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Tonart | Beitrag vom 27.01.2017

Fado-Musikerin Lula PenaDüster, ohne deprimierend zu sein

Von Kerstin Poppendieck

Die portugiesische Musikerin Lula Pena  (Lucile Dizier / Promo )
Die portugiesische Musikerin Lula Pena (Lucile Dizier / Promo )

Seit über 20 Jahren macht die portugiesische Fado-Sängerin Lula Pena nun schon Musik. Gerade ist erst ihr drittes Album erschienen. "Archivo Pittoresco" heißt es - und es ist wiederum ein ganz besonderes Werk.

Rose. Da gibt es den Frauennamen Rose, die Farbe Rosé, natürlich die Blume Rose und dieses Lied auf dem neuen Album von Lula Pena. Ursprünglich eine Komposition des brasilianischen Musikers Ederaldo Gentil, hat Lula Pena ihre ganz eigene Version daraus gemacht. Sie mochte die Mehrdeutigkeit des Wortes und den Interpretationsspielraum, den es ließ. Ist jetzt die Rede von der Blume oder einer Frau? Ein Wort, das Menschen animiert nachzudenken und offen zu sein. Genau dieser Ansatz ist prägend für Lula Penas neues Album "Archivo Pittoresco", was auf Spanisch soviel heißt wie "malerisches Archiv".

"Der Titel 'Archivo Pittoresco' geht zurück auf eine Bewegung von Malern im 19. Jahrhundert, die beschlossen hatten, nicht mehr nach den Regeln der Lehrbücher und der alten Muster zu zeichnen. Stattdessen wollten sie ganz neue Wege gehen. Natürlich stießen sie dabei auch auf Gegenwehr. Aber sie wollten die Dinge einfach anders sehen. Und genau das versuche ich auch. Ich will anders hören und andere Wege in der Musik gehen. Aber das ist gar nicht so leicht, weil es so viele Regeln gibt, die man zu befolgen hat."

Lula Pena ist Musikerin und Performance-Künstlerin. Innerhalb von fast 20 Jahren ist "Archivo Pittoresco" erst ihr drittes Album. Sie tut sich schwer mit den Spielregeln des Musikbusiness. Zum Beispiel, dass auf ein Album einzelne Songs gehören und nicht ein langes Stück. Das nämlich war ihre Idee. Natürlich hat sich ihre Plattenfirma darauf nicht eingelassen, aber Lula Pena hat einen cleveren Kompromiss gefunden: Sie hat die einzelnen Titel so dicht aneinander produziert, dass sie nahtlos in einander fließen. Es klingt, als würde sich jeder neue Titel aus dem vorherigen entwickeln. Wie eine Rose, die immer weiter aufblüht, um beim Rosenbild zu bleiben.

Beeindruckendes Gitarrenspiel

Nur wenn man genau hinhört oder den Blick auf das Display des CD-Players hat, nimmt man wahr, wenn ein neuer Song beginnt. Ihr beeindruckendes Gitarrenspiel, bei dem sie die Saiten mal zupft und mal den Gitarrenkorpus rhythmisch schlägt, erzeugt einen warmen und intimen Klang, düster, ohne deprimierend zu wirken. Eher diese Winterdüsternis, wenn kurz nach 16 Uhr die Sonne untergeht. Ergänzt von ihrer tiefen, dunklen Stimme. Gerade weil Lula Pena so wenige Alben in ihrer Karriere produziert hat, sind diese Aufnahmen etwas Besonderes.

"Ich sage nie: Okay, es ist Zeit für ein neues Album. So arbeite ich nicht. Ich mache Musik. Ich erforsche die Verbindungen von Tönen und Performances. Ich versuche, durch Musik besondere Orte zu schaffen. Dabei denke ich nicht an Alben. Deshalb dauert es auch immer so lange, bis ich ein Album fertig habe. Es ist, als ob das Leben zu mir sagt: Nein, mach etwas anderes. Das hier hat doch keinen Sinn. Und es stimmt.

Es klingt vielleicht komisch, aber für mich hat es wirklich keinen Sinn, ein Album zu machen. Es ist sinnvoll, aufzutreten, Musik live auf einer Bühne zu machen zusammen mit anderen. Ein Album ist mir nicht wichtig. Ich denke dabei auch ökologisch und frage mich, warum wir weiter unsere Umwelt verschmutzen müssen mit CDs. Außerdem ist so eine CD einfach nur ein Stück Plastik, das immer gleich klingt. Die Musik entwickelt sich nicht. Indem wir eine CD aufnehmen, lassen wir unsere Musik stagnieren."

Musik als Sinnbild des Lebens

Lula Pena hat einen faszinierenden Ansatz beim Musikmachen. Sehr spirituell. Musik quasi als Sinnbild des Lebens. Beides fließt permanent. Mal in eine Richtung, mal in eine andere. Das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen stressigen wie ruhigeren Zeiten und diesen Wechselbädern der Gefühle und Wahrnehmungen, spiegelt Lula Pena in ihrer Musik durch verschiedene Genres und Stile wider. Auch auf dem neuen Album. Volksmusik, Folk, Blues, Flamenco, französisches Chanson, Fado und Bossa Nova zum Beispiel. Wobei die Grundstimmung immer gleich bleibt, ohne klangliche Ausbrüche. Dazu singt sie in Portugiesisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Griechisch oder Italienisch.

"Diese Sprachen sind für mich eine Möglichkeit, Freiheit auszudrücken, und sie erlauben mir, mehr aus mir zu machen als ich bin, mich weiterzuentwickeln, anders zu denken, Gefühle und Gedanken anders auszudrücken. Ich empfinde es befreiend, verschiedene Sprachen zu verwenden. Und ich kann mehr Menschen erreichen."

Lula Pena will lieber live spielen als Alben aufzunehmen, weil sie glaubt, so ihr Publikum mehr berühren zu können und etwas bei ihm auszulösen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Dieses Album ist jedenfalls der Beweis, dass trotz aller Zweifel Lula Penas auch ein Album bei den Menschen viel bewegen kann.

Lula Pena mit dem Song "O negro que sou" auf Youtube

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