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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 07.07.2013

Fast eine halbe Stunde im Auto

Von Pastor Diederich Lüken, Stuttgart

Autofahrer (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Autofahrer (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Eugen Rosenstock-Huessy sagte einmal, nirgends sei der Mensch so sehr er selbst wie allein im Auto, denn er habe dort niemanden neben sich, der ihn korrigiere. Wir fahren fast eine halbe Stunde mit und erspähen dabei die Gedanken und Gefühle des Fahrers.

Gott sei Dank! Denkt sich der Familienvater, als die Autotür hinter ihm zuschlägt. Endlich Ruhe! Das war wieder ein Morgen! Seufzt er. Die ganze Aufregung zieht noch einmal durch sein Gemüt. Der Wecker, der wieder einmal viel zu früh klingelte. Das dreimal besetzte Bad. Die quengelnde Tochter, ein pubertierendes Nervenbündel. Der aufjaulende Sohn, der seine Matheaufgaben nicht finden kann. Die Ehegattin, die es nicht verwunden hat, dass er gestern beim Einkauf wieder die Butter vergessen hat. Lärm und Gekreische beim Frühstückstisch... Ja, gewiss, es ist ja ein Geschenk, dass man noch gemeinsam frühstückt, dafür ist er ja im Prinzip auch dankbar. Aber dem unterbrochenen Nachtschlaf noch nachtrauernd ist es auch nervig, die Plappermäuler in ununterbrochener Lautstärke zu ertragen.

[Das Autoradio wird angeschaltet, Musik kommt auf: Mozart, Konzert für Flöte, Harfe und Orchester.]

Schöne Musik! Mozart! Der Autofahrer liebt klassische Musik. Sogar auf der Autofahrt zur Arbeit. Er ist der einzige in der Familie, der Musik dieser Art liebt. Die anderen hören ja nur Rock und Pop, den ganzen Tag nur Rock und Pop, schon beim Frühstück Rock und Pop. Zum Davonlaufen! Und wenn er mal etwas dagegen sagt, dann ist er rückständig, hinterwäldlerisch, uncool und altmodisch. Also sagt er lieber gar nichts und beschränkt seinen Genuss an klassischer Musik auf die wenigen Stunden, in denen er allein zu Hause ist – oder so wie jetzt allein im Auto.

Gut, dass er das Auto hat. Da ist er endlich allein und kann sich so geben, wie er wirklich ist. Er kann sich eine Zigarette anzünden, ohne das saure Gesicht seiner Gattin sehen und die gesundheitspolitischen Kommentare seiner Kinder hören zu müssen. Er kann seine Krawatte runterziehen und seinen Kragenknopf öffnen. Er kann die Musik mitsummen, die er doch so sehr liebt, ohne das spöttische Grinsen seiner Kinder. Er kann denken was er will, er kann sagen, was er will, er kann schimpfen, wie er will. Er kann den ganzen Frust rauslassen, der sich schon am Morgen angesammelt hat, und kräftig die Autofahrer links und rechts, hinten und vorn verfluchen, die ihren Führerschein entweder bei Neckermann bestellt oder am Telefon gemacht haben. Niemand ist da, der ihn zügelt und mäßigt oder an ihm herummäkelt, solange er selbst die Regeln draußen einhält und nicht seinerseits zum Verkehrshindernis wird. Gleich, in einer halben Stunde wartet der Stress wieder auf ihn. Die Arbeit mit ihren Ansprüchen. Die Kollegen mit ihren Witzchen. Der Chef mit seiner unberechenbaren Laune. Vielleicht wird auch alles ganz anders. Wer will das im Voraus wissen! Aber eines ist sicher: Jetzt, da er ist er selbst der Boss, selbst der Chef. Zwischen Familie und Arbeit hat er hier seinen kleinen Freiraum. Eine halbe Stunde Zeit hinter seinem Steuer ist er Mensch, da darf er's sein.

Und am Abend? Da ist es ganz ähnlich. Endlich ist des Tages Mühe vorbei. Die Geräusche in der Firma schweigen. Die Stimmen der Kollegen sind verstummt. Der Chef hat sein Büro nun für sich allein. Gleich, in einer halben Stunde, wird er wieder zuhause sein. Die Kinder werden sich zu ihm drängen. Der Schulalltag wird in seine Ohren gebrüllt. Die Fünf in Mathe. Die Wehwehchen auf dem Schulhof. Die Erfolge beim Fußball. Die Gattin wird von ihrem Berufsalltag erzählen und vom Ärger mit ihren Arbeitskollegen. Alles schön und gut. Es ist ja doch ein Privileg Familie zu haben. Aber nervenaufreibend. Doch jetzt ist die Zeit zwischen Arbeit und Zuhause, jetzt ist die Zeit, da ist er Mensch, da darf er's sein. Hoffentlich dauert sie lange, diese halbe Stunde zwischen Arbeit und zuhause, diese halbe Stunde, die ihm allein gehört.

Da fragen doch so einige Ahnungslose, warum morgens und abends so viele Autofahrer unterwegs sind, meistens allein im großen Fahrzeug, und warum sie sich durch den Stau nicht abschrecken lassen, der sie jeden Morgen eine halbe Stunde Zeit und abends nochmal eine halbe Stunde Zeit kostet. Man könnte ja dieselbe Strecke auch mit der Straßenbahn fahren. Das wäre kürzer und umweltschonender. Ja, natürlich, auch mühsamer: Man muss pünktlich an der Haltestelle sein, man muss vielleicht durch den Regen laufen, man muss sich dann in den vollen Waggon quetschen und sich einen Haltegriff suchen – Sitzplätze gibt es natürlich keine mehr. Das alles ist etwas aufwändig und unbequem, aber man hätte fast eine Stunde im Stau gespart. Eine Stunde Lebenszeit.

Doch das ist es ja gerade: Diese Stunde im Auto will unser Autofahrer nicht missen. Sein ganzer Alltag ist fremdbestimmt. Zuhause teilt er sein Leben mit seiner Familie. Die Kinder stellen ihre Ansprüche, die Ehegattin nicht weniger. Er muss Kompromisse machen, er muss Kraft aufwenden, wenn er sich mal durchsetzen möchte oder muss. Er muss sich zurücknehmen und sich einfügen. Im Betrieb ist es kaum anders. Er ist weisungsgebunden und muss das ausführen, was andere ihm auftragen. Wo ist eigentlich Raum und Muße, wo er ganz für sich allein sein kann? Genau: Das ist die zweimal eine halbe Stunde im Auto. Nirgends ist der Mensch so sehr er selbst wie allein im Auto, denn er hat niemanden neben sich, der ihn korrigiert. Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973) war es, der dies als einer der ersten erkannte. Er hatte vielleicht auch allen Grund dazu: 1919 und 1920 redigierte er die erste Werkszeitung, die in Deutschland je herausgegeben wurde: die Daimler-Werkzeitung. Eugen Rosenstock-Huessy war ein deutscher und später amerikanischer Rechtshistoriker und Soziologe. Er hatte sich in seiner Werkszeitung zur Aufgabe gemacht, die Arbeitswelt zu humanisieren. Rosenstock-Huessy war jüdischer Herkunft, aber überzeugter Christ. In seiner Zusammenarbeit mit dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig erkannte er, dass Judentum und Christentum ein Existenzrecht nebeneinander und miteinander haben. 1934 emigrierte er nach Amerika. hierzulande ist er weithin vergessen. Die Tatsache jedoch, dass er sich mit den Themen der Industrialisierung und der Motorisierung befasste, lässt eben dieses bedauerlich erscheinen; er hat einiges zu sagen über das Verhältnis des Menschen zu seiner Technik. "Der technologische Fortschritt erweitert den Raum, verkürzt die Zeit und zerschlägt die Gemeinschaft" – dieses Zitat verrät den präzisen Blick, den Rosenstock-Huessy auf Mensch und Technik hat.

Wenn nun die halbe Stunde im Auto die Zeit ist, in der der Mensch ganz bei sich selbst ist, dann erscheint es sinnvoll, ihn dabei zu beobachten: Wie ist denn der Mensch, wenn er ganz bei sich selbst ist? Das ist nicht nur eine anthropologische Frage, also eine, die sich auf die Lehre vom Menschen bezieht. Es ist auch eine theologische Frage. Denn so, wie ich bei mir selbst bin, bin ich vor Gott. Wenn die Masken gefallen sind, die ich vor den Menschen aufsetze, sehe ich mich so, wie Gott mich sieht. Losgelöst von den gesellschaftlichen Konventionen, Rücksichtnahmen und den Regeln von Diplomatie und Vorsicht. Ich allein. Kein Nebensitzer, der mich kontrolliert. Der Mensch allein im Auto – der Mensch an sich.

Ein kleines Erlebnis mag die Problematik dieser Frage deutlich machen. Ein Teilnehmer an einer theologischen Tagung berichtete, dass er sich besonders gut mit einem Kollegen verstanden habe, ja, dass es geradezu freundschaftlich mit ihm zugegangen sei. Nach dem Ende der Veranstaltung wollte er, nunmehr in Mantel und Hut, die Straße überqueren und veranlasste dabei einen Autofahrer, vor dem Zebrastreifen anzuhalten. Der Fußgänger erkannte in dem Fahrer seinen Tagungskollegen, der ihn aber nicht. Der Fahrer geriet offenbar in Wut über seinen unfreiwilligen, vielleicht auch etwas plötzlichen Halt, hupte den Fußgänger unbeherrscht mehrmals an und drohte ihm mit Faust. Dann fuhr er so knapp an ihm vorbei, dass er noch seinen Mantel streifte. War das derselbe Mensch, der ihm auf der Tagung so wohlwollend begegnet war? Was war nur in ihn gefahren, dass er nun, von seinen Kotflügeln geschützt, so ausfällig wurde?

Offensichtlich hat der Mensch zwei Seelen in seiner Brust, eine, die er zeigt, wenn er unter seinesgleichen ist, eine andere für seine einsame Existenz im Auto. Welche der beiden nun die wahre ist – Eugen Rosenstock-Huessy würde vermuten, die im Auto. Denn dort ist der Mensch von der kommentierenden, tadelnden und zurechtweisenden Kommunikation abgeschnitten, wenn man vom Hupen, dem Autofahrergruß und dem emporgereckten Mittelfinger einmal absieht. Das kann man ja auch, wenn man will, überhören und übersehen. Dort, wo ein Mensch nichts zu befürchten hat, kann er sein, wie er ist. Dort, wo er vor niemandem zurückscheut, offenbart sich ein Teil seines Wesens, den nur er und Gott kennen. Und wie sieht er aus, dieser Teil seines Wesens?

Da es nun sehr schwierig ist, andere Menschen zu beobachten, wenn sie allein sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als auf uns selbst zu schauen, wenn wir wissen wollen, wie der Mensch ist, wenn er im Auto ist. Dazu ein wenig rühmliches eigenes Erlebnis.

Die Baustelle war schon ziemlich alt, sodass ich sie genau kannte. Ich wusste auch, dass die beiden Spuren sich am Ende zu einer verengten. Langsam fuhr ich auf der linken Spur in die Kreuzung hinein. Da nähert sich von hinten auf der rechten Spur ein Auto und schickt sich an, mich rechts zu überholen. Das darf der nicht! Das soll der nicht! Ich also aufs Gas und und hinauf mit dem Tempo. Schließlich fährt er neben mir. Er will vorbei, aber ich fahre auch schneller, so dass er neben mir bleibt. Das Ende der Zweispurigkeit naht, aber keiner gibt auf. Er bremst nicht ab, ich auch nicht. Der Punkt kommt näher, an dem es krachen wird, wenn er nicht bremst – ich jedenfalls umklammere das Steuerrad und denke gar nicht daran, mein Tempo auch nur um ein Haar zu drosseln. Er auch nicht. Gott sei Dank gibt es am Ende der Zweispurigkeit noch eine kleine Abzweigung. Dahinein lenkt mein Kontrahent sein Fahrzeug. Ich atme auf. Noch mal gut gegangen. Der andere hat jetzt gebremst, steht und hupt noch einmal wie wild. Und ich? Ich fahre langsam weiter und schäme mich. Das also bin ich, denke ich. Seit Jahrzehnten unfallfrei, stolz auf meine Fahrleistung, umsichtig und defensiv im Fahrverhalten – und nun dies! Was in aller Welt hat mich geritten? Ich erkenne mich kaum wieder und weiß doch: Ja, auch das bin ich, rücksichtslos, risikobesessen, ein Verkehrsrowdy. Gut, so denke ich noch, dass mich niemand dabei gesehen hat. Ich erzähle niemandem davon. Wenn ich mich daran erinnere, dann mit dem Kommentar: Das war mein Sündenfall im Verkehr. Ich brauche nicht mehr über andere zu lästern. Ich gehöre selbst zu denen, über die man mit Fug und Recht ablästern kann.

Mit dem Auto unterwegs muss man sich nicht zusammenreißen, wenn einen etwas ärgert. Man kann schimpfen, so lange man will. Es stört niemanden und senkt den eigenen Adrenalinspiegel auf ein erträgliches Niveau. Ich fahre hinter einem schwarzen Kleinwagen. Kein Gegenverkehr, kein Hindernis weit und breit. Warm fährt der Idiot plötzlich so langsam? Ich muss richtig abbremsen, um ihm nicht hinten draufzubrennen. Ach so, er biegt ab. Ja, kann denn der Schwachkopf nicht blinken? Ohnehin ist das Blinken offenbar aus der Mode gekommen. Genauso wie beim Kreisverkehr. Da wartet man und wartet, dass der Autofahrer an einem vorbeifährt, damit man selbst in den Kreisverkehr einbiegen kann. Da biegt er plötzlich ab, ohne Blinkzeichen. Ich hätte ja längst woanders sein können, wenn ich das gewusst hätte. Wo haben diese Schwachköpfe ihren Führerschein gemacht? Im Lotto gewonnen? Zum Abitur geschenkt bekommen? Ja, schön und gut, verständliche Fragen, die helfen, cool zu bleiben. Und sie helfen dazu, dass ich mich als der bessere Autofahrer fühlen darf. Hinterm Steuer, ja, da bin ich jemand.

Aber was war das jetzt? Ich bin abgebogen – und habe nicht geblinkt.

Reuig muss ich mir eingestehen: Ich bin wohl auch nicht besser als die anderen. Und was sagt mir das über mich selbst? Zeige auf einen anderen, und drei Finger zeigen auf dich zurück. Oder, mit dem Apostel Paulus gesagt:

"Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten." (Röm 3,28)

Ich fürchte, das gilt nicht nur für unsere kleinen Verkehrssünden, sondern ebenso und in weit größerem Maße für das ganze Leben. Wer anderen beim Sündigen zuschaut, merkt sehr bald, sofern er aufrichtig ist, dass ihm keine der beobachteten Sünde fremd ist. Bei den Verfehlungen im Straßenverkehr hat man in der Regel das Glück, dass niemand zuschaut, und wenn doch, dass er sich das Nummernschild nicht gemerkt hat. Was wir uns untereinander so leisten, in der Familie, bei Freunden und Kollegen – ich fürchte, das kann man nicht einfach übergehen wie ein vergessenes Blinkzeichen. Wir haben an Weite und Geschwindigkeit gewonnen, aber an Gemeinschaft verloren – diese Diagnose Rosenstock-Huessys ist nur zu wahr. Ein Ehemann und Vater geht so in seinem Betrieb auf, dass er Frau, Kinder und Enkelkinder kaum noch kennt. Ein Jugendlicher vertieft sich so sehr ins Internet, dass er keine Freunde aus Fleisch und Blut mehr hat, nur noch Facebook-Kontakte. Menschen zerstören unbewusst ihre Freundschaften, geben unversehens die Quellen von Liebe und Geborgenheit dahin, weil sie allein sind, allein zum Beispiel im Auto. Und weil sie denken, nur wo sie allein sind, sind sie ganz bei sich selbst. Und so lassen sie niemanden an sich heran, der die schwer erkämpfte Auszeit zum Beispiel hinterm Steuer ihres Autos stört. Und dann, wenn wir einander brauchen, merken wir: wir haben keinen Zugang mehr zu den Menschen, die wir lieben. Wir waren zu viel allein mit uns selbst. Und die bange Frage entsteht: Wie kann ich das nur rückgängig machen?! Und wer wie ich der Überzeugung ist, dass er für sein Leben einmal Rechenschaft ablegen muss, kann sich schon die Frage stellen: Wie in aller Welt soll ich das alles Gott erklären, wenn er mich danach fragt?

Der Apostel Paulus hat dies erkannt, als er sagte, dass wir alle Sünder sind. Aber er bleibt nicht dabei. Er erzählt in diesem Zusammenhang von Jesus Christus. Er behauptet:

"Wir werden ohne Verdienst gerecht aus Gottes Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist." (Röm 3,24)

Das sind große Worte, die erst einmal in unser Alltagsdeutsch übersetzt werde müssen. Sie bieten so etwas wie eine Generalamnestie für alle Menschen, die darunter leiden, dass sie in ihrem Leben soviel falsch gemacht haben. Sie besagen, dass man dies alles nicht mitschleppen muss bis zum jüngsten Tag. In der Verkehrssünderkartei in Flensburg werden Vergehen im Straßenverkehr nach einer gewissen Zeit gelöscht und nicht mehr angerechnet. Bei Gott werden die Fehler, die wir begangen haben, in dem Augenblick gelöscht und nicht mehr angerechnet, in dem wir ihn darum bitten. Wir brauchen dafür nicht mehr einzustehen, wenn am Ende von uns Rechenschaft gefordert wird. Es ist vorbei. Um es in der Sprache des christlichen Glaubens zu formulieren: Die Schuld ist vergeben, ein neuer Anfang ist möglich. In der Folge können wir in der Gegenwart Gottes leben, als hätten wir nie anders gelebt.

Nun könnte man meinen, dass diese Generalamnestie einen Menschen leichtsinnig macht. Wenn es keine Strafzettel, keine gebührenpflichtige Verwarnungen, keine Punkte in Flensburg gäbe, wüsste ich nicht, wie ich mich weiterhin auf die Straße trauen sollte. Es ginge möglicherweise zu wie im wilden Westen, rechtlos, nur der Macht des Stärkeren gehorchend.
Das ist dieselbe Frage, die dem Apostel Paulus von seinen Zeitgenossen gestellt wurde. Ginge nicht alles drunter und drüber, wenn täglich eine neue Generalamnestie erginge? Würden die Leute nicht machen, was sie wollen, schamlos und grenzenlos? Brauchte man doch nur wieder um Vergebung zu bitten, und schon ist alles wieder okay. Paulus verneint diese Frage energisch. Wer Vergebung von Gott erlangt hat, beginnt ein neues Leben. Ein Leben, das nicht mehr von der Macht des Bösen diktiert ist, sondern von der Macht Gottes. Und das hat Auswirkungen auf unser ganzes Leben, auf unser ganzes Verhalten. Und das heißt, dass wir wieder beginnen, mit den Menschen um uns herum zu leben. Das heißt, dass wir die vernachlässigte Gemeinschaft mit unseren Freunden und Kollegen wieder aufrichten, dass wir zu unseren Familien zurückfinden, dass wir uns dem Leben wieder aussetzen, wie es nun mal ist in seiner Größe und Verwundbarkeit. Wir bitten um Vergebung und gewähren Vergebung – ein neuer Raum für Intimität und menschliche Nähe tut sich auf; und das alles unter der Schirmherrschaft Gottes

Mozarts Musik im Autoradio: Flöte und Harfe ineinander verwoben auf dem starken Fundament des Orchesters – ein Bild für das Leben selbst. Niemand kann die Harmonie allein verwirklichen, jeder ist auf den anderen angewiesen, die Flöte auf die Harfe, die Harfe auf die Flöte. Sie entfalten sich im Musizieren miteinander, und das können sie, weil sie getragen werden von der Tiefe des Basses und den Akkorden des Orchesters. Es reicht nicht für ein gutes Leben, in der Einsamkeit hinter dem Steuer seines Wagens sich selbst zu feiern. Die Harmonie des Lebens ist wie die Harmonie in dieser Musik Mozarts: in wechselseitiger Begleitung und Befruchtung dahinzuschreiten durch die Fährnisse von Tag und Jahr, getragen von der Liebe Gottes.

Alleinsein im Auto, ganz bei sich sein im Auto: das ist eine gute halbe Stunde. Die dort gewonnenen Einsichten zu bewahren und zu verwirklichen gibt der Fahrt einen Sinn, dem nachzudenken sich lohnt.


Musik dieser Sendung:
(1) »Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299«, Ensemble Schönbrunn, Flöte: Marten Root, Harfe: Masumi Nagasawa


"Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Frank-Michael Theuer, Senderbeauftragter für Deutschlandradio, Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), für den Medienbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland."

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