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Vollbild | Beitrag vom 01.08.2015

Fantasy Filmfest "Bei uns ist nichts geschnitten"

Frederike Dellert im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Fantasy Filmfest 2014 (Foto: fotos-berlin.net)
Fantasy Filmfest im September 2014 in Berlin (Foto: fotos-berlin.net)

Die tote Ex spricht aus dem Bett, eine Frau kommuniziert mit ihrer Wunde am Bein. Die ausgewählten Filme können noch so abstrus sein – Hauptsache sie sind originell und im Original, sagt Frederike Dellert vom Fantasy Filmfest. Die Zuschauer wollen vor allem eins: Qualität.

Patrick Wellinski: 1987 fand in Hamburg das erste Fantasy Filmfest statt. Gezeigt wurden damals Filme von Steven Spielberg, Stanley Kubrick, Joey Dante und Frank Oz. Am Mittwoch beginnt die aktuelle Ausgabe des Filmfestes. Die Regisseure heißen aber nicht mehr Spielberg oder Kubrick, sondern Takashi Miike oder Kevin McDonald. Um den Wandel des Filmfestes und die Rolle des Genrefilms in Deutschland zu besprechen, ist bei mir die Festivalorganisatorin Frederike Dellert. Willkommen!

Frederike Dellert: Hallo!

Wellinski: Seit 1987 gibt es das Filmfest, und ich würde gern zunächst mit dem Genrebegriff "Fantasy" arbeiten. Das war früher doch in erster Linie vor allem Horrorfilm. Diese ganz scharfe Definition mit dem Blick auf Ihr Programm geht ja nicht mehr, wenn ich sehe, dass Sie zum Beispiel Mateo Garrones Cannes-Film "Das Märchen der Märchen" zeigen oder Quentin Dupieux‘ surreale Komödie "Réalité".

Dellert: Ja, Ende der 80er-Jahre, da war der Horrorfilm auf jeden Fall sehr gefragt, weil er sehr verboten war in Deutschland. Fantasy Filmfest sollte aber so ein Oberbegriff für uns sein. Es geht eigentlich mehr in Richtung der Fantastische Film, der ja auch schon eine ganz lange Tradition in Deutschland hat, und Filme, die wir selber fantastisch finden. Und da sammelt sich Science Fiction, Horror, aber auch Arthaus. Also da sind wir recht breit aufgestellt.

Wellinski: Wenn wir auf das aktuelle Programm blicken, können Sie denn rote Fäden erkennen und die Frage beantworten, ob das Fantasy-Kino im weitesten Sinne jetzt gewisse Moden hatte, Moden bedient?

Dellert: Es gibt sicherlich immer Moden, klar, also zum Beispiel seit "Blair Witch Project" wurde der Genrefilm überschüttet mit Handkamerafilmen. Das ist zum Beispiel ein Trend, der sich so überlaufen hat, dass wir sagen, um Gottes Willen, Finger davon! Was ich schön finde dieses Jahr, ist, dass wir einige deutsche Produktionen und auch eine österreichische Produktion dabei haben, weil das ist eigentlich immer ein schwieriges Thema in Deutschland, und da haben sich dieses Jahr richtige Perlen finden lassen. "Der Bunker" ist eine ganz, ganz spannende, mutige, witzige Geschichte, und der österreichische Film "Therapie für einen Vampir" mit Tobias Moretti in der Hauptrolle ist wahnsinnig charmant einfach. Das hat mich gefreut.

"Es ist sehr schwer, Förderung zu bekommen"

Wellinski: Warum ist das so schwer, deutsches Genrekino zu finden?

Dellert: Der Wunsch von jungen Filmemachern, auch Genre zu machen, ist, glaube ich, da. Es ist aber sehr schwer, Förderung dafür zu bekommen. Dann, wenn Produktionen entstehen, finden wir häufig, dass es sich sehr am amerikanischen Film orientiert. Das ist dann ein bisschen langweilig, wenn nicht so eine eigene Note dabei ist. Oder es wird auch oft spröde aufbereitet, und Langeweile ist jetzt gar nicht unser Motto sozusagen. Beim Fantasy Filmfest muss es schon immer auch wirklich spannend sein, irgendwie gut abgehen. Und da sind wir dann immer vorsichtig, aber natürlich freuen wir uns wahnsinnig, die Filme auch unterstützen zu können.

Wellinski: Was zeichnet denn jetzt zum Beispiel einen Film wie "Der Bunker" von Nikias Chryssos denn eigentlich aus?

Dellert: Dass er einfach so eine Story hat, die völlig unvorhersehbar ist, dass er so bunte, schräge Charaktere zeichnet, over the top, und die unglaublich gut spielen. Und er hat eigentlich ein ganz kleines Setting, was aber irgendwie scary ist. Ich weiß nicht, da steckt so viel Herzblut dahinter, das spürt man.

Wellinski: Wie erklären Sie sich eigentlich die ausverkauften Säle beim Filmfest, weil das ist kein Geheimnis, Sie sind zum großen Teil sehr stark ausverkauft, auch die Dauertickets sind schon durch. Wenn man bedenkt, dass diese Genrefilme bei einem offiziellen Kinostart relativ wenig Publikum bekommen. Also warum rennen die Leute in das Festival und zeigen, sie lieben Genrefilme, aber wenn dann ein Genrefilm offiziell ins Kino kommt, bleibt das Publikum weg.

Dellert: Natürlich ist es die Stimmung. Da kommen viele Cineasten zusammen, die auch wirklich zeigen, dass sie es mögen. Da wird geklatscht, da wird gelacht, da spürt man einfach, dass man gemeinsam mit Leuten zusammensitzt, die da alle Spaß dran haben. Dann sind natürlich auch manchmal Gäste da, es ist spannend, sich mit Regisseuren auszutauschen und Autogramme zu bekommen. Die Filme sind alle in der Originalfassung, das ist unseren Zuschauern sehr wichtig. Also auch spanisches, französisches Kino, mit englischen Untertiteln dann natürlich. Aber so spürt man einfach immer den Originalcharakter des Films. Und bei uns ist nichts geschnitten. Auch ein ganz wichtiger Aspekt, weil ja viele –

Wellinski: Gerade beim Horrorfilm.

Dellert: Genau. Viele Filme kommen ja leider in Deutschland doch auch zensiert raus.

Wellinski: Wie positionieren Sie sich eigentlich als Festival gegen die Konkurrenz, die ich jetzt mal mit DVD- und Blue-Ray-Markt bezeichnen würde, weil viele Filme, die Sie zeigen, kommen ja dann quasi nicht ins Kino, wahrscheinlich, weil es ja auch kein größeres Publikation dafür gibt, sondern auf DVD. Sehen Sie sich da so quasi als Startrampe für die DVD-Verbreitung, oder ist das Konkurrenz, oder wie positionieren Sie sich da?

Dellert: Nein. Klar, der DVD-Markt war gerade in den 80er-Jahren, also Video-Markt damals noch in den 80er-Jahren und 90-Jahren sehr stark, und insofern stimmt es, dass viele Filme dann irgendwann später so ausgewertet wurden. Aber ich denke, für alle Cineasten oder für uns ist es wahnsinnig wichtig, dass ein Film jedenfalls einmal auf der Leinwand zu sehen ist, weil das einfach ein total anderes Erlebnis ist. Man hat auch einen ganz anderen Bezug zu dem Film dann für sein ganzes Leben, selbst, wenn man sich den dann später noch mal kauft. Mittlerweile ist ja der DVD-Markt tatsächlich auch am Schwächeln. Dieses Jahr haben wir seit langer Zeit das erste Mal die Situation, dass 50 Prozent des Programms noch gar keinen Verleih in irgendeiner Form haben. Das heißt, es ist noch ganz fraglich, ob die Filme jemals in Deutschland überhaupt erscheinen werden.

Wellinski: Sie haben es schon häufiger erwähnt, "wir Cineasten". Das heißt, der Blick aufs Publikum ist ganz wichtig. Sie beobachten das schon relativ lange. Hat sich denn das Publikum des Fantasy Filmfestes geändert? Und was ist das für ein Publikum?

"Die wollen Qualität sehen"

Dellert: Ich finde unser Publikum ganz toll, weil es wahnsinnig leidenschaftlich ist, aber auch sehr versiert. Die wollen Qualität sehen. Die sind auch sehr breit aufgestellt, so wie ich das immer erlebe, an Interessen, das heißt, da sind Musikbegeisterte, Lesebegeisterte, zum Beispiel jetzt bei unserem Eröffnungsfilm, der basiert ja auf einer Romanvorlage, "Kill your Friends", und da kam sofort auf Facebook, ah, ich kenne das Buch, super und so. Das finde ich sehr schön. Also, '87, muss ich sagen, da war es sicher eine reine Männerveranstaltung fast, und heutzutage, gerade so in den letzten fünf Jahren, erlebe ich einen unheimlichen Anstieg in der Frauenquote, was mich natürlich besonders freut, weil dieses Klischee, dass Frauen da irgendwie Angst vor blutigen oder ein bisschen, weiß ich nicht, deftigeren Filmen haben, ist einfach jetzt vorbei. Es kommen junge Frauen, auch so richtig in Gruppen oder mit Dates, die da total Spaß dran haben. Das hat sich zum Beispiel geändert, und ansonsten, die Mischung ist, diese Mischung ist wirklich Wahnsinn. Wir haben da 18-Jährige genauso wie, in manchen Städten haben wir 80-jährige Zuschauer, die da zum Filmfest kommen, also Eltern – der Genrefilm ist überall zu finden.

Wellinski: Und er erfährt ja vor allem den aktuellen Jahrgang bei Ihrem Festival. Am Anfang, Sie haben es ja schon erwähnt, Ende der 80er-Jahre wurde auch durchaus mal die Klassik gezeigt, Murnau zum Beispiel. Ist das jetzt etwas, wogegen man sich bewusst entscheidet, oder sagt man, wir brauchen das nicht, wir wollen wirklich nur den aktuellen Jahrgang zeigen?

Dellert: Na ja, also das Interesse an Hommagen und Retrospektiven hat tatsächlich sehr abgenommen, weil man einfach die Filme heutzutage in digitaler Qualität bekommen kann. Wir haben jetzt nicht die Mittel wie zum Beispiel die Berlinale, dann zu sagen, man macht jetzt so eine riesen Retrospektive und restauriert da 35-Millimeter-Kopien oder so was. Das heißt, es ist auch teilweise schwer, an die Sachen mittlerweile ranzukommen, weil es ja keine Kopien mehr gibt, keine Projektoren mehr in den Kinos. Wir haben einfach gemerkt, das Interesse ist nicht da, und das macht dann auch keinen Sinn. Und insofern, der Hype liegt einfach auf den Premieren, teilweise ja Weltpremieren. Die Leute wollen wirklich das Neue sehen bei uns.

Wellinski: Abschließend noch natürlich die Frage: Aus dem Programm, das wirklich sehr breit gestreut ist – wenn Sie sich einen Film aussuchen könnten, den unseren Hörern empfehlen, den man sich ansehen muss – welcher wäre das, und warum?

Dellert: Das ist natürlich immer eine gemeine Frage, weil ich finde natürlich ganz viele Filme toll. Ich kann mal sagen – also wenn ich vielleicht zwei Tipps geben kann: "Scherzo Diabolico" ist ein mexikanischer Film, der eine Bösartigkeit und aber eine so clevere Story hat, dass es mich ziemlich umgehauen hat. Da gibt es tatsächlich zwei Wendungen, die mich wirklich so eiskalt erwischt haben – und ich bin schon so lange eine Filmguckerin –, das ist dann erstaunlich und erfreulich natürlich. Der hat mir sehr gut gefallen. Und dann gibt es auch noch einen sehr ungewöhnlichen Film, "Nina Forever". Da geht es um einen jungen Mann, der sich in ein Mädchen verliebt, und die beiden wollen die erste Nacht miteinander verbringen, liegen im Bett, und plötzlich meldet sich aus dem Bett heraus – es fängt an zu bluten – seine tote Ex, die da als eine Art Zombie wieder dazwischenfunkt. Es ist eine so unglaublich witzige, ungewöhnliche Idee, und genau das, was ich bei vielen Filmen beim Fantasy Filmfest so schätze. Dass sie nämlich als Genrekino gesehen werden können, aber auch als Arthaus-Film gelesen werden können, weil es da einfach so ganz interessante Verstrebungen gibt.

Wellinski: Sagt Frederike Dellert. Sie ist Festivalorganisatorin des Fantasy Filmfests. In Berlin beginnt es an diesem Mittwoch, dann geht es gleich weiter in Nürnberg, Frankfurt, Hamburg, Köln, Stuttgart und schließlich am 27. August auch in München. Alle konkreten Daten und Details können Sie noch einmal nachlesen, auf fantasyfilmfest.com

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Fantasy Filmfest wird immer anspruchsvoller
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 27.08.2013)

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