Dienstag, 16.10.2018
 

Religionen | Beitrag vom 07.10.2018

Faire Rohstoffe im OrgelbauRegionales Holz und korrektes Zinn

Von Dorothee Adrian

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Orgelbauer Matthias Metzler beim Aufbau der Kirchenorgel in der Kirche St. Franziska in Obertürkheim. (imago / Horst Rudel)
Eine Orgel enthält so viel Zinn wie zwei Millionen Mobiltelefone. Eine völlig konfliktfreie Herkunft des Rohstoffs nachzuweisen, sei kompliziert, sagt Orgelbauer Mathias Metzler, der das neue Instrument für den Konzertsaal in Basel bauen wird. (imago / Horst Rudel)

In Orgeln werden vor allem Holz und Zinn verbaut. In Zukunft sollen die Rohstoffe aus regionaler Waldwirtschaft und fairem Handel kommen: Experten für Nachhaltigkeit begleiten ein Modellprojekt in Basel.

Die Metzler-Orgel der Stadtkirche in Biel: Der Basler Organist Thilo Muster war beeindruckt von diesem Instrument. Er hatte die Idee, dass Basel eine neue Orgel bekommen soll. Nicht in einer Kirche, sondern im Konzertsaal "Stadtcasino". Dieser wird gerade saniert. Herzstück des Saals war bisher eine Orgel aus den 70er-Jahren. Diese war aber nicht auf den Raum abgestimmt und kam so gut wie nie zum Einsatz. Das soll mit der neuen Orgel anders werden, sagt Muster:

"Wir wollen ja ein Festival mit der neuen Orgel organisieren, das 2020 zum ersten Mal stattfinden soll, die Orgel wird dann eingeweiht. Und dann haben wir 2016 einen Orgeltag, kurz bevor die Orgel ausgebaut wurde, die alte Orgel, und bevor der Saal geschlossen wurde zur Renovierung, noch diesen Pre-Event, wo ein ganzer Tag der Orgel gewidmet war, und es hat sehr viel Echo generiert und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geweckt und uns ermöglicht, anders aufzutreten als vorher."

Schon zwei Millionen Schweizer Franken

Thilo Muster konnte viele von der Idee einer neuen Orgel begeistert. Ein Verein wurde gegründet, Geld gesammelt. Von den benötigten zweieinhalb Millionen Franken sind schon über zwei zusammengekommen.

Zu Besuch bei der Firma Orgelbau Metzler in Dietikon bei Zürich. Sie hat den Auftrag für die neue Basler Orgel erhalten. Beim Betreten des Hauses fällt dem Besucher sofort der intensive Holzgeruch auf. Die Firma Metzler stellt jedes Teil der Orgel selbst her. Der erste Schritt ist das Auswählen geeigneter Baumstämme aus der Region, erzählt der Orgelbauer Mathias Metzler:

"Ja, wir stehen jetzt auf dem Vorplatz der Sägerei, mit den Lastwagen werden diese Stämme angeliefert, wo man sie dann als erstes schält, dann werden die aufgesägt und dann anschließend kommen sie ins Freie."

Holzbretter zwischen 16 und 80 Millimeter Stärke liegen aufgereiht im Hof. Fünf bis zehn Jahre trocknen sie hier an der Luft. Schnellere Verfahren mit speziellen Öfen kommen für die Schweizer Traditionsfirma nicht in Frage. Gerade wurde sie von "Pro Quercus" für den nachhaltigen Umgang mit regionalem Eichenholz ausgezeichnet.

Arbeit auf höchstem Niveau

"Auf diesem höchstem Niveau das zu erreichen, sind wir der Meinung, dass sich der Aufwand lohnt. Und wenn es gewertschätzt wird von jenen Leuten, die noch den Unterschied feststellen, macht uns das natürlich besonders Freude."

Thilo Muster schätzt die Qualität der Metzler-Orgeln. Er ist fasziniert von der Erfindung des winddynamischen Werkes, bei dem der Organist den Wind, also den Luftdruck, regulieren kann. Zudem war ihm bei Auftragsvergabe wichtig, dass die Orgel möglichst fair und nachhaltig gebaut wird.

Muster: "Es ist ja sowieso ein Thema, das einen heute beschäftigt, also ich finde, das gehört heute einfach dazu, dass man schaut, wo kommen die Rohstoffe her, wie wird das verarbeitet. Und der Orgelbau ist ja an sich schon ein sehr – bei dem Orgelbauer, den wir ausgewählt haben auch im Besonderen – relativ nachhaltiges Gewerbe, man braucht sehr viel Holz, die ganzen Konstruktionen sind alle aus Holz. Also es ist alles sehr lokal und sehr schön, und dann fragt man sich: Und was ist mit dem Metall für die Pfeifen?"

Zinn und Blei mit Herkunftsnachweis

In der Pfeifenwerkstatt des Orgelbauers wird gerade eine Pfeife rundgeklopft. Auch hier kauft die Firma den Rohstoff ein: Zinn und Blei in Barrenform.

Anders als beim Holz ist es bei den Metallen mit dem Herkunftsnachweis nicht so einfach. Der Abbau von Zinn hat ganze Landschaften und die Gesundheit vieler Arbeiter zerstört. In manchen Gegenden werden damit Kriege finanziert.

Dieses Zinn kommt aus Indonesien. Es hat zwar ein gewisses Zertifikat. Doch im Bereich der Metalle sei es schwierig, eine völlig konfliktfreie Herkunft nachzuweisen, erklärt der Orgelbauer Metzler:

"Es ist einfach zu beachten, dass es wirklich sehr schwierig ist, den Überblick zu behalten, von der Mine bis zur Werkbank, es sind viele beteiligt, es sind viele Zwischenstationen nötig. Da sind wir natürlich sehr gewillt, da mitzudenken und mit zu forschen, dass wir hier diesem Anspruch gerecht werden."

Muster: "Mein Wunsch wäre, dass es Standard wird, dass man nur noch für Orgeln Zinn verwendet, das aus konfliktfreien, ethisch und ökologisch nachhaltigen Quellen stammt."

Fairer Umgang mit Natur und Mensch

Dabei geht es sowohl um die Bedingungen der Arbeiter als auch um den Umgang mit der Natur. Thilo Muster lässt sich von Organisationen beraten, die auf faire Rohstoffe spezialisiert sind und ist derzeit auf der Suche nach dem bestmöglichen Lieferanten. Dazu inspiriert hat ihn die Firma Fairphone, die möglichst nachhaltige Rohstoffe für die Produktion ihrer Smartphones verwendet.

Muster: "In einem Mobiltelefon sind etwa zwei Gramm Zinn. In unserer Orgel - wir haben ein relativ großes Instrument - werden über zwei Tonnen Zinn verarbeitet werden. Also, Sie haben zwei Gramm pro Telefon, mit zwei Tonnen können Sie zwei Millionen Telefone machen. Man kann sagen - wer baut schon Orgeln, das ist eine Nische - aber wir haben in Deutschland 50.000 Orgeln, das sind dann doch Dimensionen, die doch irgendwo relevant sind."

Markus Grütter ist Präsident des Vereins "Neue Orgel Stadtcasino Basel". Der emeritierte Biochemieprofessor ist passionierter Hobby-Organist und Thilo Musters Schüler.

Grütter: "Die Initiative kommt wirklich von Thilo Muster. Die Orgelszene und die Leute die sich mit dem Neubau der Orgel beschäftigt haben, hatten in keinster Weise einen Gedanken an: Woher kommen die Materialien? Außer beim Holz. Erst die Aufzeigung der Materialien und wie viel Material da nötig sind, öffnet einem die Augen und man denkt: Ja, da hätte man längst dran denken können."

Und so will der Basler Verein mit der Firma Metzler neue Wege im Orgelbau gehen - die dann vielleicht auch auf den Orgelbau in Kirchen zurückwirken.

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