einer Generation, die jeden Sonntag in die Kirche gegangen ist, und irgendwann ist das durch den "Tatort" ersetzt worden. Und so, wie man jeden Sonntag früher in die Kirche gegangen ist, guckt man heute jeden Sonntag den "Tatort".

Kassel: Das ist ja auch erstaunlich gerade beim "Tatort", dass der so altersgruppenübergreifend funktioniert, was ja eigentlich heutzutage für den Fernsehmarkt relativ untypisch ist.

Thau: Richtig, der "Tatort" ist die moderne Messe. So wie früher auch alle in der Kirche gewesen sind, Kinder wie alte, und für jeden was geboten wurde. Das kann man sich kaum noch vorstellen, weil man heute einfach nicht mehr so viel in die Kirche geht, aber der "Tatort" ist in der Tat das zentrale, ja, man kann sagen: Sinnstiftungsinstrument. Und die Kommissare gleichen in gewissem Sinne Priestern.

Krimis beruhigen

Kassel: Aber wie kann denn etwas wo, mit Abweichungen – inzwischen gibt es viele Varianten –, aber wo es grundsätzlich meist darum geht, dass jemand einen umgebracht hat, und man guckt dabei zu, wie dann meistens am Ende doch herausgefunden wird, wer es war, warum er es war und wie der seiner gerechten Strafe zugeführt wird – meistens –, wie kann denn das ein Ersatz für eine Messe sein, wie Sie sagen?

Thau: Na ja, die Messe hat eigentlich auch … Also, die große Frage, die uns bedrängt und die ständig im Hintergrund lauert, ist natürlich das Chaos, was jederzeit in unser Leben einbrechen kann und letztlich uns auch zurücknehmen wird, also indem wir sterben. Das ist die große Frage, wie man dem begegnet. Und das wird halt durch Sinnstiftungs… wie soll ich sagen, nicht Instrumente, durch große Sinnstiftung, durch Geschichten halt erzeugt, die uns erklären, wie alles zusammenhängt.

Und das wird jetzt beim Krimi quasi stellvertretend gemacht, dass am Anfang eben ein Mord passiert, wir identifizieren uns ein bisschen selber dann auch mit dem Opfer, und der Kommissar tritt dann auf, nimmt uns an die Hand und erklärt uns, wie es dazu kommen konnte. Und das ist eine gewisse Beruhigung, die dann eintritt. Das hält aber nicht lange vor, deswegen muss man es auch ständig neu sich anhören.

Erklärung wichtiger als Strafe

Kassel: Im wahren Leben gibt es ja viele Straftaten, die nicht aufgeklärt werden, und es gibt vor allen Dingen auch welche, die im Prinzip aufgeklärt werden, aber man kann die Schuld dem Täter nicht rechtskräftig nachweisen. Das passiert auch im Fernsehkrimi, aber mir scheint das, was Sie gerade gesagt haben, auch eine Erklärung dafür zu sein, dass das ja meist bei den Zuschauern nicht ganz so gut ankommt!

Thau: Ja, jetzt haben Sie … Lassen Sie mich so antworten: Wenn Sie einen Krimi … Sagen wir mal, in der Wirklichkeit ist es so, da könnte … Sagen wir, Sie begehen einen Mord, Sie lassen eine Kamera mitlaufen, zeigen das vor Gericht, dann reicht das aus, um Sie zu verurteilen und hinter Gitter zu bringen, ohne dass Sie erklärt haben, warum Sie das getan haben.

Was uns im Krimi aber interessiert und auch den Kommissar interessiert und die Ermittler oder die Ermittlerin, ist: Warum hat die Person das eigentlich getan, was hat die für einen Grund gehabt? Das ist wichtiger als die Gerechtigkeit, also dass die hinterher in den Knast kommt. Mit anderen Worten: Wenn der Täter uns sagen würde, wenn ihr mich freilasst, erkläre ich euch, warum ich das begangen habe, würden wir den freilassen aus lauter Neugierde, um zu erfahren, warum er das gemacht hat.

Und das ist eigentlich ein philosophisches Interesse, was dahintersteckt. Und der Kommissar, also der gute Kommissar oder auch die Kommissarin haben auch etwas von einem Philosophen, die so ein bisschen einzelgängerisch spekulieren, und sie sind unbedingt interessiert an der Wahrheit.

Die Umgebung wird mit Paranoia aufgeladen

Kassel: Die ganz klassische Krimihandlung besteht natürlich darin, dass wir nicht wissen, wer der Täter war und ganz am Schluss merken wir es, und wenn es richtig gut war, sagen wir: Ich hätte es die ganze Zeit wissen können, habe ich aber nicht. Aber so wie Sie es beschreiben, ist doch die Variante, die ja auch häufig angewandt wird: Wir sind bei der Tat schon dabei. Das heißt, die Frage ist nicht nur, wer, sondern warum ist ja eigentlich die interessantere.

Thau: Gut, ich halte das selber jetzt als Dogmatiker der Erzähltaktik für eine Schwäche, weil das jetzt nicht so einfach ist, eine Handlung so zu machen, dass man den Täter die ganze Zeit verdeckt hält. Das Tolle daran ist ja, wenn Sie den Täter verdeckt halten, dass Sie jetzt in einen ganzen Bereich der Gesellschaft eindringen können, dessen Vorstellungen uns vielleicht sonst langweilen würden.

Aber dadurch, dass jeder, der uns vorgeführt wird, einen Grund gehabt haben könnte, irgendwie eine bestimmte Person umzubringen, finden wir das irgendwie interessant, auch realistisch, diese ganze Umgebung wird aufgeladen mit so einer Paranoia und zum Schluss kommt es dann heraus, wer es war, und es kann eine Beruhigung einkehren. Aber wir haben dadurch etwas kennengelernt, das uns sonst vielleicht gelangweilt hätte, das kennenzulernen.

In kenianischen Krimis geht es um anderes

Kassel: Gibt es eigentlich grundsätzlich andere Krimibedürfnisse in Deutschland als woanders? In Amerika ist es ja oft thrillerartiger, in Skandinavien ist es oft noch viel gesellschaftspolitischer. Will der Deutsche da was grundsätzlich anderes?

Thau: Ich kann nicht der Deutsche sagen, sondern in der ersten Welt. Ich habe ja, weil … Ich gebe ja Seminare, wie man Krimis erzählt, und da war ich auch beauftragt, das in Afrika zu machen. Und ich habe das … Das war in Nairobi zum Beispiel, in einer kenianischen Stadt.

Und da haben wir dieses Krimiseminar gemacht, also mit kenianischen Autoren, die haben mir hinterher gesagt: Weißt du, Martin, bei uns weiß eigentlich jeder, wenn ein Mord passiert, von Anfang an, wer der Täter gewesen ist. Und es geht eher darum, dass man das irgendwie, was weiß ich, durch korrupte Mittel zuschüttet. Das ist ja unten in Afrika jetzt, sagen wir mal, auch in großen Städten wie in Kenia, das ist fast eine ländliche Gesellschaft, die Leute wissen alles übereinander.

Auf dem Land weiß jeder, wer der Täter ist

Bei uns aber in der ersten Welt oder wie immer man das nennen möchte, hier oben in der industrialisierten Welt ist es so, dass wir noch nicht mal in unseren Mietshäusern alle Parteien kennen. Und dadurch ist es überhaupt erst möglich, dass ein Mord passiert, ohne dass man weiß, wer es gewesen ist. Und das wäre jetzt eher der Unterschied, sagen wir mal, zwischen einer agrarischen Gesellschaft und einer städtischen Gesellschaft.

Dann ist es auch ein bisschen unsinnig … Bei uns sind ja so viele Krimis, die dann auf dem Land angesiedelt werden, weil die Leute so eine Sehnsucht haben wahrscheinlich aufs Land hin. Aber es ist sehr schwierig, auf dem Land einen Mord zu begehen – auch heute bei uns –, ohne dass man dabei gesehen wird. Die Leute wissen ja alles übereinander auf dem Land.

Kassel: Ich würde jetzt am liebsten gerade über diese, ich nenne es mal einfach pauschal so: die Ethnologie des Krimis mit Ihnen noch ein paar Stündchen reden. Können wir nicht machen, vielleicht machen wir das bei anderer Gelegenheit mal!

Thau: Genau!

Kassel: Als Hauptthema. Danke Ihnen sehr für heute!

Thau: Okay, Wiederhören!

Kassel: Wiederhören! Martin Thau war das, Studienleiter der Drehbuchwerkstatt München an der Hochschule für Fernsehen und Film in München über diese Faszination, die für viele von uns ja immer noch ausgeht von den Krimis. Das Fernsehkrimi-Festival, das ich erwähnt habe, das übrigens beginnt zwar heute, aber die Preise werden dort erst am letzten Tag vergeben und der ist am Freitag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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