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Lesart | Beitrag vom 12.06.2019

Familienfreundin Laureen Nussbaum"Anne Frank war eine Schriftstellerin in der Knospe"

Laureen Nussbaum im Gespräch mit Andrea Gerk

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Um ein neues Passbild zu erhalten, wird Anne Frank 1935 fotografiert. Der gesamte Bogen ist zusammen mit weiteren Bildern überliefert und zeigt uns die junge Autorin in unterschiedlichen Facetten vor der Kamera. (Anne Frank Haus, Amsterdam)
Um ein neues Passbild zu erhalten, wird Anne Frank 1935 fotografiert. Der gesamte Bogen ist zusammen mit weiteren Bildern überliefert und zeigt uns die junge Autorin verspielt vor der Kamera. (Anne Frank Haus, Amsterdam)

Laureen Nussbaum lebte als Kind im gleichen Viertel Amsterdams wie die Franks, ihre ebenfalls geflüchtete Familie war befreundet mit ihnen. Die Literaturwissenschaftlerin sieht in Anne Frank neben der Zeitzeugin ein großes schriftstellerisches Talent.

Laureen Nussbaum kannte Anne Frank, die am heutigen Mittwoch 90 Jahre alt geworden wäre, weil sie in Amsterdam im selben Viertel wohnte und mit Margot Frank, der älteren Schwester Annes, befreundet war. Sie wurde als Hannelore Klein am 3. August 1927 in Frankfurt am Main geboren und floh 1936 mit ihren Eltern nach Amsterdam, wo die Familie die Franks kennenlernte und viele ähnliche Erfahrungen machte.

Nach dem Krieg heiratete sie ihren Jugendfreund Rudi Nussbaum und lebt seit den 1950er-Jahren in den USA, wo sie an der Portland State University deutsche Sprache und Literatur unterrichtete. Nussbaum schrieb auch das Nachwort für das Buch "Liebe Kitty", das als Anne Franks "Romanentwurf in Briefen" herausgegeben wurde. Es basiert auf einer von Anne Frank 1944 für eine spätere Veröffentlichung angefangenen Überarbeitung ihrer ursprünglichen Tagebucheinträge, bei der sie alle Einträge einheitlich an eine imaginäre Freundin Kitty adressierte.

Anne Frank habe nie Wirbel um ihr Tagebuch gemacht

"Ich fand es immer ein Unrecht ihr gegenüber, dass man einfach so frei gewählt hat aus ihren zwei Versionen", sagt Nussbaum. "Ich fand, man ist es dem Autor oder der Autorin schuldig, dass die letzte Version publiziert wird."

Porträt von Laureen Nussbaum (picture alliance/dpa/Sören Stache)Die Literaturwissenschaftlerin Laureen Nussbaum lebte im selben Viertel in Amsterdam wie Anne Frank. (picture alliance/dpa/Sören Stache)

Anne Frank, die zwei Jahre jünger gewesen sei als sie selbst, habe nie Wirbel um ihr Tagebuchschreiben gemacht, erinnert sich Nussbaum: "Anne hat das absolut nicht in der Welt herumposaunt, dass sie Tagebuch schreibt." Ihre engsten Freundinnen, die mit ihr in die Schule gegangen seien, hätten davon gewusst. "Aber sie hat es immer für sich behalten und nie mit anderen geteilt – das war ihre Privatsache." Im Versteck schrieb Anne Frank das Tagebuch von 1942 an auch erst für sich, begann dann allerdings 1944 ihre Einträge zu überarbeiten für eine spätere Veröffentlichung.

Auch nach dem Krieg habe ihre Familie mit Anne Franks Vater, der einzige Überlebende der Familie, Kontakt gehabt. Otto Frank sei eines Tages mit dem Konvolut unter dem Arm – den Schriften seiner Tochter Anne – zu ihrer Familie gekommen, berichtet Nussbaum. Er habe ihre Eltern um ihre Meinung gebeten, berichtet Nussbaum, ob er das Tagebuch publizieren sollte. "Und meine Eltern haben ihm sehr zugeredet, andere Leute auch. Er hat sich also dazu entschlossen. Es war schwer, einen Verlag zu finden, aber schließlich hatte er Bert Bakker, der hat es publiziert."

Literarische Qualitäten von Anne Frank

Was sie von Anfang an, von 1947 an, interessiert habe, so Nussbaum, sei erstens, dass das Tagebuch aus dem Blickwinkel eines jungen Menschen geschrieben gewesen sei, und zweitens, dass Anne Frank so vorzüglich geschrieben habe. Das Leben im Versteck, was für andere Menschen neu und interessant gewesen sei, habe sie ja aus eigener Anschauung gekannt.

Nussbaum sagt, aus ihrer Sicht würden sich die Textausgaben des Tagebuchs sehr unterscheiden: Im gängigen Tagebuch, das Otto Frank herausgegeben hat, schreibe Anne erst kindlich, und dann zwei Seiten später komme diese fabelhafte Einleitung, die sie zwei Jahre später geschrieben habe: Wer werde sich dafür interessieren, was ein junger Mensch wie sie der Welt erzählen wird  – "eine sehr gekonnte, sehr gut ausgedachte literarische Einleitung. Das hinkt so deutlich – jeder der sich für Literatur interessiert, sieht das unmittelbar."

"Kein Zweifel, dass sie eine Schriftstellerin in der Knospe war", sagt Nussbaum zu den literarischen Qualitäten von Anne Frank. Erstens habe sie sehr viel, sehr kritisch und sehr bewusst gelesen, das merke man an den Aufzeichnungen. Und zweitens merke man das an der Bearbeitung der Tagebuch-Einträge. "Wenn Sie die A-Version, die ursprüngliche, spontane Fassung, vergleichen mit der B-Fassung, der Überarbeitung, dann ist es ganz erstaunlich, wie sie den Text umgearbeitet hat", sagt Nussbaum.

(mfu)

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