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Lesart | Beitrag vom 22.08.2018

Fantasy-Autorin Christine Lehnen"Wie viel Freiheit sind wir eigentlich bereit, aufzugeben"

Christine Lehnen im Gespräch mit Andrea Gerk

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"Palace of Glass" von C.E. Bernard (Verlag Pentaligon/imageBROKER/SimonxBelcher)
"Ich wollte schon sehr lange eine Geschichte schreiben über eine Welt, in der Berührung verboten ist", sagt die Autorin über ihre Geschichte. (Verlag Pentaligon/imageBROKER/SimonxBelcher)

Christine Lehnen unterrichtet kreatives Schreiben und hat unter dem Pseudonym C.E. Bernard die erfolgreiche "Palace-Saga" geschrieben. Die Geschichte spielt im London des Jahres 2056, in der sich Menschen nicht mehr berühren dürfen.

Andrea Gerk: Vielleicht ist aber auch schon die Trilogie, über die ich jetzt sprechen will, genau das Richtige für Sie. Sie spielt im London des Jahres 2056 und ist sehr erfolgreich. Geschrieben hat sie C.E. Bernard, und sie heißt "Palace of Glass", der Teil eins zumindest, innerhalb weniger Monate folgte "Palace of Silk" und "Palace of Fire". Die Welt, die hier entworfen ist, die sieht einerseits schon noch so aus wie unsere. Es gibt Handys, Tablets und U-Bahnen. Aber zugleich tragen die Menschen steife Halskrausen, schmale Schleppen und Handschuhe, denn seit vielen Jahren stehen Berührungen in ihrer Gesellschaft unter strenger Strafe. Erfunden hat diese archaische Zukunftswelt Christine Lehnen, und sie lehrt literarisches Schreiben an der Uni Bonn, und dort, also in Bonn, bin ich jetzt mit ihr in einem Studio verbunden. Guten Morgen, Frau Lehnen.

Christine Lehnen: Guten Morgen!

Gerk: Ihre Trilogie spielt in der Zukunft, in England, ich habe es schon gesagt. Den Menschen ist es verboten, einander zu berühren. Der Grund ist, dass es besondere Menschen gibt, die sogenannten Magdalenen, die durch das bloße Berühren von Haut Gedanken und Gefühle erkennen und manipulieren können. Wie sind Sie denn auf dieses Thema gekommen, und was fasziniert Sie so am Thema Berührung?

Lehnen: Da sind viele verschiedene Ideen zusammengekommen, die ich schon lange im Kopf habe. Ich glaube, man kommt in der Regel auf Ideen, indem man sich umschaut und die Welt um sich herum beobachtet. Und ich wollte schon sehr lange eine Geschichte schreiben über eine Welt, in der Berührung verboten ist, weil ich glaube, viele Menschen auch schon in einer Situation waren, dass sie gemerkt haben, ich habe lange niemanden mehr berührt, ich hatte lange keinen Körperkontakt mehr, wie geht es mir damit eigentlich? Und andererseits habe ich auch beobachtet, dass wir uns in unserer Gesellschaft immer mehr die Frage stellen, wie viel Freiheit sind wir eigentlich bereit, aufzugeben, um sicher zu sein. Und da hat sich eine Gruppe Menschen wie die Magdalenen, die ja nun auch wirklich gefährlich sind, sehr angeboten.

Gerk: Also steckt auch richtig politische Kritik in Ihrer Geschichte, etwa an undemokratischen Herrschaftssystemen, die ja gerade Aufwind haben, oder?

Lehnen: Genau. Ich glaube, das ist ein Buch, dass man durchaus auch lesen kann für die Abenteuergeschichte und auch für die Liebesgeschichte. Aber man kann auch die Ebene lesen, in der es um Politik geht, und wie unser politisches Zusammenleben heute funktioniert und wo diese Mechaniken auch hinführen können.

Gerk: Ihre Hauptfigur heißt Rhea und sie gehört zu den Magdalenen. Sie ist eine von denen. Die werden verfolgt und gelten eben als hochgefährlich. Sind das so moderne Hexen, oder wie würden Sie die beschreiben?

Lehnen: Ich habe natürlich auch an die Hexenverfolgung gedacht, auch hier wieder mehr für die Mechanismen, die eingesetzt wurden, um Menschengruppen zu diskreditieren und zu Sündenböcken zu machen. Und ich glaube, bei den Magdalenen war wie bei den Hexen der ganz besonders wichtige Punkt, dass sie tatsächlich eine Gefahr darstellen können. Also man kann die Fähigkeiten der Magdalenen, Gedankenmanipulation zum Beispiel kann man einsetzen, um Verbrechen zu begehen. Man kann sie aber natürlich auch für Gutes einsetzen, und das macht sie zu so einer verwundbaren Gruppe.

Die Schriftstellerin Christine Lehnen schreibt auch unter dem Pseudonym  C. E. Bernard. (Eva-Lotte Hill / Verlagsgruppe Random House )Die Schriftstellerin Christine Lehnen schreibt auch unter dem Pseudonym C. E. Bernard. (Eva-Lotte Hill / Verlagsgruppe Random House )
Gerk: Was mich wirklich fasziniert hat an Ihren Büchern, ist, wie detailgenau Sie diese Welt beschreiben. Es gibt wahnsinnig viele Figuren, und wie gesagt, Sie müssen ja ganz gut aufpassen, dass Sie diese Details irgendwie nicht durcheinander bringen. Wie machen Sie das? Haben Sie da so eine Art Bauplan, oder wie behalten Sie den Überblick?

Lehnen: Tatsächlich habe ich keinen Bauplan. Man wird auf meinem Laptop keine Dokumente finden, auf denen steht, "Rheas Welt" oder "London 2056". Es gibt da zwei verschiedene Herangehensweisen, glaube ich, generell. Es gibt einmal die Tolkien'sche Herangehensweise an das Worldbuilding, wie man es nennt. Tolkien hat sich ganze Sprachen vorher ausgedacht, kannte Mittelerde, seine fantastische Welt schon ganz genau und hatte Karten davon gezeichnet. Es gibt Autoren, die machen das genauso. Es gibt aber auch Autoren, die entdecken die Welt mit dem Schreiben, also im Lauf der Geschichte. Und so habe ich es auch gemacht.

Das heißt, es gab ein paar Dinge, die ich mir ganz natürlich sozusagen vorher überlegt habe, das politische System zum Beispiel, die Wirtschaft. Ich habe mich gefragt, wie die Leute da Geld verdienen. Dann kam natürlich mit den Fragen nach Körperkontakt auch direkt die Frage auf nach Kleidungsstücken, also wie zieht man sich denn an. Aber es gab auch Dinge, die ich mir vorher überhaupt nicht überlegt hatte. Und dann hatte ich eine Szene, in der Rhea Emris, die Schneiderin ist, zur Arbeit fährt mit der U-Bahn. Und dann wollte ich diese Szene schreiben und dachte, oh Gott, eine U-Bahn in der Rush-Hour, wie sollen sich Leute da nicht berühren? Und da musste ich dann tatsächlich erst mal Pause machen und mir ein Blatt Papier holen und ganz lange rummalen und überlegen, wie das funktionieren kann.

"Man braucht Einschränkungen, um kreativ werden zu können"

Gerk: Sie schreiben ja nicht nur selbst, sondern Sie unterrichten auch kreatives Schreiben, ich hatte das schon gesagt. Was ist denn anders beim Fantasy-Entwerfen und -schreiben als jetzt, wenn man so sagen wir mal allgemein literarisch schreibt?

Lehnen: Ich glaube, der größte Unterschied ist, dass der Vorstellungskraft des Autors tatsächlich überhaupt keine Grenzen gesetzt sind. Das heißt, dass die Welt eigentlich im Dienst der Geschichte steht, und das führt dazu, dass alles, was möglich sein soll, auch möglich ist. Und das kann einerseits sehr praktisch sein, weil man dann eine Geschichte erzählen kann wie die, die ich über Rhea erzähle und über die Magdalenen, in der es auch viel um das Heute geht. Aber ich muss nicht über heute sprechen. Es kann natürlich auch ein Nachteil sein, denn bei Kreativität ist es ja so, je offener, desto weniger kreativ ist man. Man braucht ja ein paar kleine Einschränkungen, um überhaupt kreativ werden zu können.

Gerk: Ist das denn auch stark befruchtet von Computerspielen? Heute beginnt ja die Gamescom. Gibt es da so gegenseitige Inspiration?

Lehnen: Ja. Ich spiele sehr gern Videospiele. Seit ich berufstätig bin, nicht mehr so viel, aber da gibt es auf jeden Fall Befruchtungen. Ich glaube sogar, dass Computerspiele mich stark geprägt haben, weil es da auch sehr häufig sich im fantastischen Genre abspielt. In Computerspielen gibt es da keine Hemmungen. Wenn ich an die frühesten Geschichten denke, die mich geprägt haben, dann sind das sicherlich einmal die "Unendliche Geschichte" von Michael Ende. Aber es ist auch ganz klar ein Computer- oder Videospiel, "Secret of Mana", das auch in einer fantastischen Welt spielt.

Gerk: Und die Spielemacher, greifen die dann auch Figuren aus der Literatur auf?

Lehnen: Das habe ich so noch nicht oft erlebt.

Gerk: Wäre ja vielleicht mal ganz interessant.

Lehnen: Wäre es tatsächlich. Gibt es auch inzwischen, gerade, wo das Serious Gaming ein bisschen mehr in den Vordergrund rückt. Auch in den Medien und in der Presse gibt es das immer mehr. Es gab ein Spiel kürzlich, "80 Days", über Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt", das sich ganz ausgiebig mit dieser literarischen Vorlage auseinandergesetzt hat. Das würde mich natürlich auch mal sehr reizen.

Gerk: Jetzt ist ja bei Ihnen noch auffallend, dass Sie eben ein Pseudonym für die Veröffentlichung dieser Trilogie gewählt haben, und das hat auch noch vorn diese zwei Buchstaben, C.E. Bernard. Das kennen wir ja von J.K. Rowling und allen Möglichen. Hat das irgendeinen Hintergrund, dass da eben nicht klar ist, welches Geschlecht eigentlich der Verfasser hat?

Lehnen: In diesem Fall war das nicht der Hintergrund. In diesem Fall war der Hintergrund, dass ich unter meinem bürgerlichen Namen, unter Christine Lehnen, schon akademisch veröffentlicht habe, und ich dann für diesen Ausflug in eine fantastische Welt gern einen anderen Namen wollte. Und ich habe mich dann tatsächlich bedient bei meinen Großmüttern. Der Mädchenname meiner Großmutter väterlicherseits ist Bernhard. Und der Vorname meiner Oma mütterlicherseits ist Elisabeth. Und dann ist die Bernhard sozusagen ganz natürlich entstanden, und ich fand den Klang einfach sehr schön von C.E. Bernhard.

"Dann habe ich Literaturagenturen in London gegoogelt"

Gerk: Und Sie haben ja offenbar auch einen Hang zur englischen Kultur, denn Sie schreiben die Bücher sogar auf Englisch, und sie werden dann ins Deutsche übersetzt. Wie kommt das denn?

Lehnen: Das ist wirklich eine verrückte Geschichte. Es kam so, dass ich – ich habe vor dieser Trilogie schon ein Manuskript für einen Roman geschrieben, und zwar auf Deutsch, und hatte den auch Literaturagenturen in Deutschland angeboten, und das war auch durchaus ermutigend, das Feedback, das ich da erhalten hatte, aber am Ende hat es dann doch immer nicht ganz gereicht. Dann dachte ich, gut, jetzt wirfst du dich in ein neues Projekt, und habe einfach aus Neugier und aus Freude an der englischen Sprache versucht, das mal auf Englisch zu schreiben. Und die ganze Zeit, während ich es schrieb, dachte ich schon, das kannst du nicht machen. Also wirklich, ob du dafür überhaupt gut genug bist. Aber dann war es irgendwann fertig, und dann habe ich Literaturagenturen in London gegoogelt und habe das an vier Agenturen geschickt, und da war meine Agentin auch direkt dabei und hat mir direkt angeboten, es zu vertreten. Und wir haben auch den Test gemacht. Sie hat das Manuskript Muttersprachlern vorgelegt, also ihren Kollegen, und hat nicht gesagt, von wem es ist, und es ist ihnen nicht aufgefallen.

Gerk: Und dann haben Sie ja gleich 1.200 Seiten geschrieben ungefähr, und die sind da auch immer nach – ein Band ist ja eigentlich ja gar nicht richtig zu Ende, wenn man da am Ende ist. Wird das von Vornherein eigentlich so geplant, dass das eben diese Art Cliffhanger, sage ich mal, hat und man dann unbedingt weiterlesen muss?

Lehnen: Ja, das wird so geplant. Das war hier jetzt insbesondere oder hat sich hier jetzt besonders angeboten, da die Bücher ja in so kurzem Abstand hintereinander erschienen sind, dass es ja praktisch ein Buch ist.

Gerk: C.E. Bernard, Christine Lehnen, vielen Dank für dieses Gespräch. Und ihre Fantasy-Trilogie "Palace of Glass", "Palace of Silk" und "Palace of Fire" ist bei Pentaligon erschienen. Jeder Band hat um die 400 Seiten und kostet 14 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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