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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 22.07.2015

Familie in der NachkriegszeitWie Vati die Demokratie lernte

Von Philip Artelt

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Der aus belgischer Haft entlassene 40 Jahre alte Deutsch-Belgier Josef Schmetz, den König Baudouin begnadigt hatte, traf am 13.03.1963 in seinem Heimatort Ochtersum bei Hildesheim ein. (picture alliance / Hans Heckmann)
Auch lange nach dem Zweiten Weltkrieg kam es noch zu Wiederbegegnungen von Vätern mit ihren Familien. (picture alliance / Hans Heckmann)

Lange Zeit galt in Deutschland: Väter sollen ihre Kinder lieben, es ihnen aber nicht zeigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine Diskussion über die festgefahrenen Rollenbilder - und es soll sogar Männer gegeben haben, die mit auf den Spielplatz gingen.

Ein "Basta" hier, eine Ohrfeige da: An der Spitze der Familie stand der Vater. Väter sollten ihre Kinder lieben, es ihnen aber bloß nicht zeigen. Eine klare Machtposition, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs brüchig wurde. Nicht nur die Zeit des Führerstaats war vorbei, sondern auch in der kleinen Welt der Familie wurden die Vorstellungen von Disziplin und Gehorsam, von patriarchaler Hierarchie, in Frage gestellt. So leidenschaftlich wie nie zuvor wurde auf einmal über die Väter diskutiert, sagt der Geschichtswissenschaftler Till van Rahden von der Uni Montreal.

Till van Rahden: "Und in diesen leidenschaftlichen Diskussionen steht ganz die Frage im Vordergrund, welche Form der väterlichen Autorität nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Vernichtungskrieges überhaupt noch möglich ist. Und überhaupt noch wünschenswert ist."

Die väterliche Autorität wurde hinterfragt – zumindest von manchen. Große Teile der Bevölkerung waren einer Demokratie gegenüber skeptisch, viele sprachen sich weiterhin für autoritäre Herrschaftsformen aus, auch innerhalb der Familie. „Selbständigkeit und freier Wille" war laut einer EMNID-Meinungsumfrage von 1951 noch ein untergeordnetes Erziehungsziel.

Sogar die katholische Kirche propagierte ein neues Vaterbild

Aber die Besatzungsmächte kämpften gegen die antidemokratische Stimmung, auch in der Familie. Eine Schlüsselrolle kam dabei den Amerikahäusern zu, Kultureinrichtungen der amerikanischen Besatzungsmacht in Deutschland, die die Ideen über Freiheit, Demokratie und Erziehung popularisieren sollten.

Deutsche Autoren griffen diese Thesen auf. Etwa der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, hier 1969 in einer Diskussionssendung des Saarländischen Rundfunks.

Alexander Mitscherlich: "...und dann kann ich etwas tun, ich kann nämlich ganz persönlich meine Verantwortung erfüllen. Ich meine, ich kann mich etwas besser kontrollieren in der Erziehung. Ich kann mit meinen Kindern einen, möchte ich sagen, einen offeneren und verständnisvolleren Kontakt bekommen, ich brauche sie deshalb nicht zu verwöhnen."

Mitscherlichs Buch "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft" von 1963 war ein Bestseller. Und selbst die katholische Kirche propagierte ein neues Vaterbild: In einem Ratgeberheft forderte das Bistum Münster die Väter auf, auf "abendliche Strafgerichte" zu verzichten. Stattdessen sollten sie das Vertrauen ihrer Kinder erlangen.

Die Autorität des Vaters wurde damit nicht abgeschafft. Aber sie musste legitimiert sein. Macht sollte nun ausgehandelt werden, auch innerhalb der Familie – sagten zumindest die Fachleute.

Van Rahden: "Das sind Schlagworte, die prägen zunächst einmal ausgewiesene Erziehungsexperten. Nur dieses Wissen zirkuliert dann eben in Foren, Elternberatungsstellen, Elternabende, in Schulen, Gemeinden, bei der Arbeiterwohlfahrt. Und da werden diese Texte vermutlich nicht als Ganze gelesen, aber kleine Ausschnitte, und man diskutiert dann über diese Ausschnitte. Wie weit die Leute im Alltag diese neuen Stile tatsächlich gelebt haben, ist die Frage, aber diese Stile setzen sich eben als neue Leitbilder durch."

Plötzlich gingen Väter mit ihren Kindern in den Tierpark

Der neue, sanfte Vater, er manifestierte sich in Männer-Säuglingspflegekursen, und Erziehungsexperten sahen die Väter plötzlich mit ihren Kindern in den Tierpark und auf den Spielplatz gehen. Ja, sicher manchmal wirkte dieser neue Vater noch unbeholfen, wenn er sich im strengen Anzug und Schlips um seinen Nachwuchs kümmerte. Aber das neue Leitbild, es war in der Welt und nicht mehr wegzukriegen.

Vater: "Was wünscht du dir denn?"
Sohn: "Dass du mit mir mal auf den Rummel gehst."
Vater: "Und was noch?"

Heinz Rühmann in "Wenn der Vater mit dem Sohne. 1955."


Sohn: "...und dass es ganz ganz lustig wird. Ist das nicht etwas zu viel?"
Vater: "Nein, das geht gerade noch. Mal sehen. Aber jetzt musst du schlafen."
Sohn: "Papi, einen Moment noch!"
Vater: "Was willst du denn noch?"
Sohn: "Ich will dich bloß noch ein bisschen liebhaben, weil du so lieb bist."

Der neue, liebevolle Vater eroberte die Popkultur. In der Welt abseits des Films wurde Bundespräsident Theodor Heuss als "Papa Heuss" unfreiwillig zur Verkörperung der neuen, freundlich-menschlichen Vaterfigur. Aber wirkte der demokratische Vater, dieses neue, idealisierte Männerbild, auch auf die Politik zurück?

Ich antworte mal mit einer Geschichte. Nämlich dass das Bundesverfassungsgericht am 29. Juli 1959 ein Urteil verabschiedet, infolgedessen die rechtlichen Grundlagen der patriarchalischen Stellung des Vaters in Deutschland, also in Westdeutschland abgeschafft sind in Westdeutschland. Das ist bemerkenswert und ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass die Figur des Vaters infolge des Krieges auf eine Weise fragwürdig geworden ist in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, wie es in anderen westeuropäischen Nachkriegsgesellschaften nicht der Fall war.

Mehr zum Thema:

Nachkriegszeit - Besatzerkinder und die Folgen der Stigmatisierung
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 11.06.2015)

Juden nach dem Zweiten Weltkrieg - Heimatlos in der Fremde
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 11.07.2015)

Nachkriegsgeschichte - Gab es wirklich eine Stunde Null?
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 23.02.2015)

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