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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.02.2017

Fantastische Literatur"Wo Magie in unsere reale Welt mit reinspielt"

Moderation: Frank Meyer

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Heute Utopie und morgen Dystopie: Nach der Urbarmachtung des Saturns installieren díe Kolonisatoren von der Erde auf dem fernen Planeten eine Landestation für ihre Raumschiffe (imago stock&people)
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Der Autor Oliver Graute ist Juror für den Literaturpreis "Seraph", mit dem deutsche Autoren fantastischer Werke ausgezeichnet werden. Meyer beklagt die mangelnde öffentliche Wahrnehmung für fantastische Literatur. Und er wirbt für das Genre: "Wir haben große Epen."

Frank Meyer: Fantastische Literatur, gerade Fantasy-Literatur wird sehr viel gelesen. Das sieht man unter anderem, wenn man in ein Jugendzimmer unserer Zeit schaut. Aber meistens segelt fantastische Literatur etwas unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Im März, auf der Leipziger Buchmesse, gibt es aber öffentliche Wahrnehmung für fantastische Literatur, denn dort wird ein Preis für solche Bücher vergeben, der Seraph 2017. Die Longlist zu diesem Preis ist schon erschienen, und hinter dem Seraph, hinter diesem Preis, steckt die "Fantastische Akademie". Oliver Graute ist der Vorsitzende dieser Akademie, und er ist jetzt in Mannheim für uns im Studio für ein Gespräch über fantastische Literatur in Deutschland. Grüße Sie, Herr Graute!

Oliver Graute: Ich grüße Sie ebenfalls!

Meyer: Wir müssen erst mal klären, was fantastische Literatur eigentlich ist. Ist das jetzt direkt Fantasy-Literatur, ist das noch etwas anderes? Wie sehen Sie das?

Graute: Wir kämpfen tatsächlich in Deutschland erst mal um die Begriffserklärung, weil die ganze Strömung weitestgehend aus Amerika gekommen ist und dort "Fantasy" tatsächlich gleichzusetzen ist mit "Fantastischer Literatur", die wir hier in Deutschland eigentlich als Oberbegriff benutzen für alles, was jenseits von unserer klassischen Realität ist. Wir sagen "Fantastische Literatur" und meinen damit alle möglichen Strömungen, die damit einhergehen, wie zum Beispiel auch "Fantasy-Literatur", wie "Horrorliteratur", wie "Science-Fiction-Literatur", all das gehört bei uns zur Fantastik. Und Fantasy ist halt eines der großen drei Genres, die das einfasst.

Meyer: Aber das Prägendste zurzeit, oder?

Graute: Ja, durchaus. Wir haben in den letzten Jahren - natürlich auch sehr stark durch die Medien beeinflusst, durch Film und Fernsehen - einen sehr starken Boom in Richtung Fantasy, also ich meine hier die klassische Tolkien-Fantasy à la "Herr der Ringe" und "Der Hobbit". Aber natürlich: Die eher urbane Fantasy, die ein bisschen in die Geschichte reingeht und das mit fantastischem Realismus einhergeht, wie "Harry Potter". Also alles, wo Magie in unsere reale Welt mit reinspielt, das nennen wir zum Beispiel Fantasy.

Der Frauenanteil in der Leserschaft ist auch in der Fantastik relativ hoch

Meyer: Gerade "Harry Potter" ist ja ein gutes Stichwort dafür, auch um zu sehen, wie wahnsinnig viel solcherart Literatur gelesen wird. Sie kennen auch die Verkaufszahlen, auch den Anteil fantastischer Literatur am Lesen insgesamt. Wie groß ist denn der Anteil fantastischer Literatur an den deutschen Buchumsätzen?

Graute: Wenn man bedenkt, dass in Deutschland die Buchumsätze im Jahr 2015 so grob bei neun Milliarden gelegen haben und die Belletristik insgesamt einen Anteil von etwas zwischen 30 und 35 Prozent ausmachen, dann hat innerhalb der Belletristik die Fantastik schon einen relativ großen Anteil. Sie liegt grob bei acht Prozent, macht also irgendwas zwischen 2,5 bis 2,8 Prozent des gesamten Belletristikmarktes aus.

Meyer: Kann man eigentlich sagen: Wie ist das bei der fantastischen Literatur - lesen auch da -  sonst sind ja Frauen die Leser überhaupt – eher Frauen diese Bücher, oder sind da die Männer im Vorteil?

Graute: Bedauerlicherweise – ich freue mich natürlich über jeden Leser -, ist es schon so, dass auch in der Fantastik der Frauenanteil relativ hoch ist. Wir haben rund 60 bis 65 Prozent Frauenanteil. Darauf reagieren auch die Verlage recht stark, was wiederum dazu führt, dass auch natürlich der Anteil der männlichen Leserschaft nicht gerade anwächst, weil speziell bei Jugendlichen dort nicht allzu viel getan wird, um die direkt anzusprechen.

Meyer: Was müsste man denn da tun aus Ihrer Sicht?

Graute: Wir haben natürlich sehr viele Identifikationsfiguren in der Fantastik, gerade in jüngeren Jahren, die auch weibliche Identifikationspersonen, also weibliche Protagonisten haben, und gerade der zwölfjährige oder zehnjährige Junge hat oft Schwierigkeiten, sich da natürlich hineinzuversetzen.

Meyer: Das erstaunt einen ja, denn wenn man an so etwas Klassisches wie den "Herrn der Ringe" denkt, gibt es ja eher für Jungs Identifikationsfiguren, tapfere Kämpfer und so weiter. Das ist in der neueren fantastischen Literatur also nicht so?

Graute: Doch, das gibt es auch. Wir haben relativ große Epen, die sich am "Herr der Ringe"-Thema natürlich orientieren und auch reiben. Und es gibt aber einfach – Jungen werden natürlich in unserer aktuellen Zeit sehr stark halt auch von anderen Medien angesprochen. Wir haben natürlich, wenn wir sehen, dass wir Computerspiele und dergleichen haben, da ist der Überschuss der technikaffinen Jungen immer noch deutlich höher als der der Frauen, und ich glaube, so spaltet sich das so ein bisschen auf, auch wenn ich das nicht ganz nachvollziehen kann, warum das so geprägt ist oder ob das auch ein Stück weit immer noch so geprägt ist durch unsere Erziehung.

Meyer: Sie haben ja vorhin schon gesagt: Um die öffentliche Wahrnehmung für fantastische Literatur ist es nicht so gut bestellt. In den Feuilletons kommt Fantasy-Literatur und Ähnliches sehr wenig vor. Wir müssen uns da auch an die eigene Nase fassen, auch in unserer Sendung kommt das zu wenig vor. Wo kriegen eigentlich Leser dieser Literatur, wo kriegen die Empfehlungen her, wo erfahren die, was es Neues gibt? Wie informiert sich diese ganze Szene eigentlich?

Graute: Man muss hier die große Unterscheidung treffen, fantastische Literatur wird offensichtlich – man sieht es ja anhand der Verkaufszahlen, extrem viel gelesen. Aber tatsächlich hat es im allgemeinen Literaturbetrieb ein eher schlechtes Standing. Natürlich, man nutzt gern Begriffe wie Schundliteratur, und auch, dass Banalität oft ein Vorwurf ist, der den Geschichten anhaftet. Der Leser kann natürlich die Bände, die sich eh gut verkaufen – "Lied von Eis und Feuer", George R. Martin, "Game of Thrones", dergleichen Themen, aber natürlich auch die top-fünf großen deutschen Autoren, im Bahnhofsbuchhandel finden, da muss er sich nicht weit bewegen. Schwieriger wird es natürlich schon bei den Titeln, die eher aus kleineren Verlagen kommen und nicht so viel Beachtung in den großen Buchhandlungsketten finden und auch beim großen A im Internet sich nicht so leicht auffinden lassen, weil natürlich der Markt extrem übervoll auch ist.

Der Grad der Banalität ist offenbar innerhalb der Literaturen vergleichbar

Meyer: Sie haben schon das Vorurteil mit dem Banalen genannt. Lassen Sie uns mal darüber reden. Das geht ja ungefähr so: Da werden immer wieder die gleichen Geschichten erzählt in der Fantasy-Literatur, immer wieder das gleiche Setting, Zwerge und Zauberer und fantastische Welten und so weiter. Wie viel ist denn banal von dieser Literatur aus Ihrer Sicht?

Graute: Ich würde sagen, die Banalität von Fantasy-Literatur liegt ungefähr im selben Stellenwert wie die Banalität von sämtlicher Literatur, die auf den Markt kommt.

Meyer: Nämlich bei?

Graute: Wenn ich bedenke, dass viele Krimis, die auf den Markt kommen, ähnliche Geschichten erzählen wir ihre hunderttausend Vorgänger, die es schon gegeben hat, dann kann man natürlich auch hier davon sprechen, dass es immer wieder ein Schema ist, dem es folgt. Und das will natürlich das Publikum auch. Und wir sehnen uns ja auch ein Stück weit nach Vereinfachung und vielleicht auch nach Banalität, weil die Welt, in der wir leben, ja schon komplex genug ist.

Meyer: Und Ihr Preis, der Seraph, den Sie jetzt maßgeblich vergeben auf der Leipziger Buchmesse, der schaut, nehme ich jetzt mal an, aber gerade nach den anderen Titeln, nach origineller fantastischer Literatur. Was ist dann das spezifisch Originelle in fantastischer Literatur?

Graute: Der Preis wurde ins Leben gerufen, weil wir gesehen haben, dass es ein starkes Ungleichgewicht gibt, dass gerade eben die Bestseller auf dem Markt – das gilt aber nicht nur für fantastische Literatur, aber da konnten wir es natürlich besonders betrachten, die Bestseller nicht unbedingt die besten Bücher auch sind. Und wir wollten darauf hinweisen, dass es sehr viele literarische Ergüsse auch von Autoren, die keine Beachtung finden, in kleineren Verlagen gibt, die das Genre sehr stark bereichern können. und natürlich suchen wir nach solchen Perlen, aber wir beachten natürlich auch die großen Namen. Wir versuchen einfach, da eine Balance zu schaffen, und durch die Möglichkeit, die Titel bei uns einzusenden, Jahr um Jahr, und eine Auswahl zu treffen, ist es für uns so, dass wir dann sagen können, wir können hier im Jahr eine Empfehlung aussprechen der Titel, die wir und die Jury, die ja sehr umfangreich ist und aus sehr unterschiedlichen Bereichen kommt, tatsächlich für gut befinden. Und die Originalität der Titel lässt sich manchmal im Detail an besonderen Charakteren, aber auch oftmals am so in der Form noch nicht da gewesenen Setting vielleicht auch festmachen.

Meyer: Erzählen Sie uns doch mal zum Schluss, Herr Graute, von einer absoluten Perle, die für Sie eine Perle ist, für Sie als Leser fantastischer Literatur, ein neuer Titel, den Sie besonders beeindruckend finden.

Graute: Ein neuer Titel, der in diesem Jahr, also im zurückliegenden Jahr gekommen ist, das ist tatsächlich schwer zu sagen. Wir haben eine große Anzahl von Science-Fiction-Titeln in diesem Jahr gehabt, das hat mich sehr gefreut. Und da gibt es für mich einen Titel, der durchaus ein bisschen herausstach. Das war von Dirk Vandenboom, "Die Welten der Skiir", ein Science-Fiction-Titel, der eher so die klassischen Wege gegangen ist. Wir haben ja dieser Tage relativ wenige Science-Fiction-Titel, die sich nicht auf den Pfaden von "Star Wars" und "Star Trek" bewegen, sondern die eher in die gute alte Tradition der Asimov-Titel reingehen und auch –

Meyer: Das heißt was?

Graute: Die Welt von morgen halt tatsächlich so ein bisschen umschreiben wollen.

Meyer: Und das ist Ihr momentaner Favorit in der fantastischen Literatur?

Graute: Das ist einer meiner Favoriten tatsächlich, die ich in diesem Jahr lesen musste. Wir haben in diesem Jahr über hundert Einsendungen gehabt, und die müssen in kurzer Zeit auch angelesen werden und durchgearbeitet werden, und unsere Jury hat damit alle Hände voll zu tun. Natürlich, das können Sie sich vorstellen: In zweieinhalb Monaten hundert Bücher durchzuarbeiten - das ist eine Sisyphos-Arbeit, auf jeden Fall.

Meyer: Und im März wird es dann den Preis dafür geben, den Preis für fantastische Literatur. Er, der Seraph 2017, wird auf der Leipziger Buchmesse vergeben,  vergeben von der Fantastischen Akademie. Wir haben mit dem Vorsitzenden dieser Akademie gesprochen, mit Oliver Graute. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Graute!

Graute: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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