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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.06.2014

Fassbinder-RemakeEmmi und Ali - es war Liebe!

"Angst essen Seele auf" am Maxim-Gorki-Theater in Berlin

Von Michael Laages

Die Schauspielerin Barbara Valentin in einer Filmszene mit El Hedi Ben Salem (Ali) in dem Film "Angst essen Seele auf" von 1974, Regie: Rainer Werner Fassbinder (picture-alliance / dpa)
Die Schauspielerin Barbara Valentin in einer Filmszene mit El Hedi Ben Salem (Ali) in dem Film "Angst essen Seele auf" von 1974, Regie: Rainer Werner Fassbinder (picture-alliance / dpa)

Regisseur Hakan Savas Mican inszeniert den Fassbinder-Film "Angst essen Seele auf" am Berliner Maxim-Gorki-Theater als Bühnenstück. Er führt die Zuschauer dabei zurück ins Deutschland von 1974, als eine Beziehung zu einem "Gastarbeiter" noch ein Drama war.

Ob nun die Liebesgeschichte dieses ungleichen Paares erzählt wird aus der Sicht des entwurzelten Gastarbeiters oder mit dem Blick der vereinsamten alten Putzfrau, ist ziemlich egal.

"Angst essen Seele auf", das immer wieder, auf Bühne und Leinwand berührende Melodram von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974, war schon damals vor allem die Geschichte der alten Emmi, weil Brigitte Mira die spielte.

Das charakterstarke Coming-out der Operetten-Duse damals war aber nicht nur das Verdienst der späteren alten Schachtel vom Grill. Der tiefste Grund lag in Fassbinders Story – denn es ist ja, wie auch jetzt im Berliner Maxim-Gorki-Theater, die vorurteilslose Frau, die sich sehenden Auges in die gesellschaftliche Isolation begibt mit diesem jungen Marokkaner als Geliebtem und Gatten, die intuitiv beschließt, die "bessere Deutsche" zu sein gegen alles Ressentiment der Zeit.

Ruth Reinecke als Emmi ist schlicht großartig

Ruth Reinecke spielt den Mira-Part im Berlin von Heute. Das ist schlicht großartig. Mit einer Art Merkel-Frisur, immer großen und neugierigen Augen sowie ganz viel Rückgrat ist sie - mit dreieinhalb Ensemble-Jahrzehnten am Maxim-Gorki-Theater Doyenne des Hauses - unbestritten die Heldin dieser Menschlichkeitsbeschwörung in der Inszenierung von Hakan Savas Mican.

Wie pointiert der obendrein auch Taner Sahintürk in der Rolle des marokkanischen Ali positioniert. Ali gehört der Prolog – wenn er die Geschichte einer Liebe erzählen will, "die vor 40 Jahren begann" - und in einen Uralt-Cassettenrecorder Grüße an die Schwester daheim in Marokko spricht.

Das mit den 40 Jahren ist natürlich nicht wörtlich gemeint – dann wäre Emmi weit über 100. Mit diesem Prolog wird klar, worum es geht: um die Erinnerung an die Zeit, da die Annäherung der Einheimischen an das Fremde in der Nachbarschaft begann.

Und so bleibt die Inszenierung ganz und gar im Jahr 1974 – "ein Cola" kostet eine Mark, die Putzfrauen in Emmis Kolonne verdienen 3 Mark 90 pro Stunde. Es gibt in Feindesland Deutschland noch richtige alte Nazis, die in Stalingrad waren und einen Arm verloren haben. Und mit ihrem jungen Araber ist Emmi rundum als Hure verschrien.

"Ein Cola" für eine Mark - alles genau wie früher

Über diesem Dunkeldeutschland von damals schneit - oder regnet - es auf Sylvia Riegers Bühne den ganzen Abend lang Asche. Und der mäßig eindrucksvolle Musiker Daniel Kahn steuert assoziationsstiftend-klezmerhafte Songs im Sprach-Mix aus Englisch und Deutsch bei.

Zusammen hat all das Charme – nur verblüfft halt schon das Fehlen sämtlicher Hinweise darauf, wie viel sich geändert hat in vier Jahrzehnten. Natürlich hat er der und das Fremde immer noch schwer – aber die "besseren Deutschen" von Emmis Kaliber dominieren längst den gesellschaftlichen Dialog.

Mican allerdings tut eher so, als sei nix passiert; ändert dafür aber Fassbinders Schluss ins Zuversichtliche: "Gemeinsam sind wir stark!" sind Emmis letzte Wort vor dem Blackout. Das ist natürlich gut gemeint, aber leider auch Kitsch pur. Und was "Angst essen Seele auf" also im Heute und für Heute zu erzählen hätte, weiß Mican nicht zu sagen.

Und neben ziemlich viel darstellerischem Mittelmaß bleibt einzig Ruth Reineckes Emmi in Erinnerung; zum Niederknien! Und das Publikum im Maxim-Gorki-Haus darf sich erinnern an eine sehr-sehr weit entfernte Zeit – als alles begann mit "einem Cola" für eine Mark.

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