Seit 22:03 Uhr Kriminalhörspiel

Montag, 19.08.2019
 
Seit 22:03 Uhr Kriminalhörspiel

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2014

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll

Nino Haratischwili: "Das achte Leben (Für Brilka)"

Von Sigrid Löffler

Podcast abonnieren
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko. (picture alliance / dpa / Shamukov Ruslan)
Nino Haratischwili erzählt teils schreckliche, teils verklärte Begebenheiten aus einer verschwundenen Welt, ständig bedroht von Eingriffen der beiden mächtigsten Georgier, Stalin (r.) und Geheimdienstchef Berija. (picture alliance / dpa / Shamukov Ruslan)

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.

Nino Haratischwili, die aus Georgien stammende und in Hamburg lebende Dramatikerin, Theaterregisseurin und Erzählerin ("Mein sanfter Zwilling"), will mit ihrem neuen Roman den Leser überwältigen – mit dem schieren Umfang und der tragischen Wucht ihrer Familiengeschichte, die vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert nicht weniger als sechs Generationen umfasst, ein Panorama der familiären Zerwürfnisse, des Verrats, der gescheiterten Hoffnungen und verschwiegenen Untaten, die sich wie Giftmüll anhäufen und die Familienbeziehungen letztlich zersetzen.

Die Familie Jaschi leitet sich her von einem wohlhabenden Chocolatier und Patrizier in einer georgischen Kleinstadt, "die einst das Nizza des Kaukasus hätte werden sollen". Die Geheimrezeptur seiner verflucht köstlichen Heißen Schokolade, eines Zaubertranks, der glücklich macht, aber Unheil bringt und als Leitmotiv des Romans fungiert, hinterlässt er seiner Tochter Stasia, deren Lebenszeit das ganze 20. Jahrhundert umspannt und der daher die zentrale Zeitzeugenrolle im Roman zukommt.

Für ihre Urenkelin Niza, die Ich-Erzählerin des Romans, stellt Urgroßmutter Stasia die Hüterin des Familien-Gedächtnisses dar: Sie hat alles miterlebt, was den Jaschis zwischen Oktoberrevolution und Zerfall der Sowjetunion in Georgien, diesem schwer misshandelten "sonnigen Paradiesfleckchen", widerfahren ist. Stasia ist der Born aller Geschichten und Bewahrerin aller unterdrückten Familiengeheimnisse, ein vertuschter Mord inklusive. Was sie ihrer Urenkelin erzählt, ist ein fabelhaftes Puzzle halb erinnerter, teils schrecklicher, teils märchenhaft verklärter Begebenheiten aus einer verschwundenen Welt, ständig bedroht von Eingriffen der beiden mächtigsten Georgier, von den Schreckensfiguren Stalin und seinem berüchtigten Geheimdienstchef Berija.

Brutale Fakten und versponnene Zaubermärchen

So magisch und verzaubernd Niza diese Geschichten empfindet, so sehr bedarf sie für ihre Familienerzählung eines realistischen Gegengewichts. Den Kontext der brutalen politischen und historischen Fakten zu Stasias versponnenen Zaubermärchen liefert ihr Giorgi, ein Freund ihres Großvaters, ein unehelicher Sohn Berijas und selbst mächtiger Geheimdienstler. Giorgi ist eine interessante, schillernde Figur: Drahtzieher und Mitwisser vieler stalinistischer Verbrechen und doch zugleich, gequält von Schuldgefühlen, Schutzengel der Familie Jaschi, die zwar dank der hohen Parteiämter und Militärposten des einflussreichen Großvaters Kostja ein privilegiertes und machtgeschütztes Leben in Tbilissi führt, aber durch selbst verschuldete Katastrophen ständig in Gefahr und einmal sogar in die Folterzellen des KGB gerät.

Nino Haratischwilis erzählerisches Feuer gilt vor allem den dramatischen Verstrickungen und tragischen Schicksalen der Frauen der Familie. Diese sind meist atemberaubend schön, aber vom Unglück geschlagen und ins Elend gestürzt durch die falschen Männer, denen sie sich ausliefern. Vergewaltigungen, Abtreibungen und Selbstmorde sind im Roman an der Tagesordnung. Im Katastrophenfall muss immer der Familiendespot und chronisch untreue Weiberheld, Großvater Kostja, seine Moskauer Parteiverbindungen spielen lassen. Er ist der ewige Ausputzer und Aufräumer hinter allen Familien-Desastern, die zumeist von Männern der Dissidenten-Familie Eristawi verursacht werden. Über vier Generationen hinweg bilden die Eristawis das aufrührerische und rebellische Gegenstück zu den regimetreuen Jaschis, gedankenlosen Nutznießern ihrer Nähe zur Parteimacht, ehe sie durch Gorbatschows Perestroika, den Zerfall der Sowjetunion und den Bürgerkrieg in Georgien ins Chaos und in die Armut gestürzt werden. Aufs Ganze gesehen, schildert der Roman den Niedergang einer Familie, wobei die ganze pathetisch aufgeladene Hoffnung auf Neuanfang der jungen Brilka, der Nichte der Erzählerin Niza, aufgehalst wird, der Adressatin und Erbin dieser familiären Geschichtenfracht.

Erzählerische Verschwendungssucht

Haratischwilis erzählerische Verschwendungssucht ist zugleich Stärke und Schwäche ihres ausufernden Mammutromans. Gewiss: Es gelingen ihr prägnante Charakterporträts, und einzelne Episoden – etwa die Verstümmelung der Berija-Mätresse Christine, die KGB-Folterung der hochschwangeren Kitty und der Rachemord an der Täterin – machen Eindruck. Ebenso die schiere Fülle und Anschaulichkeit der zeitgeschichtlichen Details, mit denen die Autorin ihr Familienpanorama anreichert.

Was so entsteht, ist jedoch nichts als ein Wimmelbild – unübersichtlich, unstrukturiert, detailüberfrachtet, ermüdend orientierungslos. Die Autorin setzt auf eine einzige Erzähl-Strategie – die chronologische Abfolge unzähliger, detailliert ausgemalter Episoden, vorgetragen von einer immer gleichen Erzählstimme im immer gleichen Tempo und Tonfall. Keinerlei Spiel mit Zeitdehnungen, Zeitsprüngen und Zeitraffungen, keinerlei Kunstgriffe des Straffens und Weglassens, um das riesige Erzählmaterial abwechslungsreich zu strukturieren und durch Temporückungen oder Stimmenwechsel in Spannung zu halten. Haratischwilis Methode des gleichförmigen Nacheinander-Wegerzählens ist auch für das altmodische Genre Familienroman längst nicht mehr State of the Art, sondern wirkt nur noch eigentümlich hausbacken. Kurzum: "Das achte Leben (Für Brilka)" ist als narrative Kunstanstrengung auf großartige Weise misslungen.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2014
1280 Seiten, 34,00 Euro

Mehr zum Thema:

Techno der Jaguare (Deutschlandradio Kultur, Literatur, 03.11.2013)
Krieg und Frieden (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 22.09.2011)
Nirgends und überall zu Hause (Deutschlandradio Kultur, Profil, 08.09.2010)
Zähflüssige Inszenierung (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 07.04.2010)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur