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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.06.2016

Familienzusammenführung Athen / BerlinIn drei Flugstunden könnten sie zusammen sein

Von Panajotis Gavrilis

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Offizielles griechisches Flüchtlingslager Nea Kavala in der Nähe der griechisch-mazedonischen Grenze: Hier ist die Jesidin Maha mit ihren zwei kleinen Söhnen untergekommen. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)
Offizielles griechisches Flüchtlingslager Nea Kavala in der Nähe der griechisch-mazedonischen Grenze: Hier ist die Jesidin Maha mit ihren zwei kleinen Söhnen untergekommen. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Auf der Flucht wurde die Familie aus dem Nord-Irak getrennt: Der Vater lebt inzwischen in NIedersachsen, die Mutter und zwei kleine Kinder stecken in einem griechischen Flüchtlingslager fest. Die Aussichten auf ein Zusammenleben sind trübe, die bürokratischen Hürden erscheinen unüberwindlich.

Nea Kavala, ein kleiner Ort in der Nähe der griechisch-mazedonischen Grenze. Ich treffe Maha mit ihren zwei kleinen Kindern am Zaun des offiziellen Flüchtlingslagers. Rein darf ich nicht. Ich sehe große Zelte mitten im Nichts, Dixi-Klos laufen aus, Kinder spielen im dreckigen Wasser. Maha hat ihren Ehemann Baker fast eineinhalb Jahre nicht mehr gesehen:

"Unsere Sache ist sehr kompliziert geworden. Wir warten hier schon so lange, unsere Situation ... es ist schwierig. Ich habe Angst, hier noch länger zu bleiben. Einen Monat oder ein Jahr oder länger."

Maha ist Jesidin aus dem nordirakischen Shingal. Ihre zwei Söhne sprechen kein Wort, verstecken sich hinter ihrer Mutter, sind verängstigt, traumatisiert vom Krieg und der Flucht. Ihr Ehemann hat es vor ihnen nach Deutschland geschafft, ist mittlerweile anerkannter Flüchtling, konnte sie bisher aber nicht nachholen.

"Ich habe keine richtigen Papiere mitnehmen können. Alle Papiere sind bei dem Vater. Sie sagten, sie geben keinen Aufenthalt, wenn du keine Originaldokumente hast. Und wir warten jetzt schon seit einem Jahr auf unsere Heiratsurkunde. Wir haben sie nicht mitgenommen damals."

Die Heiratsurkunde sei in den Händen der Terrormiliz IS gewesen, sagt die 29-Jährige. Mittlerweile sei sie aber wieder aufgetaucht, nachdem die IS-Kämpfer zurückgedrängt wurden. Maha ist seit Ende Februar in Griechenland und hofft nun auf die Familienzusammenführung. Doch die deutsche Bürokratie hat hohe Hürden für jemanden, der wie sie in einem Flüchtlingslager abgeschottet lebt:

"Reisepass plus zwei Kopien, Antrag – zweifach, plus biometrische Passfotos, zwei Kopien des Passes des Familienangehörigen in Deutschland, zwei Kopien des Anerkennungsbescheids, Heiratsurkunde mit Legalisierung, bei Kindern: Geburtsurkunde mit Legalisierung, fristwahrende Anzeige mit zwei Kopien …"

Falsche Informationen der Botschaft

Das alles muss sie vorzeigen. Dazu die Visagebühren und das monatelange Warten auf einen Termin bei der deutschen Botschaft in Athen. Viel Bürokratie – es ist kompliziert. Und: Maha kennt wie viele Schutzsuchende ihre Rechte nicht. Die Informationslage in den Lagern ist katastrophal, es gibt keinen Zugang zu juristischer Beratung. Ohne die Hilfe der wenigen Ehrenamtlichen wären viele überfordert. Hinzu kommt: Die deutsche Botschaft in Athen hat wochenlang falsche Informationen verbreitet. Auf ihrer Internetseite stand lange folgender Satz:

"Flüchtlingen, die nach dem 20. März 2016 über eine der ostägäischen Inseln eingereist sind, ist es nicht möglich, nach Athen anzureisen, um hier einen Antrag auf Einreisevisum zu stellen." (Version bis zum 14.6.2016)

Das ist offensichtlich falsch. Denn wenige Tage nach meiner Anfrage hierzu änderte die Botschaft in Athen den Text. Nun heißt es:

"Flüchtlinge, die nach dem 20. März 2016 über eine der ostägäischen Inseln eingereist sind und denen es möglich ist, nach Athen zu reisen, können hier einen Antrag auf Einreisevisum [zu] stellen." (Version ab dem 15.6.2016)

Erst Nein, dann Ja. Das Auswärtige Amt begründet per E-Mail die plötzliche Korrektur damit, dass die griechischen Behörden in immer mehr Einzelfällen Reisen nach Athen zur Beantragung von Visa zuließen.

Maha interessieren diese Gründe nicht. Sie und viele andere sind verwirrt durch diese Informationspolitik. Das verzweifelte Warten, die Hoffnung, die bürokratische Realität machen sie müde. Auch ihren Mann:

"Ich heiße Baker. Ich komme aus dem Irak, ich wohne in Freistatt, ich bin 20 Jahre alt, (Lachen), 30 Jahre alt. Meine Familie, ich muss ihr helfen – bitte."

Ich bin von Nea Kavala nach Freistatt gefahren, in einen kleinen Ort in Niedersachsen mit einem winzigen Supermarkt, der schon um 18 Uhr schließt. Am Ende der einzigen Hauptstraße wohnt Baker in einem Heim.

Er empfängt mich herzlich, hat gekocht: Huhn mit Kichererbsen und Salat – es schmeckt. Ich muss an seine Frau Maha und ihre Kinder denken und wie sie alleine unter den elendigen Bedingungen in dem griechischen Flüchtlingslager klarkommen. Ich stelle mir vor, wie einfach ich hierher gereist bin, und dass nur absurde drei Flugstunden diese Familie voneinander trennen.

"Es gibt keine Probleme hier. Europa ist sicher. Also überall ist es gut und OK für mich. Es soll nur den Menschen geholfen werden und auch meiner Familie, so dass sie hierher gelassen werden. Wir wollen hier leben. Ich halte das sonst nicht aus."

Vater allein in Niedersachen: Der 30-jährige Baker flüchtete aus dem Nordirak und lebt jetzt in Freistatt. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)Vater allein in Niedersachen: Der 30-jährige Baker flüchtete aus dem Nordirak und lebt jetzt in Freistatt. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Sicher, aber unglücklich ohne Familie

Baker lebt in einem kleinen Zimmer, zehn Quadratmeter vielleicht. Ganz okay, sagt er. Und Kontakt zu Maha?

"Um ehrlich zu sein, haben wir einfach nicht die Möglichkeit. Ich habe nur dieses Handy und wir können nicht oft telefonieren. Manchmal kann ich sie erst nach zehn Tagen oder so anrufen und ich bin ja auch krank. Als meine Familie los ist, hat man mir nichts gesagt. Ich habe ja Bluthochdruck. Sie hatten Angst, dass ich einen Herzinfarkt bekomme und krank werde."

Er denkt an seine Familie, an den Irak und an die Zeit, als er noch einen Laden hatte, ein Haus. Noch bevor die Terrormiliz "Islamischer Staat" ihn und viele andere Jesiden zur Flucht zwang. In Deutschland ist er sicher, aber unglücklich ohne seine Familie:

"Für mich ist es sehr schwierig. Wenn sie nicht bald kommen, dann läuft mein Leben nicht weiter. Es gibt keine Arbeit oder irgendetwas, womit ich meiner Familie etwas zukommen lassen kann. Ich bin schon ein halbes Jahr hier und habe meiner Familie noch nicht mal einen Euro schicken können. Ich stecke hier fest. Die Situation meiner Familie ist schlecht und ich habe keine Möglichkeit, ihnen zu helfen."

Ich will wissen, was dieses Warten mit ihm macht.

Übersetzer Diar: "Er wollte sich umbringen, wegen seiner Familie und Kinder und wir haben es nicht [zu]gelassen."

Der 18-jährige Diar aus Syrien übersetzt für uns. Baker zeigt mir ein Fotoalbum mit Bildern von Maha und den Kindern. Seine Hände fangen an zu zittern, als er auf seine zwei Söhne zeigt.

"Alind, Ayman…"

Baker schluchzt. Er zündet sich eine Zigarette an. Lieber keine Fragen mehr zur Familie. An der Wand kleben Notizzettel mit Wörtern wie 'Kühlschrank' oder 'Kopfkissen' drauf. Er will so Deutsch lernen. Es bringt aber nichts, sagt Baker. Er könne hier nicht ankommen, wenn ein Teil von ihm fehle:

"Ich bin seit einem Jahr und einem Monat in Deutschland und meine Gedanken sind bei meinen Kindern, der Familie, dem Irak ... Ich kann die Sprache hier nicht lernen. Meine Lehrerin ist sehr gut, aber ich lerne einfach nichts."

Mittlerweile denken Baker und Maha auch darüber nach, wieder zurückzugehen – in den unsicheren Irak. Da seien sie wenigstens wieder vereint.

Noch gibt es Hoffnung. Mittlerweile konnte Baker seine Familie in dem griechischen Flüchtlingscamp besuchen und Maha hat einen Termin bei der deutschen Botschaft in Athen bekommen. Aber ob sie mit den zwei Kindern nach Deutschland nachkommen kann, ist unklar.

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