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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.01.2016

Fallada-Premiere in BerlinNur Luft und Liebe

Von André Mumot

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Das Maxim Gorki Theater, aufgenommen am 29.10.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)
Das Maxim Gorki Theater in Berlin (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

Mal wieder eine der Umarmungen des Maxim Gorki Theaters: In Berlin bringt Hakan Savaş Mican sympathisch, aber allzu brav Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?" auf die Bühne.

So ist das eben, alles ganz normal: An den Wochenenden prügeln sich die Nazis mit den Kommunisten, und kaum ist wieder Montag, muss jeder zusehen, dass er nur ja seinen Job nicht verliert. Die Zeiten sind schlecht und vielleicht weniger weit weg von uns, als es einem lieb sein mag. In Hans Falladas Roman "Kleiner Mann, was nun?"  von 1932 ist die politische Situation kurz vor der Machtergreifung der Nazis permanent präsent, aber nur, weil sie in den Alltag hineinspielt, weil sie ein Hintergrundrauschen abgibt, einen bedrückenden Grundpuls, vor dem sich die ganz private Geschichte des Johannes Pinneberg und seiner Frau Emma, genannt Lämmchen, abspielt.

Herrlich ist dieser Roman, weil er so genau wiedergibt, wie es gewesen ist damals, weil er konserviert, wie die Leute gesprochen, gehandelt, sich abgerackert haben – wie sie gescheitert sind. Und er ist ein Idealroman für Bühnenadaptionen, weil er zum großen Teil aus lebenssprühenden Dialogen besteht – und aus Figuren, die man ins Herz schließen muss. Das geht nicht anders, man muss einfach. Deshalb hat nun auch Hakan Savaş Mican nicht widerstehen können und fürs Berliner Maxim Gorki Theater zugegriffen. Kein Wunder, ist der Stoff doch wie gemacht für diesen Regisseur, von dem es heißt, er habe die zarte, wahrhaftige Romantik zurückgebracht auf die deutschen Bühnen. Ja, selbst als er am Gorki Fassbinders karges, todtrauriges Meisterwerk "Angst essen Seele auf" adaptierte, ist eine Art Fallada-Abend entstanden: eine Großstadtromanze mit Schnauze und sehr viel Seele.

Deshalb kommt er auch gut zurecht mit der Ehegeschichte der tapferen Pinnebergs und kann auf einen fabelhaften Hauptdarsteller setzen: Dimitrij Schaad ist ein herrlicher kleiner Mann, einer, der immer kämpft und lächelt, der dienert und manchmal schimpft, sich immer aber auch sofort entschuldigt, der die treuesten Augen der Welt hat und dem man alles wünscht, gewiss aber nicht den tiefen Fall, den Roman und Bühnenstück für ihn vorgesehen haben. An seiner Seite ist Anastasia Gubareva ein schlichtes, unaufgesetztes Lämmchen, kämpferisch, aber zurückhaltend – manchmal fast ein wenig zu still und unauffällig. Doch Anastasia Gubareva ist am Premierenabend selbst schwanger und, wie man hört, zudem noch etwas angeschlagen und erkältet. Umso eindrücklicher, wenn sie die ein oder andere Sehnsuchtshymne anstimmt – in sanfter, nachdrücklicher, abgekämpfter Zärtlichkeit.

Nicht in die Aktualisierungsfalle getappt

Musik macht zudem eine dreiköpfige Band, die dann auch, wenn's passt, 30er-Jahre-Jazz zum Besten gibt. Überhaupt: alles bleibt nostalgisch, selbst die Kostümierung. Mican tappt nicht in die Aktualisierungsfalle, überlässt es dem Betrachter, die Parallelen zur Gegenwart zu finden – schraubt nur das neoliberale Arbeitsethos noch ein wenig höher und baut dann und wann aktuelle Begrifflichkeiten wie Work-Life-Balance in die Szenen ein. Nur einmal, kurz vor der Pause, bricht er den historischen Rückblick offensiv auf, indem er Mehmet Ateşçi ein türkisches Lied singen und von der Zukunft berichten lässt. Ganz lapidar wird da kurz vorausgeschaut auf ein Berlin unter Hitler, auf die geteilte Stadt und auf die Flüchtenden, die heute in Alt-Moabit im Regen stehen – dort wo einst schon Pinneberg auf eine unsichere Zukunft schaute.

Das alles ist grundsympathisch und dem Original sehr treu, ein weicher, warmer Abend mit einem wunderbaren Paar im Mittelpunkt und durchwachsenen, manchmal holprigen Darstellerleistungen in den Nebenrollen. Es ist wieder eine dieser Gorki-Theater-Umarmungen, aber eine allzu brave, allzu behagliche. Enttäuscht ist man am Ende doch, denn szenisch passiert zu wenig in diesen guten drei Stunden nacherzählendem Einfühlungstheater, das sich so redlich bemüht, Falladas Roman nicht zu verraten und auf seiner einfallslos schiefen Ebene nur auf Luft und Liebe setzt. Doch, wie auch die Pinnebergs schmerzlich feststellen müssen, das allein reicht eben nicht, um über die Runden zu kommen.

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