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Rang I | Beitrag vom 01.12.2018

Falk Richter über sein Buch "Disconnected" "Das linksliberale Theaterpublikum ist ein Mythos"

Falk Richter im Gespräch mit Janis El-Bira

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Regisseur und Autor Falk Richter beim Theatertreffen 2016 im Haus der Berliner Festspiele  (imago/Piero Chiussi)
Der Regisseur und Autor Falk Richter (imago/Piero Chiussi)

Der Theatermacher Falk Richter erläutert in seinem Buch "Disconnected" erstmals seine Vorstellung davon, wie er Tanz, Text und Musik zu einem hochpolitischen Gesamtkunstwerk formt. Das Publikum sei vielfältig und keineswegs eine linksliberale Echokammer.

Der Regisseur des Jahres 2018, Falk Richter, zählt zu den profiliertesten Theatermachern der Gegenwart, aber auch zu den umstrittensten. Das zeigte sich auch in den Gerichtsprozessen um seine Inszenierung "Fear" an der Berliner Schaubühne. Darin hatte Richter bekannte AfD-Politikerinnen als Zombies aus den Gräbern der Geschichte steigen lassen. Nun legt der Regisseur seine Sicht auf ein zeitgemäßes politisches Theater erstmals umfassend in dem Buch "Disconnected. Theater, Tanz, Politik" dar. Es basiert auf drei Vorlesungen im Rahmen seiner Saarbrücker Poetikdozentur.

Eine Szene aus dem Stück "Fear" von Falk Richter, aufgeführt an der Berliner Schaubühne – im Hintergrund ist in einer Videoprojektion Marine Le Pen, Parteivorsitzende der französischen Front National, zu sehen. ( picture alliance / zb)Eine Szene aus dem Stück "Fear" von Falk Richter, aufgeführt an der Berliner Schaubühne – im Hintergrund ist in einer Videoprojektion Marine Le Pen, Parteivorsitzende der französischen Front National, zu sehen. ( picture alliance / zb)

Der Titel des Buches "Disconnected" stehe für eine Unverbundenheit, die eine Bruchstelle erzeugen könne, sagte Richter im Deutschlandfunk Kultur: "Das kann durch eine Krise ausgelöst werden, das kann zum Beispiel im zwischenmenschlichen Bereich sein." Er habe diesen Titel gewählt, weil er gemerkt habe, dass sich diese Erfahrung durch das Leben aller Menschen in den westlichen Zivilisationen ziehe. "Letztlich ist natürlich so etwas wie 9/11 auch ein disconnect." Das Buch habe ihm eine Möglichkeit, eröffnet, darüber zu sprechen,  wie heute eigentlich eine Dramaturgie oder Geschichte erzählt werden könne.  Nicht alle Handlungsmotive müssten sich so fließend ergeben, sondern es könne  plötzlich ein Bruch entstehen. "Man muss anders über Menschen heute schreiben,", sagte er. "Es gibt nicht mehr diese langen Entwicklungsphasen, sondern das sind  kurze Abschnitte – es ist alles sehr schnell." Es gebe eine enorme Beschleunigung.  "Das heißt, man ist vielmehr so mitten im Sturm und man ist viel mehr so hin- und hergerissen."  

Beschleunigen oder verlangsamen

Richters Theater soll vom Komplexität erzählen, schreibt der Regisseur in seinem Buch. "Also erstmal kann das Theater natürlich das, was wir vielleicht gar nicht mehr so richtig wahrnehmen, so verschärfen und konzentrieren, dass wir’s überhaupt mal spüren", sagte er. Dadurch könne man für Momente einer Überforderung so stark ausgesetzt werden, dass man seine alltägliche Abstumpfung bemerken könne.  "Das Theater kann dann natürlich auch das Gegenteil machen. Es  kann verlangsamen, es kann natürlich enorm lange Phasen haben, wo man sich konzentriert, wo man einem Menschen mal sehr lange zuhört. Es kann eine Konzentration schaffen, die im Außenraum gar nicht mehr habe."

Wachsende Aggression

Abseits des Theaters beobachtet Falk Richter ein wachsendes Aggressionspotenzial, das er auch mit dem Verlust eines "großen Zusammenhangs" in Verbindung bringt. "Im Moment gibt es so Versuche in der Gesellschaft: ‚Die Vielen‘ oder ‚Unteilbar‘", sagte Richter. Dadurch sei zu bemerken, dass es nicht nur "einen rechtsradikalen Aufschrei gegen das neoliberale System" gebe, sondern es müsse auch eine humanistische und solidarische Antwort von Menschen, die sich wirklich Gedanken machten, wie eine Gesellschaft nachhaltig und gerecht aussehen könnte.

Der "Zeit"-Redakteur Jens Jessen (links) und der Dresdener Autor Uwe Tellkamp. (dpa / picture alliance / Combo: Deutschlandradio)Der "Zeit"-Redakteur Jens Jessen (links) und der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp. (dpa / picture alliance / Combo: Deutschlandradio)

Zu der Kritik des Schriftstellers Uwe Tellkamp und des Journalisten Jens Jessen an der "Erklärung der Vielen", in der sich 140 Kultureinrichtungen zur Freiheit der Kunst und zu gegenseitiger Solidarität bekannt haben, sagte Richter, er finde das Unsinn. " Es gibt halt eine ausdifferenzierte Gesellschaft, in der wir leben und der neurechte oder rechtsradikale Entwurf ist natürlich immer so eine Gesellschaft, wo alle die selbe Meinung haben und alle einem Führer folgen und alle Differenzen ausgeschaltet werden und das Fremde beseitigt wird." Das sei auf der linken oder linksliberalen Seite anders, entgegnete er dem Vorwurf,  auch im linksliberalen Lager werde der Meinungskorridor immer enger. "Die Menschen wollen gar nicht alle das Gleiche denken, sondern die wollen gerade eine komplexe und ausdifferenzierte Gesellschaft." Sie lebten in Demokratie, die leben auch Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt. "Und insofern wollen die sich auch dazu bekennen und sagen, wir sind unterschiedlich, wir haben aber alle gemeinsam, dass wir für die Demokratie sind." Das bedeute auch diese Erklärung der Vielen. Er bezeichnete Jessen und Tellkamp als "neurechte Denker" und "Pegida-Denker". Tellkamp sei Teil eines Kulturkampfes, der gerade in Deutschland stattfinde.

Vielfalt im Zuschauerraum

Über die Gefahr einer Echokammer am Theater, sagte Richter, er halte es für einen "Mythos", dass alle Zuschauer linksliberal und offen seien. "Wenn ich jetzt am Hamburger Schauspielhaus inszeniere, da kommen wirklich die Bürger der Stadt", sagte er. Darunter seien auch Leute, AfD wählten,  CDU, SPD oder FDP. Es bleibt natürlich immer so ein mehr oder minder bürgerliches Publikum, aber das ist kein homogen denkendes oder fühlendes Publikum." Unter den Zuschauern seien auch Menschen, die es  schrecklich fänden, wenn sich jemand auf der Bühne nackt ausziehe oder eine Hauptrolle von jemandem gespielt werde,  der nicht weiß sei. Die Theatermacher könnten versuchen, das Theater so weit zu öffnen wie möglich und die Preise zu senken.  Aber bei seinen Inszenierungen seien keineswegs alle im Zuschauerraum mit ihm einer Meinung. "Ich werde auch unglaublich angegriffen."

Hrsg. Johannes Birgfeld, Falk Richter, Disconnected. Theater, Tanz, Politik, Alexander Verlag Berlin 2018, 16 Euro.

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