Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.05.2013

Familien-Intrigen am persischen Hof

Aufführung "Siroe, Re di Persia" wird zum bejubelten Auftakt der Händel-Festspiele

Von Stefan Keim

Podcast abonnieren
Georg Friedrich Händel: Vom 9. bis 20. Mai 2013 steht seine Musik in Göttingen im Mittelpunkt (AP)
Georg Friedrich Händel: Vom 9. bis 20. Mai 2013 steht seine Musik in Göttingen im Mittelpunkt (AP)

Sie ist eine selten aufgeführte Oper. Doch "Siroe, Re di Persia" passt gut zum diesjährigen Motto "Orient" der Internationalen Händel-Festspiele in Göttingen. Und Regisseur Immo Karaman gelingt es, aus dem fast vier Stunden langen Werk ein intensives psychologisches Kammerspiel zu machen.

"Orient" lautet das Motto der Internationalen Händel-Festspiele in Göttingen. Doch von Persien oder auch nur von einem Königspalast ist in der Auftaktinszenierung der Oper "Siroe, Re di Persia" nichts zu sehen. Die Bühne zeigt ein heruntergekommenes Haus, fast eine Ruine, enge Zimmer und Treppen. Wenn sie sich dreht, sieht man das nackte Mauerwerk wie sonst nur in zerbombten Häusern. Hier spielen sich die Intrigen um den alten kranken König Cosroe und seine beiden machtgierigen Söhne Siroe und Medarse ab. Natürlich garniert mit einigem Liebeswahn und einer Frau in Männerkleidern, Elmira, Überbleibsel einer anderen Königsfamilie, die von Cosroe abgeschlachtet wurde. Nun sinnt sie auf Rache. Einziger Mitwisser ist Siroe, der sich in sie verliebt hat und sie von ihren blutigen Plänen abbringen will.

Immo Karaman gelingt es, über weite Strecken aus der fast vier Stunden langen Oper ein intensives psychologisches Kammerspiel zu machen. Dabei hilft sehr, dass Händel hier ein Libretto des berühmten Metastasio verarbeitet hat, der sich im Gegensatz zu vielen Kollegen in der Barockzeit viele Gedanken um Motivationen seiner Figuren machte. Die langen Arien stehen dem Konzept natürlich entgegen, manchmal greift Karaman dann zu den berühmten Mätzchen, mit denen viele Regisseure Barockopern ironisieren. Als Siroe im Kerker schmachtet, zieht er wie ein Actionheld einen Heizkörper hinter sich her, an den er angekettet ist. Doch ein kleiner Scherz zwischendurch ist an so einem langen Abend ja auch nicht zu verachten.

Das Ende lässt sich nicht ernsthaft inszenieren. Dass durch Siroes Beispiel von Tugendhaftigkeit der böse Bruder plötzlich gut wird und auch Elmira sinngemäß singt, dass die Ermordung ihrer Familie nun auch kein Problem mehr sei, ist pure Opernkonvention. Es muss halt irgendwie ein glückliches Ende her. Karaman hat eine stumme Figur erfunden, eine Hausangestellte, die das Volk symbolisiert. Die Tänzerin Bettina Fritsche verlässt beim Finale den Raum, die Bühne dreht sich mit ihr. Und während im Hintergrund die Beteiligten ihre alten Kämpfe wieder aufnehmen, sitzt sie da und trinkt Tee. Mehr bleibt dem Volk eben doch nicht übrig, wenn sich die Mächtigen kloppen.

"Siroe, Re di Persia" war die Oper, die in London gespielt wurde, als Händels übermächtige Konkurrenz, die "Beggar´s Opera" die Zuschauer anlockte. Plötzlich kam keiner mehr, obwohl Händel die Starsänger der damaligen Zeit unter Vertrag hatte, ein schmerzhafter Flopp, der der Oper bis heute anzuhängen scheint. Zumindest wird sie selten gespielt. Das mag auch an der vergleichsweise kargen Orchesterbesetzung mit wenigen Bläsern liegen. Doch gerade hier zeigt sich Händels Meisterschaft in der Instrumentierung, stets wirkt die Musik impulsiv, erzählend, emotional. Laurence Cummings, der neue Leiter der Händelfestspiele, dirigiert das FestspielOrchester Göttingen mit großer Konzentration, perfekt bis in die Details, immer nah dran an der Szene.

Die Sänger gießen keine virtuosen Prachtkoloraturen über dem Publikum aus. Wenn sie es mal versuchen wie Aleksandra Zamojska als Durchlauchterhitzer Laodice, gelingt es nur bedingt. Die meisten gehen an die Arien heran, wie sie es wahrscheinlich auch bei Mozart tun würden, suchen Abgründe, Andeutungen, Schattierungen. So entstehen auch akustisch vielschichtige Charaktere. Antonio Giovannini hat den helleren Klang der beiden Countertenöre. Interessanterweise singt er den Intriganten, während der charaktervollere Yosemeh Adjei die Titelpartie, den Helden Siroe, verkörpert. Star des Abends ist die Sopranistin Anna Dennis als Elmira, weich, warm, leuchtend, eine hinreißende Stimme, die sofort für diese verkleidete Rächerin und verzweifelt Liebende einnimmt. Insgesamt also ein ausgezeichneter, vom Publikum stark bejubelter Auftakt der Händelfestspiele.

Händel-Festspiele 2013:
"Siroe, Re di Persia" - Oper in drei Akten von Georg Friedrich Händel
Szenische Aufführung in italienischer Sprache

Mehr bei dradio.de:

Der Barockmeister als Staatskomponist - Eine Ausstellung in Halle beschäftigt sich mit der Musik und Politik zu Lebzeiten von Georg Friedrich Händel

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur