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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.06.2015

Fast ein VierteljahrhundertAndreas Henze ist E-Auto-Fahrer aus Überzeugung

Von Susanne Lettenbauer

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Ein Schild wirbt für Elektromobilität, gesehen am "Tag der Elektromobilität" im September 2014 in Hildesheim (picture alliance / dpa)
Ein Schild wirbt für Elektromobilität, gesehen am "Tag der Elektromobilität" im September 2014 in Hildesheim (picture alliance / dpa)

Andreas Henze ist ein Elektroauto-Veteran. Das erste seiner drei E-Autos hat er bereits vor 24 Jahren gekauft. Für den Diplom-Ingenieur, der unter anderem auch Sachverständiger für Solartechnik und Energiesparberatung ist, führt kein Weg an den Erneuerbaren vorbei.

Ein wenig muss Andreas Henze schon ruckeln an dem klobigen Stromstecker, ehe der sich löst. Vorn in der Autosteckdose direkt oberhalb der Stoßstange. Ein dicker Stecker.

Dreißig Minuten am Kabel in der Garage und gut 200 Kilometer Laufleistung sind wieder drin, bewundert der 48-Jährige sein mittlerweile drittes Elektromobil. Ein Renault Zoe, fünf Sitze, fünf Türen, ein ganz normales Auto.

Der Unterschied: Diese versteckte Schnelllade-Steckdose, serienmäßig. Kein Vergleich zu früher, als Henze sich noch mit einfachen Steckdosen herumquälte:

"Also da haben Sie natürlich keine halbe Stunde Ladezeit, sondern da braucht es, wenn es ganz leer ist, acht, neun oder zehn Stunden bis es wieder voll ist. Über Nacht geht das auch."

Lacht er und zeigt auf etwas kleines Rotes, das neben dem modernen Fünftürer vor der Garage steht:

"Ja, das ist das alte Fahrzeug. Das haben wir vor 24 Jahren gekauft."

Sein erstes Citymobil. Von damals. Von Henze, dem Studenten der Elektrotechnik, den der Unfall von Tschernobyl so prägte, dass ein Atomausstieg für ihn selbstverständlich war und er heute mit seiner Firma Solaranlagen baut und projektiert - noch immer, trotz Kürzung der staatlichen Fördermittel.

Dieses rote Kleine, das war sein erstes Elektroauto - ein Einsitzer aus den frühen 90er Jahren. Oben auf dem Dach ein plumpes Solarpaneel. Marke Eigenbau. Damit rollt der aufgepimpte Elektrodino nicht nur 30, sondern sogar 50 Kilometer:

"Mei, man hat geschmunzelt. Das ist so, das war damals so, haben viele geschmunzelt. Andere haben das ganz toll gefunden, also es gab ganz unterschiedliche Reaktionen. Ich bin oft gefragt worden, ist das denn sicher. Die anderen Verkehrsteilnehmer haben auch sehr viel Rücksicht genommen, weil sie gesehen haben, das ist ein ganz anderes Fahrzeug."

Nachbarn hielten ihn für Freak, Öko oder Spinner 

 

Wir steigen in den Großen, den Renault Zoe. Der Motor läuft und man hört – nichts. Anders kann Henze sich das auch gar nicht mehr vorstellen:

"Das ist ein normales Fahrzeug. Das wird auch die Normalität werden. Die anderen Fahrzeuge sind die, die meiner Meinung nach nicht mehr normal sind. Noch sind sie in der Mehrzahl, aber das wird sich ändern."

Andreas Henze muss lächeln, während er fast lautlos von seinem Wohnhaus weg durch Freising rollt.
Niemand guckt mehr verwundert. Schade eigentlich. Nachbarn sehen ihn heute nicht mehr als Freak, Öko oder Spinner, sondern fragen neugierig, wie das denn funktioniert mit so einem Auto und zu welchem Preis.

"Dann entgegne ich ihnen, dass die ganze Benzinrechnung fehlt. Und das ist ein Vielfaches dessen, was ich an Strom mehr verbrauche. Nehme ich mal an, ich habe 20 000 Kilometer und brauche – da muss ich mal rechnen - 15 Kilowattstunden á 200, also 3000 Kilowattstunden, und diese 3000 Kilowattstunden kosten mich 57 Euro, dann bin ich aber 20 000 Kilometer gefahren, das schaffen sie mit einem Benziner nicht."

Noch nie wurde der 48-Jährige den Stromautos untreu. Seit 24 Jahren nur elektrisch, mit Frau und zwei Kindern, bis nach Köln und zum Gardasee. Immer auf der Suche nach einer Steckdose. Früher ein Abenteuer.

"Also mit meinem kleinen Fahrzeug vor 20 Jahren – jawoll. Da hab ich schon zwei drei Mal geklingelt und gefragt, ob ich nicht ein paar Kilowattstunden bekommen könnte. Da hat man sich erstmal drüber einigen müssen, dass es gar nicht so viel Strom ist, was man da braucht. Das war ja immer die Denke, man tankt ganz normal, also für heute 50 oder 70 Euro, aber wenn man da sagt, ich brauche für fünfzig Cent oder einen Euro Strom, dann ist das einfach schon eine andere Sache."

Sagt er und tritt einmal kräftig auf die Strompedale, dass der Körper in den Sitz gepresst wird. Von Null auf 100 Stundenkilometer in wie vielen Sekunden:

"Weiß ich nicht. Ich kann es Ihnen zeigen. Es ist extrem schnell, also auf 100 möchte ich es Ihnen jetzt hier nicht zeigen, wir sind in der Stadt, aber er ist extrem schnell, wissen tue ich es nicht, müsste ich nachschauen, hat mich nie interessiert."

Hatte er sich vor 24 Jahren je vorstellen können, dass im Jahr 2015 rund 25 000 Stromer durch Deutschland fahren würden? Und der Finanzminister ganze E-Dienstwagenflotten als Sonderabschreibung steuerlich begünstigen will? War das der Traum vor 24 Jahren?

"Na da waren die Ideen noch ganz anders, das ist ganz klar. Also der Mobilitätsgedanke, wie man in Zukunft Mobilität haben wird, der hat sich mit der Zeit schon verändert, der hat sich auch mit den technischen Möglichkeiten verändert."

Damals in den 1990er Jahren wollten er und seine Mitstreiter nicht das Spritauto einfach durch ein E-Auto ersetzen. Weniger Fahrzeuge, mehr Car-Sharing war das Ziel. Das ist vorbei, funktioniert nicht richtig. Trotzdem: Der technische Fortschritt bei den Stromautos sei beeindruckend, faszinierend, richtig.

Die Sprits-Tour - oder vielmehr Blitz-Tour endet so geräuschlos wie sie angefangen hat.
Beim Weggehen dreht sich Andreas Henze nochmal um zu seinem Flüsterfahrzeug: "Tschüss. Servus. Bis zum nächsten Mal." Und geht. Der Wagen verschließt sich automatisch. 

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