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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.01.2009

Familien aufklären, um Gewalt zu verhindern

Maria Macher ist Teil des Stadtteilmütter-Projekts in Berlin

Maria Macher im Gespräch mit Joachim Scholl

Macher: Wir gehen davon aus, dass man auch noch junge Erwachsene erziehen kann.  (AP)
Macher: Wir gehen davon aus, dass man auch noch junge Erwachsene erziehen kann. (AP)

Die Stadtteilmütter in Berlin-Neukölln beraten vor allem Familien mit Migrationshintergrund mit Kindern vom Kleinkind- bis zum Schulalter. Sie besuchen die Eltern zu Hause und sprechen die jeweilige Muttersprache. Bei den jeweils zehn Besuchen geht es um Fragen gewaltfreier Erziehung, um sexuelle Aufklärung oder den sinnvollen Umgang der Kinder mit dem Computer.

Joachim Scholl: Im Studio begrüße ich nun Maria Macher. Sie ist Stadtteilmutter in Berlin, ein Programm, das sie mit ins Leben gerufen hat. Die Stadtteilmütter beraten Familien, klären auf, sprechen über Spracherziehung, gesunde Ernährung, Sexualentwicklung und versuchen auf diese Weise auch, möglicher Gewalt von Jugendlichen vorzubeugen. Guten Tag, Frau Macher!

Maria Macher: Guten Tag!

Scholl: Die Stadtteilmütter beraten Eltern von kleinen Kindern bis zum Schulalter. Wenn Sie jetzt diesen Fall von Can hören, Frau Macher, ist da aus Ihrer Sicht eigentlich noch etwas zu retten?

Macher: Also in dem Fall sicherlich auch noch. Wir denken immer positiv und wir gehen davon aus, dass man auch noch junge Erwachsene erziehen kann und auch beeinflussen kann. Deswegen würde ich den Fall noch nicht aufgeben. Wie wir auch in der Reportage gehört haben, es ist von vornherein ziemlich vieles schief gelaufen. Der Junge ist nicht von Anfang an ein schlechter Junge gewesen. Er ist intelligent, sensibel, hat auch sehr viele positive Eigenschaften, die auch von den Eltern und auch von dem Betreuer genannt worden sind. Und ich denke, wenn die Eltern auch von Anfang an mehr Unterstützung gehabt hätten, hätten sie wahrscheinlich auch weniger Fehler begangen, und so hätte auch der Junge bessere Chancen gehabt auf Bildung und auch auf ein normales Leben.

Scholl: Wir haben den rat- und hilflosen Vater ja gerade gehört. Die erste Reaktion für Außenstehende ist, die Eltern haben hier versagt, waren hier blind. Sie sagen, man hätte ihnen früher helfen können. Wie?

Macher: Zum Beispiel mit mehr Beratung, mit mehr Information, weil so wie wir auch von Can gehört haben, die Eltern waren bemüht, ihn von schlechten Freunden loszulösen, aber sie kannten keinen anderen Weg, als einen Computer zu beschaffen, damit das Kind in den eigenen vier Wänden bleibt. Und wenn man an dem Punkt vielleicht die Eltern zum Thema Medienerziehung unterstützt hätte und erklärt hätte, wie Medien funktionieren, dass Computer nicht nur positive Seiten haben, sondern auch Gefahren beinhalten, dann hätten die Eltern vielleicht auch mehr das Kind beeinflussen können oder mehr Regeln aufstellen können.

Scholl: Wenn diese Eltern vielleicht die Hilfe einer Stadtteilmutter in Anspruch genommen hätten, wäre Cans Lebensweg vielleicht anders verlaufen. Wie hätten aber die Eltern überhaupt Kontakt zu den Stadtteilmüttern bekommen? Wie kommen Sie, Maria Macher, zu den Familien? Werden Sie eingeladen, schickt man Sie dahin, wie muss man sich das vorstellen?

Macher: Also man muss sich das vorstellen, dass die Stadtteilmütter Familien besuchen, die auch dafür Interesse haben, die auch aufgeschlossen sind und auch Fragen zu den Themen Erziehung, Bildung und Gesundheit haben. Wir besuchen keine Familien, die das nicht wollen, sondern eine bestimmte Bereitschaft muss schon da sein. Und die Stadtteilmütter finden die Familien über Bekannte, also in erster Linie über das Schneeballprinzip. Das heißt, Familien, die zufrieden waren mit den Besuchen, empfehlen die Stadtteilmütter weiter. Die Stadtteilmütter machen auch sehr viel Werbung überall, wo Frauen unterwegs sind, bei den Ärzten, auf den Wochenmärkten, in der Moschee, und versuchen dort auch, fremde Frauen anzusprechen. Und dort wird auch noch mal unser Angebot vorgestellt.

Scholl: Wie groß ist der Informationsbedarf der Eltern, die Sie besuchen? Was wollen sie am häufigsten wissen, wo fehlt es am meisten an Informationen?

Macher: Es gibt in dem Programm zehn Themenbereiche, und eigentlich die Nachfragen oder Informationsbedarfe sind in allen Bereichen, angefangen von zweisprachiger Erziehung, wo die Eltern verunsichert sind und nicht wissen, in welcher Sprache sie mit den Kindern zu Hause sprechen sollten, wie sie die deutsche Sprache der Kinder fördern können, wenn sie die Sprache selbst nicht hundertprozentig beherrschen. Oder zum Beispiel Thema Medienerziehung, wo die Eltern sehr wenig Medienerfahrung haben, was Computer, Internet angeht, und da Fragestellungen haben. Sehr viele Familien haben auch Fragen zum Thema sexuelle Aufklärung der Kinder, wo sie nicht wissen, wie sie die Kinder aufklären können. Wenn sie es auch tun wollen, es fehlen ihnen eben die Methoden. Bei kleinen Kindern ist das sehr oft auch die Gesundheitsvorsorge, wo Themen auftreten. Gesunde Ernährung ist auch immer ein ganz wichtiges Thema in vielen Familien. Das deutsche Schulsystem. Bei Frauen, die noch nicht so lange in Deutschland leben, sondern nach Deutschland geheiratet haben, für die sind Begriffe wie Oberstufe oder eben Hauptschule und Gymnasium keine bekannten Begriffe.

Scholl: Unsere Themenwoche "Jugendkriminalität" im Deutschlandradio Kultur. Und wir sind im Gespräch mit Maria Macher, einer Stadtteilmutter aus dem Berliner Bezirk Neukölln. Frau Macher, wenn Sie ein solches Gespräch führen, also mit Eltern über Schule und Erziehung, wie Sie es geschildert haben, inwieweit können Sie da konkret helfen?

Macher: Wir versuchen, die Familien zu informieren und auch viele kleine Tipps zu geben, die sie wirklich im Alltag auch einsetzen können, umsetzen können. Und wir hoffen, dass die Familien auf unsere kleinen Tipps dann auch reagieren und versuchen, die umzusetzen. Aber wir können das natürlich nicht kontrollieren. Wir bekommen sehr oft Rückmeldungen von den Familien, da wir mit denen auch in Kontakt stehen, vielleicht nach einem Monat, nach zwei Monaten, wo wir wirklich erfahren, dass sich einiges in der Familie geändert hat. Das Projekt wurde auch evaluiert jetzt über zweieinhalb Jahre. Es wurden über 100 Familien sehr ausführlich befragt, um nach diesen Veränderungen zu schauen, und es wurden alle Familien und auch alle Stadtteilmütter mit einem quantitativen Fragebogen auch befragt.

Scholl: Was tun Sie, wenn Sie mitbekommen, dass Gewalt in den Familien herrscht? Das ist ja auch ein Thema, das man von Außenstehenden also tunlichst fernhält. Welche Möglichkeiten haben Sie, da einzuwirken?

Macher: Also direkt bekommen wir sehr selten mit, dass in einer Familie Gewalt herrscht, nichtsdestotrotz sprechen wir das Thema in jeder Familie an. Nicht weil wir davon ausgehen, dass in jeder Familie Gewalt herrscht, aber wir sind der Meinung, dass alle Familien, alle Frauen auch die Hilfemöglichkeiten kennenlernen sollten. Wir haben einmal das Thema gewaltfreie Erziehung, um den Müttern aufzuzeigen, wie sie ihre Kinder ohne Gewalt mit anderen Methoden erziehen können, und wir haben auch das Thema häusliche Gewalt, falls die Frauen Gewalt erleben, damit sie auch die Wege und auch die Beratungsstellen und die Hilfemöglichkeiten in Deutschland kennenlernen. Also das sind die zwei Bereiche, wo wir sehr explizit mit dem Thema Gewalt umgehen.

Scholl: Haben Sie auch Familien oder Fälle oder Situationen erlebt, wo Sie das Gefühl hatten, auch an die Grenzen des Engagements zu stoßen, dass Sie sagen, die Verhältnisse sind auf eine Weise problematisch, dass wir hier nicht helfen können oder dass wir eine andere Instanz einschalten müssen?

Macher: Das kommt schon öfter vor, dass die Stadtteilmütter merken, dass mit den zehn Besuchen der Familie noch nicht ausreichend geholfen wurde. Natürlich, die Frauen, die Stadtteilmütter können auch nicht beraten, die bieten nur Informationen an, die zeigen die Wege, aber wenn in Familien wirklich große Schwierigkeiten da sind, dann gucken die Stadtteilmütter und versuchen, die Familien an die richtigen Anlaufstellen zu lotsen, sei es Jugendamt oder auch andere Beratungsstellen.

Scholl: Danke schön, Maria Macher, für Ihren Besuch. Alles Gute für Ihre Arbeit. Maria Macher, sie hat das Projekt der Stadtteilmütter in Berlin ins Leben gerufen. Und unsere Themenwoche zur Jugendkriminalität geht weiter, täglich und auch morgen um 8.40 Uhr in der Ortszeit und dann jeweils um 14 Uhr im "Radiofeuilleton". Und heute wollen wir Sie auch in der Debatte um kurz vor vier, um 15.50 Uhr, Sie, unsere Hörer fragen: Was tun gegen Jugendkriminalität?


Vorschau der Reihe "Ich schlage, also bin ich" – Jugendkriminalität in Deutschland
Themenschwerpunkt im Deutschlandradio Kultur: 5. bis 10. Januar 2008, täglich in der Ortszeit um 8.40 Uhr und im Radiofeuilleton um 14.10 Uhr sowie am Samstag in der Zeit von 9 bis 11 Uhr.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Suche nach Opfern, um die Wut rauszulassen
Can, 17 Jahre, 70 Straftaten

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