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Zeitfragen | Beitrag vom 14.06.2021

Fahrradklau in FürthHohe Aufklärungsquote dank spezialisierter Polizei

Von Judith Dauwalter

Viele Fahrräder stehen und hängen nebeneinander in einer Asservatenkammer in der Polizeiinspektion in Fürth (Bayern). (picture alliance / dpa / Timm Schamberger)
Jede Menge sichergestellte Fahrräder: in der Asservatenkammer der Polizei in Fürth. (picture alliance / dpa / Timm Schamberger)

Ist das Rad geklaut, stehen die Chancen schlecht, es je wiederzubekommen. So ist es in den meisten deutschen Städten, aber nicht in Fürth. Dort kümmert sich ein Polizist ausschließlich um Raddiebstahl – und das mit Erfolg.

Ein Mann macht sich an einem massiven Faltbügelschloss mit Stahlgliedern zu schaffen. Ein unangenehmes Signal ertönt: Was beim Auto heute zur Standardausrüstung gehört, davor müssen sich auch Fahrraddiebe künftig fürchten: eine Alarmanlage.

Oliver Seitz – mintgrünes Jeanshemd, Brille, Typ angenehmer Verkäufer – fürchtet sich nicht vor diesem Geräusch. An einer langen Wand, neben Fahrradhelmen, Trinkflaschen und anderem Zubehör, hat er die modernen Schlösser mit Alarmanlage platziert. Er verkauft sie für 140 Euro. Sein Fahrradgeschäft in der Fürther Innenstadt ist ein knapp 300 Quadratmeter großer Verkaufsraum. Es dominiert warmes Orange als Geschäftsfarbe.

Polizei und Fahrradläden kooperieren

Fahrräder stehen auf runden Ausstellungsplattformen und hängen an den anderen Wänden. In der Mitte ein Tischchen mit Computer und Telefon, an dem Seitz Kundinnen und Kunden berät. Das Telefon klingelt.

"Hallo, ja, die Seriennummer, kann ich mal wieder nachschauen. Ja, die ist tatsächlich von mir verkauft, 2015, an eine Frau." Am anderen Ende der Leitung ist Klaus Schneider. In der Fürther Polizeiinspektion kümmert er sich ausschließlich um Fahrraddiebstähle.

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Schon seit 15 Jahren gibt es den speziellen Posten, um Raddieben effektiv auf die Spur zu kommen. Schneider bekleidet ihn seit 2012 und hat entsprechend viel Erfahrung. "Wir treffen natürlich auch manchmal Leute an, die auf einem Fahrrad unterwegs sind, das ihnen nicht gehört", erzählt Schneider im Freien, auf einer Bank im idyllischen Innenhof. "Und manchmal finde ich Hinweise drauf: Wo ist das Fahrrad gekauft worden? Dann kann ich da nachhaken."

Im aktuellen Fall zierte ein Aufkleber von Oliver Seitz' Laden das sichergestellte Rad: Ein kleines Damenrad, gefahren von einem großen Mann, das machte die Beamten stutzig. Der Anruf im Fahrradladen bestätigt, dass der Fahrer nicht der Besitzer ist.

Ein Polizist für alle Räder

Rund 35 solcher sichergestellten Räder – ohne ermittelten Besitzer – finden sich ein paar Schritte weiter. Durch den Garten, über einen großen Parkplatz mit Einsatzwagen, ist das hintere Eck des eingemauerten Hofs mit Maschendraht eingezäunt.

"Das ist unser Käfig. Teilweise hängen die Fahrräder an der Wand. Da sind mehr oder weniger die hochwertigen." Rennräder, Mountainbikes, ein E-Bike: Polizist Schneider kennt die Geschichte zu jedem einzelnen Rad.

Polizeioberkommissar Klaus Schneider steht zwischen sichergestellten Fahrrädern in einer Asservatenkammer in der Polizeiinspektion in Fürth (Bayern). (picture alliance / dpa / Timm Schamberger)Er kennt die Geschichte jedes Fahrrads hier: Polizeioberkommissar Klaus Schneider. (picture alliance / dpa / Timm Schamberger)

"Ich mache das allein. Und das finde ich auch gut, weil ich dann ein bisschen einen Überblick habe", sagt Klaus Schneider.

"Da kann ich gleich mal was dazu erzählen. Das war schon 2014. Ich habe einen Täter gehabt mit einem Fahrrad. Und ein halbes Jahr später ist dann der Geschädigte gekommen. Und zu der Zeit, als die Anzeige aufgenommen worden ist, war ich im Urlaub. Nach dem Urlaub hab ich mal nachgeschaut: Was war denn so in meiner Abwesenheit? Und dann hat das halt der Kollege bearbeitet. Und der hat natürlich nicht zurückgeschaut, dass wir das schon ein halbes Jahr auf der Dienststelle gehabt haben. Also, ich sag mal, wenn ich es nicht allein machen würde, würde ich es natürlich auch nicht so überblicken."

Mit nachdenklichem Blick auf den kleinen Käfig räumt Schneider ein: Ihm kommt auch die überschaubare Situation zugute. Knapp 130.000 Einwohner zählt Fürth, eine kleine Großstadt. 416 Räder wurden hier im vergangenen Jahr als gestohlen gemeldet. Zum Vergleich: In Berlin waren es rund 27.000.

Fast jeder fünfte Fall wird aufgeklärt

Aber Quoten können durchaus für sich sprechen: Und Schneider klärte 2020 fast jeden fünften Diebstahl auf, doppelt so viele Fälle wie die Kollegen im Bundesdurchschnitt.

"Sehr viel Unterschied macht auch eine akribische Ermittlungsarbeit", meint Schneider "Je mehr man einsetzt, desto mehr holt man auch raus."

Die telefonische Recherche bei den Händlern ist dabei nur ein Baustein. Regelmäßig fährt Schneider auch selbst zu An- und Verkaufsstellen, um nach gestohlenen Rädern zu suchen.

In seinem Laden hat sich Fahrradverkäufer Oliver Seitz zu einer kleinen Sitzgruppe im Eck begeben und überblickt die gut hundert Räder im Geschäft.

"Offensichtlich ist es in vielen Gegenden nicht so en vogue, sich mit Fahrradaufklärung zu beschäftigen. Aber hier in Fürth haben wir auch, statistikmäßig belegt, sehr umtriebige Leute, die sich bei der Polizei dahinterklemmen und oft auch ihre Pappenheimer kennen. Deswegen haben wir da sehr gute Erfolgsaussichten."

Und so ist Seitz froh, dass seine Kundinnen und Kunden nicht überwiegend Beklaute auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz sind.

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