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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.01.2009

Familiäre Abgründe

Anne Enright: "Das Familientreffen", DVA 2008, 344 Seiten

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Liam war ein verkommener Alkoholiker  (AP)
Liam war ein verkommener Alkoholiker (AP)

Der trunksüchtige Liam hat sich das Leben genommen. Er hat sich Steine in die Hosentaschen gesteckt und ist ins Meer gegangen. Für seine Schwester Veronica ist der Selbstmord der Anstoß, einen tiefen Blick in die Abgründe der Familiengeschichte zu werfen. - In Anne Enrights Roman "Das Familientreffen" geht es um Sucht und sexuellen Missbrauch, um Lebensverwirrungen und Lebenslügen.

Familien sind seit je und immer wieder ein dankbares literarisches Sujet. So bizarr wie in diesem Verbund sind Menschen selten miteinander verwoben. Wenn dann noch die Familie aus Irland stammt, Hegarty heißt, sich an einem offenen Sarg versammelt und von einer Autorin wie Anne Enright in all ihrer Angst und Trunksucht und ihrem neurotischen Mittelstandselend decouvriert und zerlegt wird, dann kann man sich auf eine bitterschwarze Lektüre freuen.

"Ich liebe die Geschichten hinter den Geschichten", hat Anne Enright einmal gesagt. Und so zerrt sie an der Haut, ritzt und zerfetzt sie, bis das rohe, wunde Fleisch aufscheint. Auf das sie selten nur heilenden Honig träufelt, häufiger ätzende Säure.

Veronica Hegarty ist 39 Jahre alt und verstört. Hat sich doch ihr Bruder Liam gerade umgebracht. Sie hat ihn geliebt und konnte ihn nicht besonders gut leiden. Das kommt vor. Klingt widersprüchlich wohl nur für Anhänger mathematisch berechenbarer Gemütszustände, die Seelenregungen am liebsten in Formeln fassen würden.

Der verkommene Alkoholiker Liam hat sich Steine in die Hosentaschen gesteckt und ist ins Meer gegangen. Das Leben wollte ihm nicht gelingen. Und seine Schwester hat es nicht geschafft, ihm zu helfen. Und wie es so ist, wenn der Schreck sich in die Glieder frisst, verliert man die Balance. Veronica stellt nicht nur die üblichen Fragen nach dem Warum, sondern befragt nun auch ihr eigenes Leben, zweifelt an sich, an ihrer Ehe, ihren Kindern. Sie befragt ihre Erinnerungen und die ihrer Familie. Und die ist eine ziemlich konfuse Truppe. Der sexbesessene (inzwischen verstorbene) Vater ein hilfloser Narr, die Mutter fragil und betäubt ob der vielen um sie herum, an deren Namen sie sich nicht immer erinnern kann. Zwölf Kinder hat sie geboren und fünf Fehlgeburten gehabt. Sag’s bloss nicht Mammy, beschwören die Geschwister einander, wenn wieder mal der eine oder die andere dem Alkohol oder gar der Homosexualität verfallen ist.

Wo hat das Unglück nur angefangen? Bei Großmutter Ada? Eine starke, eine zupackende Person. Geliebt von ihrem Mann Charlie, der eine treue Seele war und doch zugleich ein notorischer Spieler und Fremdgeher. Ada scheint so manches im Griff zu haben und ist doch selber in einer unheilvollen Beziehung verstrickt mit einem Mann, der sie will, der ihr Haus kauft und ihr Vermieter wird, ihren Enkel missbraucht und vielleicht auch die Enkelin. Veronica weiß nicht genau, was sie gesehen hat, was wirklich geschehen ist. Erinnerung und Fantasie sind nahe Geschwister. Veronica gibt sich beiden hin und nennt sie Delirien.

Anne Enright glaubt nicht an klare Gefühle. An überschaubare Lebenswirklichkeiten. Sie interessiert sich für den ratlosen Aufruhr, die schrägen Nischen, die trüben Unruhen. Die sie dann in eisklaren Worten seziert.

Hat Lambert Nugent sich womöglich aus Rache der Kinder sexuell bemächtigt, weil er sich hoffnungslos nach Ada verzehrte? Die nach seinem Tod genüsslich einen Milchkaffee in einem Restaurant bestellt und dazu eine schöne Vanilleschnitte.

Ob Liams Lebensunglück auf den Missbrauch zurückzuführen ist? Hätte Veronica nicht reden, den Mann anklagen, die Sache aufdecken müssen?

Schuldgefühle machen aggressiv. Erinnerte Verletzungen auch. Und Wut ist sehr lebendig in diesem Buch. Vor allem eine weibliche Wut. Die sich keineswegs frauenzart äußert. Enright scheut sich wahrlich nicht, derb zu werden. Familien sind nun mal eine Zumutung. Und sind Heimat. Und so ist das Buch unbequem in seinem unerbittlichen Ausloten von Lebensverwirrungen und am Ende unvermutet zuversichtlich. "Seit Monaten falle ich in mein eigenes Leben. Und bin dabei, aufzutreffen."

Rezensiert von Gabriele von Arnim

Anne Enright: Das Familientreffen
Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
DVA 2008
344 Seiten, 19,95 Euro

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