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Buchkritik | Beitrag vom 29.06.2020

Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“Völker, schaut auf diese Stadt!

Von Marko Martin

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Das Cover von Fang Fangs "Wuhan Diary" auf orangefarbenem Aquarell-Hintergrund. (Hoffmann und Campe / Deutschlandradio)
Was für ein Buch! Fang Fangs "Wuhan Diary". (Hoffmann und Campe / Deutschlandradio)

Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang führt mit ihrem „Wuhan Diary“ die Propaganda des Pekinger Parteiregimes auf eindringliche Weise ad absurdum.

Es hätte wahrlich nicht der Coronapandemie bedurft, um Chinas offizielles Narrativ ein weiteres Mal der eigenen Bevölkerung einzuimpfen und gleichzeitig in der Welt zu verbreiten: Autoritäres (Regierungs-)Handeln sei dem vermeintlichen Tohuwabohu liberaler Gesellschaften haushoch überlegen. Das soeben erschienene "Wuhan Diary" der 1955 geborenen chinesischen Schriftstellerin Fang Fang widerlegt in jeder Zeile solch rabulistische Begrifflichkeit.

Dabei begrüßt die Autorin sehr wohl die im Januar 2020 getroffene Entscheidung der Pekinger Regierung, Wuhan zwecks Virus-Eindämmung für 76 Tage komplett abzuriegeln. Dennoch vergisst sie keinen Moment jene verhängnisvollen zwanzig Tage zuvor, als durch system-immanentes Lügen und Verschweigen (einschließlich der Kriminalisierung von mutigen Ärzten) das Wissen über Covid-19 eben nicht öffentlich geteilt wurde – mit verheerenden Folgen für Wuhan und schließlich für die ganze Welt.

Gegen die Netzzensur

Während jener Zeit schrieb die ehemalige Vorsitzende des regionalen Schriftstellerverbandes Blog-Einträge, die schließlich über 100 Millionen Leser fanden – und das trotz rabiater Zensur, die den permanenten Wechsel der Publikations-Plattformen erzwang. "Die Netzzensur erregt den Zorn der Bevölkerung. Die Leute spielen Katz und Maus mit ihr, ein Text wird nach dem Löschen sofort wieder gepostet, gelöscht, erneut gepostet, gelöscht, erneut gepostet. Man verwendet jede Art von Schriften und Formaten, die Zensur kommt kaum nach, kriegt es nicht in den Griff.

Im Prozess des Löschens und Postens wird die Bewahrung des Textes zu einer heiligen Verpflichtung. Dieses Gefühl entspringt offenbar einer unbewussten Erkenntnis: Den Text zu schützen bedeutet sich selbst zu schützen. Ist es erst einmal so weit gekommen, meine Herren Zensoren, werdet ihr vergebens löschen."

Fang Fang notiert lakonisch, doch oft auch mit trockenem Humor Alltägliches, erzählt vom Durchhaltewillen der Großstadtbewohner, von unfähigen Funktionären und aufopferungsbereiten Ärzten, von der physischen und mentalen Herausforderung der Quarantäne. Diese ohnehin immense Last wird nämlich noch verstärkt durch die partei- und regierungsamtliche Propaganda, durch dröhnende Erfolgsmeldungen und die Aufforderung zum Jubeln, der auch zahlreiche ihrer Schriftstellerkollegen nachkommen – andere jedoch nicht. Fang Fang, die kein Parteimitglied ist, jedoch auch keine Dissidentin, schreibt: "Liebe Kollegen, ich bitte euch, nehmt euch Zeit, bevor ihr mit dem Schreiben beginnt, um euch darüber klar zu werden, wen ihr preisen wollt. Auch beim Schmeicheln darf man nicht übertreiben."

Die Schriftstellerin als Gegenöffentlichkeit

Auch wenn Fang Fangs "Wuhan Diary" in Buchform bislang nur im westlichen Ausland erscheinen konnte: Das vermeintlich monolithische China ist längst nicht mehr jenes abgeschottete Mao-Reich, in dem Abermillionen von Menschen, Opfer der Kulturrevolution oder regime-verschuldeter Hungersnöte, während des sogenannten "Großen Sprungs nach vorn" einfach so verschwinden konnten, unbenannt, unbeweint und nicht erinnert.

Wenn heute eine Parteizeitung aus dem Testament eines am Virus Sterbenden lediglich den Satz "Meinen Leichnam vermache ich dem Land" zitiert, gibt es eine Schriftstellerin, die ihrem millionenfachen Lesepublikum mitteilen kann: "Tatsächlich stehen in den letzten Worten noch weitere vier Zeichen: ‚Ach, meine Frau!‘. Diese vier Zeichen lassen die Tränen von weitaus mehr Menschen fließen. Dass er im Angesicht des Todes seinen Leichnam dem Staat vermacht, ist rührend, aber dass seine letzten Atemzüge dem Andenken an seine Frau gehören, ist es nicht weniger. Hat die Zeitung für diese ‚kleine‘ Liebe nur Verachtung übrig?"

Für präzis recherchierte Aufzeichnungen wie diese wird Fang Fang von einer ganzen Armada vermutlich regierungsgesteuerter, da nicht zensierter Internet-Trolle mit Hass und Häme verfolgt, ja sogar mit dem Tod bedroht. Und dennoch: Unzählige Menschen waren und sind es, die der Schriftstellerin verifizierte Informationen zukommen ließen, die sie dann ihrerseits weitergibt.

Wer ihr "Wuhan Diary" liest, wird vermutlich auf immer immun werden gegenüber jenen kulturalistischen Lügen, die regimenahe "China-Experten" und so manche gekaufte Sinologen auch hierzulande verbreiten: Nach deren Lesart wären es nämlich nur "wir Westler", die "traditionsbedingt" nach Information, Reflexion, Debatte und Machtkritik dürsten, während hingegen im "chinesischen Kulturkreis" angeblich eher der Wunsch nach Gehorsam, kollektiver Einordnung und autoritärer Führung ausgeprägt wäre. Fang Fang gibt nicht nur den Bewohnern Wuhans eine Stimme, sondern öffnet auch unsere Augen. Was für eine mutige Frau, was für ein Buch!

Fang Fang: "Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt"
Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020
349 Seiten, 20 Euro

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